Von 100 auf 0 - vom Ironman zu "No Sports"

Mittlerweile laufe ich wieder, ich war schon wieder schwimmen und ich saß auch wieder auf dem Rad, aber nach meinem Ironman-Rennen in Frankfurt habe ich zunächst ungefähr so viel gemacht: Nullkommanix!! Denn ich saß tief unten in einem Loch und kam tagelang nicht heraus.

Von > | 5. August 2013 | Aus: SZENE

Thorsten Schröder | Tagesschausprecher Thorsten Schröder bloggt jetzt auf tri-mag.de

Tagesschausprecher Thorsten Schröder bloggt jetzt auf tri-mag.de

Foto >Nis Sienknecht / spomedis

Ich hatte keine Lust, mich auch nur einen einzigen Meter sportlich fortzubewegen. Nicht einen Tag, nicht zwei Tage, sondern exakt elf Tage lang habe ich die Beine hochgelegt und konnte mich nicht zu der "aktiven Regeneration" aufraffen, die mir mein Trainingsplan empfohlen hatte. Dabei waren das höchstens mal 45 Minuten Radfahren oder ein halbes Stündchen Laufen. Kinderkram im Vergleich zur Ironman-Vorbereitung. Aber nach achteinhalb Monaten strenger Trainings-Disziplin und nach dem Wettkampf selbst waren mir sogar diese kleinen Aktivitäten viel zu mühsam. Der Muskelkater hatte sich dank einer großartigen Massage zwar schnell verflüchtigt, aber eine Woche lang war ich müde vom Ironman in Frankfurt.

Entsetzer Finisher

Den habe ich übrigens in 11:01:31 Stunden hinter mich gebracht. Eigentlich eine völlig akzeptable Zeit für mich, doch kein anderer Finisher ist so entsetzt ins Ziel gelaufen wie ich. Und das kam so: Mir war beim Marathon schon frühzeitig klar, dass mein Vorhaben scheitern könnte, unter elf Stunden zu bleiben. Also verließ ich die Wohlfühlzone mit dem angenehmen Lauf-Tempo und kämpfte. In der Hitze von Frankfurt holte ich alles aus mir heraus, was auch akustisch deutlich vernehmbar war. Die Läufer, die ich auf den letzten Kilometern überholte, hörten mich schon Weitem heranrauschen, so laut keuchte und stöhnte ich mit jedem Schritt. Aber es hatte sich gelohnt. Glaubte ich zumindest, als ich den roten Teppich kurz vorm Ziel erreicht hatte! Meine Uhr zeigte mir 10:56 Stunden an. Ich würde es also schaffen und war überglücklich. Glückstränen machten sich bereit, die Augen wurden langsam wässrig.

Sie trockneten allerdings von einer Sekunde auf die andere: als ich die Uhr über dem Zielstrich erblickte. Da stand eine 11! Ich konnte es nicht fassen und starrte auf diesen letzten Schritten auf dem Römerberg entsetzt und ungläubig auf die leuchtend rote Zahl, in der Hoffnung, mich verguckt zu haben. Oder spinnt meine Uhr? Habe ich irgendwann zwischendurch auf Stopp und dann wieder auf Start gedrückt? Dubios, aber ich werde tatsächlich elf Stunden, eine Minute und ein paar Sekunden brauchen. Oder gibt es eine Brutto- und eine Nettozeit? Solche Gedanken schossen mir wild durch den Kopf, auf der Suche nach dem Fehler. Es gab leider keinen. Deshalb ist das Zielfoto alles andere als ein Foto des Jubels, der Erleichterung oder des Stolzes. Ungläubigkeit und Enttäuschung ist alles, was mir ins Gesicht geschrieben steht. Denn erstens war mir die Zielzeit ein Rätsel, zweitens war mein Endspurt völlig vergebens.

Stolz statt Frust

Fürs Zielfoto war es zu spät, aber kurz darauf war der Frust vergessen und ich war glücklich, auch den Marathon trotz der Hitze hinbekommen zu haben. Außerdem, dass mein Sturz mit dem Rad über Bahnschienen eine Woche zuvor ohne böse Folgen fürs Rennen geblieben war. Und auch der Frust über die etwa zehn Minuten lange Suche nach meinem Wechselbeutel nach dem Schwimmen war schnell verdaut. Übrig blieb die riesige Freude über das Finishen der langen Strecke ohne größere Pannen. Das alles konnte ich mir nämlich nicht recht vorstellen, als morgens um Viertel vor vier der Wecker klingelte. So unausgeschlafen sollte ich gleich 226 Kilometer bewältigen? Und am Ende der 180 Radkilometer fragte ich mich, ob ich mit diesen arg beanspruchten Oberschenkeln wirklich noch einen Marathon laufen kann. Ich konnte. Das Training hatte sich gelohnt!

Vollbremsung

Dann aber von Hundert auf Null, vom Ironman abrupt auf "no sports". Vielleicht war diese Phase für meinen beanspruchten Körper nicht die ideale Regeneration, aber für meinen Kopf war es wohl mal nötig, keine Gedanken an ein Sportprogramm verschwenden zu müssen, und sei es auch noch so klein. Ich wäre wohl elendig versackt in diesem Loch, hätte es zwei Wochen nach dem Frankfurter Event nicht den Hamburg Triathlon gegeben. Es blieb mir gar nichts übrig, als am zwölften Tag nach dem Saisonhöhepunkt meine Ruhephase zu beenden, wollte ich tags darauf beim Olympischen Triathlon nicht mit müden Gliedern und komplett eingerosteten Gelenken an den Start gehen.  Ein mühseliger Neuanfang, aber spätestens als ich auf dem Rathausmarkt über die Ziellinie lief, war klar, dass ich aus dem tiefen Loch herausgekrochen war. Genauso war klar, dass ich auch im  nächsten Jahr bei einem Ironman-Rennen wieder dabei bin und erst danach wieder eine längere Ruhepause einlege.