Warum nicht einfach mal mit Gefühl?

Der Ausdruck gesteuert von roboter-ähnlichen Mimiken. Überall blinkt und piept es. So viele Zahlen, dass man schon fast als Professor an der Uni arbeiten könnte. Nicht selten bestimmt heutzutage die Sportuhr, der Radcomputer oder der Wattmesser das Geschehen. Zeit, mal wieder etwas Nostalgie ins Spiel zu bringen. Wenn auch notgedrungen.

Von > | 3. Mai 2016 | Aus: Szene

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Der völlige Gefühlsverlust. Vertrieben von der Kontrolllust. Nummern und Zahlen verdrängen das Gefühl. Rationalität siegt über Emotionalität. Weil wir uns nicht mehr vollends vertrauen oder es verlernt haben, geben wir unsere Unsicherheit in die Hände von Technik. Garmin Edge hier, Forerunner da. Cosinuss im Ohr, Wattmesser zwischen den Füßen und Stryd um die Brust. Fertig ist der Robo-Triathlet. Nur ohne Schutzrüstung. Denn mit der wären wir unbesiegbar. Superhelden! Und nicht so aero wie im 2XU-Frodo-Einteiler.

Bevor der Triathlet sich nach einer langen und im besten Fall auch harten Trainingseinheit die Dusche gönnt, wird erst mal alles hochgeladen. Wer alles richtig eingerichtet hat, braucht dafür gar nichts machen - Bluetooth erledigt das schon. Next Step: Strava checken. Neue KOMs? NP? Suffer Score? Alles wieder rückwärts. And repeat. Thats the Game. Und jeder weiß das. Ich verurteile hier nicht. Lediglich stelle ich fest und bin selbst ein Gefangener in dieser Maschinerie. Zahlen-Fetischist. Datensammler, aber bitte valide. Rauf aufs Rad und bloß nicht die Natur genießen. Stattdessen der ständige Blick aufs Display, ob die Wattzahl stimmt. Ist der Powermeter mal kaputt, ist eine Tour unmöglich. Wie soll ich da nur trainieren? Nicht falsch verstehen: Ich bin ein Freund von effektivem Training und zähle Wattmessung mit zu den wichtigsten Utensilien im Training.

Jetzt war in den letzten Wochen aber mein Garmin Edge kaputt. Und nun stand ich da in Boulder. Hilflos einhämmernd auf das Display und um Hilfe betend per Video auf Facebook. Umsonst. Wie heißt es doch so schön im Glücksspiel:

„Nichts geht mehr."

Ja, braune Kacke. Also, war ich erstmal darauf angewiesen meinen Gefühlsapparat zu reaktivieren und nach Gefühl zu fahren. Kann ich das überhaupt noch? Traue ich mir das zu? Mir blieb nichts anderes übrig. Bei 22 Grad und Sonne das Rad in der Ecke stehen lassen, war für mich erst Recht keine Option. Früher ist der Besitzer meines Lieblings-Radladens Karl-Heinz Kunde aus Köln auch nach „jeföhl“ gefahren. Immerhin sieben Mal ins Gelbe Trikot der Tour de France. Also, zur Abwechslung mal Kopf hoch und die Natur genießen. Und ich sag Euch, das ist sowas von befreiend, mal nicht getrieben zu sein von einer digitalen Anzeige, die einen ständig foltert mit zu niedrigen Zahlen. Radfahren bekommt dann eine ganz andere Qualität. Einen ganz anderen Blickwinkel. Und es macht Spaß, sich selbst Vertrauen zu schenken. Wenn es denn andere schon schon nicht tun!

Und ich glaube, dass das Gefühl gar nicht soweit weg ist vom Hilfsmittel mit Zahlen. Wenn man sich nur traut. Was wird  wohl Jan Frodeno gedacht haben, als er im vergangenen Jahr bei seiner Sensations-Radzeit in Frankfurt seinen Rad-Computer verloren hat? Äh, genau! Mindestens mal „ach du Scheiße“. Aber auch ohne hat er es geschafft. Und wie! Hin und wieder mal auf diesen ganzen Schnick-Schnack zu verzichten schadet also nicht. Das sind meine Lehren aus meinem Fast-Triathlon-Untergang. Und ich habe überlebt. Trotzdem wäre es gut, wenn mein neuer Rad-Computer nicht mehr kaputt geht.

Und jetzt ziehe ich mir erstmal den Aero-Einteiler an, schmeisse den Quarq an und mach mir ein paar KOMs in der Toskana klar!

Alles Gute - wie immer auch privat!

Euer René