Joseph Spindler: "Ich will in Europa etwas aufbauen"

Joseph Spindler hat als Sportler mehrere große Rennen über die Langdistanz gewonnen und unter Brett Sutton trainiert. Mittlerweile eifert der Oberbayer seinem australischen Mentor als Trainer nach - ohne zu seiner Kopie werden zu wollen.

Von > | 22. November 2015 | Aus: SZENE

Diana Riesler - Ironman Malaysia 2015 | Diana Riesler mit Coach Jo Spindler nach dem Ironman Malaysia 2015

Diana Riesler mit Coach Jo Spindler nach dem Ironman Malaysia 2015

Foto >privat

Brett Sutton, unter anderem Trainer der Ironmanweltmeisterin Daniela Ryf und von Olympiasiegerin Nicola Spirig (beide SUI), ist sich sicher: "Es wird Zeit, dass die Leute dem Coach Joseph Spindler ernsthaft Aufmerksamkeit widmen", twitterte der nach wie vor umstrittene, aber auch unbestritten erfolgreiche Australier nach dem Sieg von Spindlers Athletin Diana Riesler beim Ironman Malaysia am vergangenen Wochenende. Schon länger rührt Sutton die Werbetrommel für Spindler, den er an anderer Stelle gewohnt selbstbewusst auch bereits als den besten deutschen Trainer bezeichnete. Nicht von ungefähr: Spindler hat dieses Jahr mit seinen Profiathleten drei Ironman-Titel und den Sieg beim prestigeträchtigen Embrunman eingefahren - und vor allem ist er Suttons eigener Zögling. Trainierte er als Athlet im TeamTBB noch unter dem Australier, verlagerte er sich nach und nach mehr auf das Anleiten anderer Sportler. Seit zwei Jahren ist Spindler ausschließlich als Trainer in Suttons "trisutto.com"-Stab aktiv - und hat sich vorgenommen, Suttons Ideen auf seine eigene Art auch in Europa umzusetzen.

"80 Prozent der Arbeit ist gleich"

Fünf Profis, darunter die mehrfache Ironman-Siegerin Diana Riesler, und zusätzlich einige Agegrouper trainiert der 41-Jährige mittlerweile selbst. Seinen Lebensmittelpunkt hat er über weite Teile des Jahres nach Mallorca verlegt - dort will er auch eine Trainingsgruppe aufbauen, "wie sie in Australien und Amerika oft üblich sind, in Europa aber nicht so sehr", erzählt Spindler. Zehn bis etwa 20 Profis will er in dieser Gruppe zusammenbringen, sodass die Athleten im Training voneinander profitieren können. "Gemeinsam kann man in harten Einheiten mehr rausholen. Genauso können wir diejenigen Jungs, die immer zu hart Rad fahren, auch mit denjenigen Mädels zusammenstecken, die immer zu locker fahren. Am Ende profitieren beide", erzählt Spindler.

Das Prinzip dieser Gruppen hat sich Spindler unter Sutton angeeignet. "Ich gehöre zur zweiten Trainergeneration, die Brett ausgebildet hat", erzählt Spindler. "Auch die erste Generation um Übungsleiter wie die Amerikanerin Siri Lindley und Suttons Landsmänner Darren Smith, Craig Wailton und und Ben Bright, die große Teile der Weltelite bei sich vereinen, nutzt dieses Prinzip." Gerade in Europa hätten die professionellen Athleten aber häufig Probleme, sich dauerhaft auf diese Gruppen einzulassen. "Wir hatten schon häufiger Besuch von talentierten Sportlern", erinnert sich Spindler. "Aber viele kommen nicht damit zurecht, dass sie zuhause immer die 'Local Heroes' sind, ihnen im Camp aber an manchen Tagen sogar die Frauen um die Ohren fahren." Beißt man sich aber durch und nutzt diese Dynamik, ist Spindler überzeugt, mache genau das den Unterschied zwischen sehr guten und überragenden Athleten aus. "Das eigentliche Training verschiedener Coaches ist zu 80 Prozent gleich", meint Spindler. Der Unterscheid sei, welches Umfeld der Trainer seinen Athleten schaffe.

Spindler_2009 | Auch als Athlet erfolgreich: Joseph Spindler gewann unter anderem die Langdistanz in Köln 2009

Auch als Athlet erfolgreich: Joseph Spindler gewann unter anderem die Langdistanz in Köln 2009

Foto >Sina Horsthemke / spomedis

60-Kilometer-Läufe für das Selbstvertrauen

Deshalb ist Spindler aktuell auf der Suche nach weiteren Athleten, die sich seiner Gruppe anschließen wollen. Schon bis zum Frühjahr will er auf Mallorca zehn Profis vereinen, die er langfristig aufbauen möchte. "Den Leuten muss aber klar sein, dass wir Zeit brauchen", sagt Spindler. Man rede nicht über Wochen, auch nicht über Monate - zwei bis drei Jahre dauere es bei nachhaltiger Arbeit, bis sich ein sehr guter Athlet auch auf Profiniveau etablieren könne. "Viele verbinden mit Brett Suttons Trainingsphilosophie, dass er Riesentalente einfach wahnsinnig viel trainieren lässt - und wer durchkommt, wird Weltmeister." Genau das sei aber nicht der Fall. "Im Gegenteil: Brett muss viele Athleten bremsen. Er ist mit dem Alter weicher geworden." Sutton habe daraus gelernt, dass er einige Sportler zu stark gefordert habe, und gebe dieses Wissen nun an seine Coaches weiter. "Er ist eine enorme Quelle", sagt Spindler. "Er weiß, welche Einheiten für welche Sportler funktionieren." Auch wenn er dann vielleicht nicht immer erklären kann, warum das so ist.

Auch die berüchtigten, verrückt anmutenden Trainingseinheiten mute er nicht jedem zu - sondern setze sie nur ganz gezielt bei wenigen Athleten ein, um die selbst errichteten Grenzen in ihren Köpfen einzureißen. Zum Beispiel habe Sutton Belinda Granger einst 60 Kilometer lang laufen lassen, um ihr läuferisches Selbstvertrauen aufzupolieren. "Wie Brett auf Leute eingeht, wie er Alphatiere um sich schart und doch für alle die richtige Ansprache findet - das habe ich noch bei keinem anderen Trainer gesehen", schwärmt Spindler von seinem Ex-Coach und Mentor. "Das sind Dinge, die man in keinem Buch lernen kann. Doch der psychologische Aspekt ist an der Weltspitze genauso wichtig wie das reine Training." Diesen Ansatz will der Deutsche nun auch mit seiner Gruppe auf Mallorca umsetzen. Eins möchte Spindler aber auf keinen Fall: Nur eine Kopie des Australiers sein.