Ich mach' dann mal halblang

Herzlichen Glückwunsch an alle, die in den nächsten Tagen in Frankfurt oder in Roth auf die Langdistanz gehen! Ihr werdet Großartiges erleben! Würde ich das sprechen und nicht schreiben, man könnte einen leichten Seufzer in meiner Stimme hören. Denn nach drei Jahren werde ich diesmal nicht dabei sein - und das tut weh!

Von > | 2. Juli 2015 | Aus: SZENE

Thorsten Schröder | Tagesschausprecher Thorsten Schröder bereitet sich auf den Ironman in Frankfurt vor.

Tagesschausprecher Thorsten Schröder bereitet sich auf den Ironman in Frankfurt vor.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Schmerzen bin ich von der Langdistanz gewohnt, aber nicht solche. Das Erlebnis ist einzigartig und wird mir fehlen, das ist mir Anfang Mai auf Mallorca über die Mitteldistanz klar geworden. Eine solches Rennen ist auch ein großer Spaß und eine große Herausforderung. In der aktuellen Ausgabe der triathlon(Nr. 133) ist das ausführlich beschrieben. Aber für mich gilt noch immer: doppelte Strecke, doppelter Kick.

Dazu gehört schon die Aufregung nach dem Aufwachen am Renntag morgens um kurz vor 4 mit all den Selbstzweifeln: Wie bitteschön soll ich nach den paar Stunden Schlaf (wenn ich überhaupt ein Auge zugemacht habe) aus eigener Kraft 226 Kilometer schaffen? Monatelang habe ich mich intensiv auf diesen einen großen Tag vorbereitet und auf vieles verzichtet, aber geht auch alles gut auf dieser wahnsinnig langen Strecke? Habe ich  genug trainiert? Wie heftig wird das Treten und Schlagen im Wasser? Wird mein Magen die wenig delikaten Kohlenhydratgels verkraften? Wie viel Zeit verliere ich auf dem Dixie-Klo? Meldet sich doch wieder die Schulter, das Knie oder die Achillessehne? Komme ich ohne platten Reifen davon? Spielt das Wetter mit? Werde ich Spaß haben oder wird es eine einzige Qual? Schaffe ich eine Bestzeit? Frust und Freude - der Wettkampftag hält alles bereit. Und nach vielen Stunden läuft man tatsächlich über die Ziellinie. Völlig erschöpft, aber auch völlig beglückt.

Zurück mit Psychotrick?

Ich hatte mich im vergangenen Jahr von diesem Erlebnis verabschiedet, weil beim Training der Spaß zu oft auf der Strecke blieb. Weil ich mehr arbeiten musste als in den Jahren davor, fühlte ich mich in der Vorbereitung gehetzt: Ich hechelte vom Job zum Training und wieder zum Job und von dort aus direkt zum Training. Deshalb war ich schon kurz vor meiner dritten Ironman-Teilnahme wild entschlossen, künftig nur noch halblang zu machen. Mitteldistanzen müssen reichen, sie sind ja auch was Schönes. Als aber im November die neue Saison begann, war der Entschluss überhaupt nicht mehr wild, sondern weich. Mit einem Psychotrick schien ich aber doch von der Droge Langdistanz runterzukommen: Ich sagte mir, ich könne beim Training für die Mitteldistanz meine Grundgeschwindigkeit erhöhen und im Jahr darauf schneller als zuvor auf die lange Distanz zurückkehren - mit besseren Chancen auf eine Hawaii-Quali! Man wird ja wohl noch träumen dürfen! Ich glaube derzeit allerdings nicht, dass ich bald wieder eine Langdistanz absolviere, denn ich bin höchst zufrieden: Ich trainiere zwar immer noch fast täglich, aber bei Weitem nicht mehr so lang. Das Pensum kann ich gut in meinen Alltag einbauen und es macht wieder ausschließlich Spaß! Es macht allerdings auch wehmütig, denn die Zuschauerrolle bei den anstehenden Rennen in Frankfurt und Roth ist nicht so packend wie das Mitmachen. Aber nun kann ich die Sportler anfeuern und damit das tun, was mir selbst auf der Strecke immer sehr geholfen hat. Vielleicht ist diese Konfrontationstherapie vor Ort beim Rennen auch dafür gut, mit dem Entzug klarzukommen. Ein Rückfall ist dennoch nicht ausgeschlossen.