Was essen die Raelert Brothers eigentlich im Trainingslager?

Hardy war kürzlich auf Fuerteventura im Trainingslager. Sollte er dort die Raelerts-Brothers treffen, hatte er versprochen, fünf tri-mag-Lesern jeweils eine Frage zu den beiden zu beantworten. Philipp K. aus Osnabrück schickte an Hardy: „Wie viel die beiden trainieren kennt man ja mittlerweile. Aber was essen die zwei? Bei dem Pensum muss man ja fast immer am Futtern sein.“

Von > | 5. Dezember 2014 | Aus: SZENE

Raelert Brothers | Die Raelert-Brüder Andreas und Michael beim Radtraining auf Maui.

Die Raelert-Brüder Andreas und Michael beim Radtraining auf Maui.

Foto >Raelert Brothers

Lieber Philipp, gute Frage! Wenn sich die Raelert-Brüder im Wettkampfmodus befinden, fragen sich manche Beobachter ja, ob es sich bei den beiden um Sonderbotschafter der Welthungerhilfe handelt. Deine Frage nach der Ernährung ist daher durchaus berechtigt. Im Namen der Trainingswissenschaft machte ich mich also auf, dieser Sache ein für alle Mal auf den Grund zu gehen. Ich begab mich also nach Fuerteventura, wo die beiden zu dieser Jahreszeit trainieren sollten.

Während Tierfilmer während der Trockenzeit oft wochenlang an dem einzig verbliebenen Wasserloch der Savanne hocken müssen, um ihre Lieblinge vor die Linse zu bekommen, reichte es für die Beantwortung Deiner Frage aus, dass ich mich zur Essenszeit am Hotelbuffet einfand. Im November, wenn zu Hause die Temperaturen fallen, trifft man hier mit ziemlicher Sicherheit nämlich die gesamte Spitze des deutschen Triathlonsports. Gegen 18 Uhr tauchen sie zwischen Paella und Nudelauflauf auf. Sie kommen wirklich alle: Von A wie Anne Haug bis Z wie Zebastian Kienle.

Im Namen der Forschung nahm ich mir inkognito einen Teller, und stellte mich frech dazu. Kein schlechter Job, vor allem wenn ich daran dachte, dass ich mir jetzt eigentlich beim Grundlagentraining auf deutschen Waldwegen den Arsch abzufrieren sollte.

Nun, lieber Philipp, musste ich mich am Buffet natürlich zu allererst tarnen. Um eine vorschnelle Entdeckung durch die Profis zu vermeiden, trug ich einen uralten blauen Trainingsanzug und eine schlabberige Wollmütze (ohne Pudel) aus Kindertagen. Der Trainingsanzug sollte dem kritischen Beobachter bodenständige Erfahrenheit in Verbindung mit einer modischen Unbekümmertheit suggerieren. Er sollte gleichsam dem Betrachter die Botschaft vermitteln, dass es sich bei dem Inhaber des Trainingsanzugs um einen „alten Triathlonhasen“ handelt, der einfach schon zu viele Wechselzonen des Lebens von innen gesehen hatte, als dass er sich von einer neuartigen Synthetik-Stretch-Faser noch verführen ließe. Das zusätzliche Tragen der Wollmütze bei sommerlichen Temperaturen auf Fuerteventura sollte dagegen andeuten, dass der Mensch darunter gerade von seinem brutalen Schwimmtraining kam, und es jetzt galt das geschwächte Immunsystem zu schützen.

Hochkonzentriert ließ ich mich in meinem Aufzug unauffällig von einem Büffet-Tisch zum nächsten gleiten. Mögen meine Zeiten über 10.000 Meter in den letzten Jahren auch etwas gelitten haben: Beim effizienten Umrunden des Buffets mit hohem glykämischen Index gehörte ich immer noch zur internationalen Spitze. Während ich also das Angebot mit den Augen vorsortierte und noch überlegte, ob die Paella jetzt zu den guten oder schlechten Kohlenhydraten zählte, tauchte plötzlich der komplette DTU-Kader neben mir auf. Wie die Heuschrecken frästen sie sich durch das Hotelbüffet. Der Bundestrainer stand daneben, lächelte und sagte nichts. Mir gelang es gerade noch, etwas vom Kartoffelauflauf mit Sahnesoße und der Lammkeule zu erwischen. Was denn … zu fettig sagst du? Na hör mal! Ich war froh, dass ich überhaupt noch etwas erwischt habe. Und überhaupt: war ich an einem Hotelbüffet oder in Guantanamo?

Weiter gings zu Tisch 2. Und da stand er dann plötzlich vor mir: Andreas Raelert! Mit einem Teller Suppe in der Hand. Ich widerstand dem sofortigen Impuls, mich vor ihm auf den Fliesenboden zu werfen und um Vergebung für die zahlreichen gesättigten Fettsäuren auf meinem Teller zu bitten. Stattdessen bewahrte ich unter meiner Pudelmütze so gut es ging Haltung und drückte mich mit einem verlegenen Lächeln vorsichtig an ihm vorbei. Hoffentlich hatte er mich nicht gesehen.

Ja, Philipp, ich weiß, das wäre die Chance gewesen. Ich hätte ihn einfach fragen sollen … Aber es hat sich irgendwie nicht ergeben. Wenn ich wenigstens einen Salat gehabt hätte … Mit Grünzeug hat man als Triathlet ja gleich ein ganz anderes Standing! Aber der Kartoffelauflauf… die DTU… Irgendwie war das ein schlechter Start.

Unauffällig stellte ich meinen Kartoffelauflauf bei der Paella ab und schlich zum Salatbuffet zurück. Dort erblickte ich einen jungen Mann mit Basecap und einen etwas älteren drahtigen Herrn. Beide hatten sie ihre Teller ebenfalls ausschließlich mit Dingen gefüllt, vor denen die einschlägigen Ernährungsratgeber eindringlich warnen. „Komisch“, dachte ich, „der Bursche sieht ja fast aus wie der Kienle. Und der andere, könnte, wenn man es nicht besser wüsste, auch Thomas –the-hell-on-wheels- Hellriegel sein … .“ Aber ich beschloss, das Dressing jetzt erst Mal in der Tube zu lassen. Nur weil mir eben der Raelert mit seiner Suppe über den Weg gelaufen war, heißt das ja nicht zwangsläufig, dass hier jeder Büffetbesucher automatisch gleich ...

Michael Raelert | Michael Raelert

Michael Raelert

Foto >Hardy Hartmann

„Du Thomas, bischt du s'weit?“, hörte ich da das Basecap den älteren Herrn fragen. Mir fiel die Kinnlade runter, und gleich darauf vor Schreck die Gabel in den Thunfisch. Zum zweiten Mal innerhalb von einer Minute widerstand ich dem dringenden Impuls, mich voller Demut auf den Fliesenfußboden zu rollen. Eine junge Frau nutzte meine Verwirrung, stürmte herbei und machte ein Selfie mit Kienle, Hellriegel und Kohlenhydraten. „Wie erbärmlich ist dieses katabole Hühnchen denn?“ dachte ich: „Lass die Jungs doch jetzt mal in Ruhe Carbo loaden“. Insgeheim ärgerte ich mich aber, dass ich weder über ein Smartphone noch über die nötige kalte Schnauze verfügte. Ich drehte mich suchend um. Hat das hier gerade jemand gesehen? Hat hier einer mal so ein verdammtes Smartphone für mich? Das waren gerade Hellriegel und Kienle zusammen am Buffet! Und ich mit Wollmütze dazwischen!

Gott, wenn du in diesem Augenblick meine Achillessehne reißen lässt. Ich werde sagen: Es war ein würdiges Finale!

Ich packte ein paar Alibimöhrchen und drei Oliven auf meinen Teller und ging an einen Tisch. Dort saß ein muskulöser Typ (eindeutig anabol!) vor seinem Hefeweizen, den ich zuerst nicht erkannte. Später stellte er sich als Lothar Leder vor und ich wäre am liebsten zum dritten Mal vor Demut auf die Fliesen gefallen. Lothars Ernährungsweisheit – die er selbst übrigens auch konsequent befolgt – lautete schlicht: „Ohne Fett keine Fettverbrennung!“ Kurz und knapp! Lothar, Kienle, Hellriegel, Raelert und der DTU-Kader. Ich begann zu ahnen, warum meine Leistung in den letzten Jahren stagnierte. Ich ernährte mich einfach zu gesund. Gleich darauf setzten sich auch noch die Raelerts zu uns. Auch sie brachten jetzt jeweils jede Menge Kohlenhydrate, Balaststoffe, Eiweiße und Fette mit an den Tisch. Die Suppe von vorhin war offenbar nur zum Warmmachen gedacht. Ein echtes Ernährungssystem, außer dem Grundsatz, dass es schmecken muss, konnte ich bei ihnen beim besten Willen nicht erkennen. Die Jungs, die richtig was in den Beinen haben, erkennt man daran, dass sie sich abends auf dem Buffet richtig was auf ihren Teller laden. Zum Nachtisch gibt es dann noch einen großen Teller voll Obst, den sie ohne Hast und Eile einfach nach und nach futtern. 

Mittags allerdings sind die Raelerts oft auf dem Rad oder im Schwimmbecken, sodass sie dann natürlich keine Kohlrouladen mit Sauerkraut mehr essen können. Sie futtern Mittags oft Riegel … und wieder tonnenweise Obst. 

Michael Raelert vermeidet, so wie er es mir sagte, generell raffinierten Zucker. Andreas hingegen ertappte ich dabei, wie er beim Verlassen des Speisesaals jedesmal – er glaubt wahrscheinlich immer noch, niemand hätte das gesehen - beherzt in die Bonbonschale des Hotels griff. Diese Bonbons holte er dann über den Tag verteilt aus seiner Trainingshose und naschte diese weg. Oder verschenkte sie im Vorbeigehen an die, die gerade einen unterzuckerten Eindruck machen … an den Surflehrer … an den Interviewpartner … an Wollmützenträger…

Dein

Hardy Hartmann

P.S. Die beiden haben mich gefragt, ob ich eine Runde mit ihnen laufen gehen möchte. Klar mochte ich. Wie das ausging lest ihr nächstes Mal.