Klärung ohne Klarheit

Wenige Tage vor dem Ironman auf Hawaii ist der österreichische Triathlonprofi Michael Weiss in seiner Heimat vom Dopingvorwurf freigesprochen worden. Vorerst - denn noch könnten Verband oder NADA einen der Belastungszeugen zur Aussage bewegen.

Von > | 30. September 2010 | Aus: SZENE

Michael Weiss | Michael Weiss

Michael Weiss

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Die Dopingakte Michael Weiss ist geschlossen. Doch allzuweit zur Seite legen wird man das Dossier derzeit weder bei der NADA Austria noch beim Österreichischen Triathlonverband (ÖTRV) oder dem in der Sache eigentlich zuständigen Österreichischen Radsportverband (ÖRV). Zu belastend sind wohl die Hinweise auf ein mögliches Dopingvergehen des 29-jährigen ehemaligen Mountainbike-Profis, der nach Ermittlungen der von der Wiener Staatsanwaltschaft eingesetzten Sonderkommission ("SOKO Doping") im Verlauf des Jahres 2005 mehrmals die sogenannte Wiener Blutbank Humanplasma aufgesucht haben soll. Dafür gibt es mindestens vier Zeugen, wie NADA-Geschäftsführer Andreas Schwab gegenüber tri-mag.de bestätigt: drei Angestellte von Humanplasma, unter ihnen ein Mitglied der damaligen Führungsetage, sowie den als "Doping-Kronzeugen" fungierenden ehemaligen Radprofi Bernhard Kohl. Dieser soll der SOKO Doping vor Jahresfrist von drei Fahrten zur Humanplasma berichtet haben, die er gemeinsam mit dem heutigen Triathleten Weiss zum Zweck einer Blutentnahme durchgeführt habe. Bei solchen Besuchen gewonnene Blutkonserven sollen von Humanplasma zur späteren Rücktransfusion aufbereitet und gelagert worden sein, eine als Eigenblutdoping nach dem Code der World Anti Doping Agency (WADA) verbotene Methode.

Belastungszeuge Kohl erscheint nicht

Genau diesen Regelverstoß aber konnte die fünfköpfige Rechtskommission der NADA Austria im Fall Michael Weiss nicht zweifelsfrei belegen. Denn der wichtigste Belastungszeuge in der Causa, Bernhard Kohl, war am 27. September trotz Ladung zum wiederholten Male nicht zum mündlichen Beweisverfahren erschienen - angeblich auf Anraten seines Rechtsanwalts. Konkrete Gründe für diese Entscheidung wurden nicht bekannt. Erst vor wenigen Wochen war der österreichische Triathlonprofi Hannes Hempel unter anderem aufgrund belastender Aussagen Kohls von der NADA gesperrt worden. "Durch Kohls Fernbleiben war ein faires Verfahren nicht möglich", so Schwab. Der "Prüfantrag" der NADA-Rechtskommission gegen Michael Weiss habe sich schließlich im Wesentlichen auf Kohls - übrigens weiterhin aufrechterhaltene - Aussagen gegenüber der SOKO Doping gestützt, die Weiss bestreitet. "Dem Beschuldigten (Weiss) hätte die Möglichkeit gegeben werden müssen, den Zeugen (Kohl) im Rahmen des Beweisverfahrens direkt zu befragen und sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen. So ist es als übergeordnetes Grundrecht in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankert", begründet der NADA-Geschäftsführer den nun erfolgten Freispruch. "Der Fall Michael Weiss ist damit für die NADA juristisch geklärt."

Vorerst. Denn nach einem Anfang 2010 in Kraft getretenen Bundesgesetz haben NADA Austria, ÖRV und ÖTRV noch bis zu vier Wochen nach der Zustellung des Urteils die Möglichkeit, Rechtsmittel gegen die Entscheidung einzulegen. Auf diese Möglichkeit habe man ausdrücklich nicht verzichtet, so Schwab gegenüber tri-mag.de. "Es könnte sein, dass wir noch einen Zeugen zur Aussage vor der Rechtskommission bewegen." Ob man den Freispruch im Fall Weiss bei der Agentur intern als Rückschlag empfindet, war dem Geschäftsführer nicht zu entlocken. Seit rund zwei Jahren arbeite man sich durch "mehrere Tausend Seiten" von Ermittlungsakten, die die im Zuge der Affären Kohl, Hütthaler, Zoubek und Matschiner gegründeten SOKO Doping zusammengetragen hat. Der "international beispiellose Prozess der Vergangenheitsaufarbeitung" werde "wahrscheinlich noch Jahre dauern", sagt Schwab. Nicht auszuschließen, dass sich dabei auch in Sachen Michael Weiss neue Hinweise ergeben. "Dann wäre der Fall ganz neu aufzurollen."