Mentale Stärke - eine unterschätzte Energiequelle?

Überall liest man über mentale Stärke und ihre Bedeutung im Sport. Auch ich habe im Vorfeld dieser Saison an meinen mentalen Schwächen gearbeitet, sie jedoch mehr auf den Alltag und das Training bezogen. Ich habe mich nie darum gekümmert, dass ich auch im Rennen an meine mentalen Grenzen stoßen könnte. Doch es kam anders.

Von > | 27. Mai 2015 | Aus: SZENE

Fabian Rahn - Blog 7 NEU | Fabian Rahn - Blog 7

Fabian Rahn - Blog 7

Foto >Ingo Kutsche

Bisher begannen Rennen für mich stets erst mit dem Rad fahren und ab da versuchte ich, alles raus zu hauen. Allerdings weiß ich seit dem 70.3 Mallorca nun, dass es auch ganz anders kommen kann und das hat mich ein wenig schockiert.

Gefangen im Selbstmitleid

Ich bin mir sicher, dass viele von euch auch in Wettkämpfen bereits mental sehr stark zu kämpfen hatten, um überhaupt den Zielstrich zu erreichen. Ob es sich dabei um eine Sprint- oder Langdistanz handelte, sei mal außen vor gelassen. Ich für mich kann nur sagen, dass ich geschockt war, dass ich bereits nach 100 Metern im Wasser quasi das Rennen weggeschmissen habe. Aber wie konnte das passieren? War ich in miserabler körperlicher Verfassung? Wurde ich am Start derart verprügelt, dass ich nicht mehr schwimmen konnte? All diese Fragen kann ich verneinen. Mein einziges Problem war mein Kopf und das hatte es richtig in sich an diesem Tag. Schaltete ich bereits nach 100 Metern in den Standby-Modus, war die Messe nach dem Radaufstieg bereits gelesen, da ich mit nur einem Plan ins Rennen gegangen bin: Ich dachte, dass ich mit etwa vier Minuten Rückstand auf die Spitze aufs Rad steigen werde und nicht, wie dann geschehen, mit fünfeinhalb. Da ich mich über den Winter im Schwimmen deutlich verbessern konnte und dies auch in den ersten beiden Triathlons auf Mallorca zeigen konnte, dachte ich, dass dies ein Selbstläufer werden würde. Der nicht einkalkulierte Rückstand brachte mich also völlig aus dem Konzept. Die „abschließenden“ 90 Radkilometer plus Halbmarathon wurden dann nur noch zu einer schnelleren Grundlageneinheit. Obwohl mich noch sehr starke Radfahrer von hinten überholten und ich diese auch hätte halten können, war mein Kopf nicht mehr bereit dazu, mich von meinem Selbstmitleid zu befreien.

Weg mit den Nebenschauplätzen

Nun ging zwar das erste große Rennen dieser Saison in die Hose, aber ehrlich gesagt bin ich seit ein paar Tagen sogar ein bisschen froh, dass es so gekommen ist. Fast jeder freut sich über Erfolg und sonnt sich meist so lange darin oder verändert zumindest nichts, bis er mal wieder einen Dämpfer erhält. Ich für meinen Teil habe beschlossen, die begangenen Fehler zu ändern, damit mir sowas nicht mehr passiert. Zu allererst wären dies die Fehler, die ich bereits im Vorfeld gemacht habe. Ich kann euch nur raten: Geht niemals mit nur einem Plan ins Rennen, sondern habt noch Plan B oder gar Plan C in petto, egal wie gut eure Trainingsergebnisse im Vorfeld waren. Im Rennen kann immer etwas schief gehen und dann ist es wichtig, dass ihr den Misserfolg abhakt und euch auf die nächsten Aufgaben fokussiert. Apropos Fokus: Ein weitere Fehler, den ich im Vorfeld dieses Rennens beging war, dass ich mich in den fünfeinhalb Wochen auf zu vielen „Nebenschauplätzen“ bewegte, die mir schlussendlich wohl auch den Fokus nahmen und mir den Nerv zogen. Gemeint sind die vielen Triathloncamps, die ich mit Jörg Birkel bis eine Woche vor dem Wettkampf leitete. Damit dies nicht falsch verstanden wird, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass es wirklich großen Spaß gemacht hat, mit so vielen unterschiedlichen Personen zu arbeiten und ich dies nächstes Jahr auch gern wieder machen möchte, aber dann nicht mehr bis eine Woche vor einem so wichtigen Wettkampf. Zu guter Letzt solltet ihr ein Vorstartritual besitzen, damit ihr euch nicht von allen möglichen Dingen ablenken lasst. Ich war vor dem Start quasi überhaupt nicht nervös und war irgendwo ganz anders, aber nicht da wo ich hätte sein sollen und zwar bei mir und fokussiert!

Die Psyche: Das unbekannte Wesen

Natürlich bleibt eine mangelhafte Vorbereitung nicht unbestraft, deshalb kam es, wie es kommen musste und ich stellte nach 100 Metern das Vollgasschwimmen ein. Fatal, wenn man ganz genau weiß, dass die ersten 200 bis 300 Meter die wichtigsten auf einer Mitteldistanz sind. Ich für meinen Teil habe daraus den Schluss gezogen, dass ich mich in Zukunft verstärkt auf die Startphase konzentrieren muss, da diese alles von mir abverlangt und ich mental topfit da sein muss, wenn der Startschuss erfolgt. Wenn also in eineinhalb Wochen im Kraichgau „Hells Bells“ von AC/DC ertönt, sollte der Automatismus anlaufen und der Fokus auf dem Startschuss liegen, damit das Déjà-vu ausbleibt. Dieses beschriebene Vorgehen ist wahrscheinlich nur für einen schlechteren Schwimmer wichtig, da er danach konzentriert ist und weiß, was zu tun ist. Ein schlechterer Radfahrer oder Läufer macht sich über den Schwimmstart wohl kaum Gedanken, da er davor keinen Bammel hat. Aber jeder ambitionierte Sportler kann wohl für sich behaupten, dass er des Öfteren negative Erfahrungen mit seiner Psyche macht und ihm diese bessere Ergebnisse vermasselt. Wenn dem so ist, könnt ihr das akzeptieren oder versuchen zu ändern. Meiner Meinung gibt es nämlich fast nichts Schlimmeres, als in Topform zu sein und sich von der eigenen Psyche den Knockout verpassen zu lassen. Umgekehrt kann dir deine Psyche aber einen körperlich schlechten Tag retten, indem sie dich leitet und dir unmissverständlich klar macht: „Nein Fabian, aufgeben ist nicht. Die Beine sind zwar nicht da heute, aber du liegst gut im Rennen und das Buffet im Ziel schmeckt mit Finish deutlich besser!“

Manchmal ist eine Niederlage für die Zukunft das Beste, was einem passieren kann, denn sie zeigt euch schonungslos auf, was ihr falsch gemacht habt und woran ihr in Zukunft arbeiten solltet. Also zerbrecht nicht an Niederlagen, sondern hebt euren Allerwertesten und macht es beim nächsten Mal besser. Denn jeder erfolgreiche Sportler hat bis zu seinen größten Erfolgen bereits niederschmetternde Niederlagen erfahren müssen, jedoch haben diese sich dann kurz geschüttelt und von Neuem angefangen, um irgendwann den Erfolg einzufahren, den sie sich so sehr wünschten.

Bis bald,
Euer Fabian