Pinkeln, Pause!

Ich war schon in Lauf-, Höhen- und Schwimmtrainingslagern. Aber in einem Triathlontrainingslager? Noch nie! Höchste Zeit, das mal auszuprobieren – und die Eindrücke als Camp-Rookie aufzuschreiben.

Von > | 17. März 2013 | Aus: SZENE

Pinkelpause Radfahren | Pinkelpause beim Radfahren auf Mallorca

Pinkelpause beim Radfahren auf Mallorca

Foto >Christian Bück

Ich bin noch gar nicht Rad gefahren in diesem Mallorca-Trainingscamp, aber die Sache mit den Pinkelpausen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Pinkelpausen müssten beim Guide der Radgruppe angemeldet werden, hieß es bei der Vorbesprechung zum Thema „Verhalten in der Radgruppe“. Der Guide entscheide dann, wann und wo gepinkelt wird. Also nicht der, der pinkeln muss. Der darf nur sagen, dass er muss. Und damit mündlich einen Boxenstopp für die ganze Gruppe beantragen. Eine gute Regel, finde ich, schließlich kann ein Guide unmöglich über mehrere Stunden eine Gruppe Radfahrer zusammenhalten, wenn alle zehn Minuten ein anderer anhält und sich in die Büsche schlägt. Vom Sicherheitsaspekt ganz zu schweigen natürlich. Aber jetzt frage ich mich: Wann sage ich am besten Bescheid? Wenn ich wirklich schon muss? Oder lieber schon, wenn ich nur kurz davor bin, zu müssen? Wenn ich muss, dann muss ich. Dann kann ich nicht noch 20 Kilometer durch die mallorquinischen Berge strampeln und darauf hoffen, dass der Guide irgendwann gnädig das Signal zum Rudelpinkeln gibt.

Stille Post

Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass so ein Guide wenig begeistert ist, wenn ich schon nach fünf Kilometern ankündige, mit großer Wahrscheinlichkeit in einer halben bis Dreiviertelstunde müssen zu müssen, er könne sich ja jetzt schon mal eine gute Haltestelle überlegen. Das kommt bestimmt nicht so gut. Nicht auszudenken auch, wenn ich gerade dann zu müssen begönne, wenn dieser Guide gerade vorn führe und ich irgendwo hinten rollte, außer Hörweite. Würde der Pinkelpausenantrag dann bis zu ihm weitergeflüstert, wie bei Stille Post? „Sina muss mal“, „Sina mussmal“, „Sinamussmal“ – wer weiß, was vier Radlängen weiter vorn daraus würde? Unter uns: Ich habe einen Verdacht. Diese Pinkel-Antragspflicht ist nur ein taktischer Schachzug der Radgruppenleiter. Wenn sie dem ersten Quengeln nicht gleich nachgeben, sondern noch zehn Kilometer weiter fahren, ist nämlich die Wahrscheinlichkeit groß, dass dann mindestens drei weitere Mitfahrer müssen. Man schlüge sozusagen vier volle Blasen mit einer einzigen kleinen Pause. Die Gruppe könnte viel reibungsloser rollen! Vielleicht gibt es sogar ein Pinkelpausen-Ranking unter den Guides: Wer am Ende des Camps die meisten Stopps verbucht, muss beim nächsten Mal die Klos putzen. Oder so ähnlich. Dann doch lieber Pinkelpausen wegorganisieren, mit Pannenstopps zusammenlegen, den Blasenschwachen gut zureden. Ist das das Geheimnis des runden Tritts, wenn es bei einer Gruppe ohne Unterbrechungen richtig rund läuft?

Belgischer Kreisel?

Und wo wir schon bei Begriffen aus dem Radsport sind: Wie wäre es, wenn man aus dem Rudelpinkeln ein paarweises Wasserlassen im belgischen Kreisel machte? Ich stelle mir das so vor: Zweierreihe, die ersten beiden treten an. Sie reißen eine Lücke, halten nach ein paar Hundert Metern im Sprint am Straßenrand an, pinkeln so lange, bis die Gruppe sie überholt – und reihen sich dann wieder hinten ein. Je voller die Blase, desto länger der Sprint, desto länger die Pause. So bräuchte man überhaupt keine offiziell genehmigten Stopps mehr und könnte das Ganze noch sinnvoll mit hochintensivem Intervalltraining kombinieren (die Guides müssten allerdings darauf achten, dass gleichgeschlechtliche Paare in den Reihen rollen; es gäbe dann alle paar Kilometer im Wechsel mal eine Herren- und mal eine Damentoilette). Bis meine Idee die Camp-Regeln revolutioniert, werde ich dieses Pinkelproblem einfach aussitzen, im wahrsten Wortsinn. Werde mir sowohl den förmlichen Antrag als auch den Druck der Blase verkneifen und hoffen, dass irgendwann jemand anders als erstes um einen Boxenstopp bittet. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich dann mal nicht muss, lasse ich eben beim Wassertrinken die anderen Wasser lassen. Denn, so hieß es auch in dieser  Vorbesprechung: Nicht alle müssen bei Pinkelpausen pinkeln. Nur die, die müssen, die müssen.