Svenjas Blog WG adé

Szene | 18. Februar 2013
Nicht nur sportlich, auch privat hat Profitriathletin Svenja Bazlen nach den Olympischen Spielen von London einiges umgekrempelt. Wie sie den großen Schritt aus der Freiburger Sportler-WG ins beschauliche Tübingen gemeistert hat und was ihr dabei alles im Weg stand, erzählt sie in ihrem aktuellen Blog.
Als ich vor einigen Wochen zum ersten Mal in der Küche unserer neuen Wohnung Staub gesaugt habe, ist mir etwas ganz Elementares aufgefallen: Diese Blende, die unten am Einbauschrank befestigt ist, fiel beim Dranstoßen nicht ab. Wie viele Jahre hat mir das beim Kücheputzen fast die Nerven geraubt? Wie oft habe ich versucht, den Kontakt zu vermeiden, aber dann ... eine kleine Sekunde der Unaufmerksamkeit ... und das Teil lag auf dem Boden und unter dem Schrank. Fürchterlich umständlich und meist erst nach mehreren Anläufen hatte ich das Ding dann wieder so platziert, dass es gerade so nicht umfiel und war glücklich, wenn es beim folgenden Nasswischen seine Position nicht oder nur geringfügig veränderte. Naja, diese Zeit ist jetzt vorbei. Zehn Jahre meines Lebens habe ich in WGs gewohnt. Nun war es Zeit für eine eigene "richtige" Wohnung, die ich seit Ende November gemeinsam mit meinem Freund in Tübingen bewohne.
Es ist ja nicht so, dass ich in den letzten Jahren in Drecklöchern gehaust habe. Es herrschte eben immer ein gewisser 'Gemeinschaftsgeist'. Was man selbst nicht brauchen konnte, brauchte vielleicht ein anderer. Der wusste das nur noch nicht. Die Hälfte der Dinge, die im Keller rumstanden, wurden über Generationen hinweg vererbt, beziehungsweise vom ursprünglichen Besitzer vergessen und irgendwann mal auf den Sperrmüll geworfen. Alte Fahrräder sind davon ganz besonders betroffen. Die scheinen sich sogar manchmal zu vermehren. Dinge, von denen man glaubte, sie gehören niemandem, wechseln öfters mal den Besitzer, sei es im Keller, auf dem Dachboden oder auch im Kühlschrank. Das hat selbstverständlich aber auch etwas Gutes und ist es ja auch der Sinn von Wohngemeinschaften. Allerdings musste ich bisher nach jedem Auszug einige Investitionen tätigen, da im Alltag dann irgendetwas fehlte. Dieses Mal waren das eine Wachsausrüstung für meine Langlaufski und eine Flockenquetsche.
Doch viel schlimmer finde ich den "personellen Verlust", den so ein Umzug mit sich bringt. Denn das WG-Leben ist einem Familienleben sehr ähnlich und wenn die "Familie" auf einmal fehlt, ist es schon ganz schön ruhig um einen herum. In den ersten Wochen in Tübingen hatte ich das Gefühl, der Tag wäre drei Stunden länger, weil die Zeit, in der wir vorher stundenlang in der Küche rumgehangen, Kaffee getrunken und getratscht haben, irgendwie nicht mehr da war. Doch ich wurde ganz schnell eines Besseren belehrt: Telefon und diverse andere Nachrichten- und Kommunikationsdienste sind ein guter Ersatz. Und auch sonst gibt es immer irgendetwas mehr oder weniger Sinnvolles zu tun.
Es ist ja auch nicht so, dass ich nun alleine wohne - im Gegenteil: Es ist wunderbar mit meinem Freund zusammen zu leben, aber die "richtig" arbeitende Bevölkerung ist tagsüber nicht zu Hause. Für mich war der Schritt aus einer WG mit sieben Leuten in ein trautes harmonisches Leben zu zweit ein ziemlich großer. Aber es war definitiv an der Zeit und mittlerweile gibt es für mich nichts Schöneres als nach Hause zu kommen und meinen Freund zu begrüßen.
Und überhaupt hat der Umzug nach Tübingen noch einige andere positive Seiten. So gibt es zum Beispiel keine 'unangemeldeten' Hauspartys mehr, wenn ich kaputt vom Training komme und eigentlich mit niemandem reden möchte. Was ich in den Kühlschrank stelle, esse ich selbst. Und wenn nicht, weiß ich genau, wer es war. Ein frisch gebackener Kuchen verschwindet nicht still und heimlich in den verschiedenen WG-Mündern, sondern hält unter Umständen auch mal zwei statt nur einen Tag. Und sonntags können wir nun immer gemütlich zu zweit Frühstücken, ohne dass wir alle zehn Minuten durch einen anderen knurrenden Magen gestört werden.
Unser Keller gleicht zwar immer noch einer Fahrradwerkstatt, aber alle Räder, die dort rumhängen oder stehen sind zumindest theoretisch fahrtüchtig. Wir haben uns vorgenommen, einmal im Jahr einen Ausmisttag einzuhalten, um der allmählichen Ansammlung von unnützen Gegenständen entgegenzuwirken. Im Keller, in der Küche und sowieso in der ganzen Wohnung. Mal sehen, ob wir das schaffen. Den "Gemeinschaftsgeist", den ich aus meinen zehn WG-Jahren mitgenommen habe, wollen wir in unserem gemeinsamen Heim bewahren, schützen, hegen und pflegen. Wenn auch auf etwas andere Art und Weise, der Sperrmüll kommt uns dabei jedenfalls nicht in die Quere.
Zurzeit bin ich auf Fuerteventura im Trainingslager. Mehr als die Hälfte meiner ehemaligen Mitbewohner sind auch da - was für ein Fest! Im Moment genieße ich noch die Zeit in der großen Gemeinschaft. Trotzdem freue mich auch schon wieder sehr auf zu Hause. Auf mein neues Heim, meinen Freund und unseren Staubsauger-Roboter ;-).
Bis bald,
Eure Svenja