DTU-Verbandstag Wissers Mehrheit wankt

Szene | 4. November 2010
Kurz vor dem Verbandstag der Deutschen Triathlon Union ist die wichtigste Stütze von Präsidentin Claudia Wisser weggebrochen. Mit Nordrhein-Westfalen wird der größte Landesverband der DTU am Samstag für ihre Ablösung stimmen.
Das Präsidium des Nordrhein-Westfälischen Triathlonverbands (NRWTV) hat sich festgelegt: Zwei Jahre nach ihrer Wahl zur DTU-Präsidentin soll Claudia Wisser ihren Stuhl räumen. Auch die von Wissers Lebensgefährte Dr. Ralf Eckert besetzte Position des Vizepräsidenten Finanzen und das Ressort Leistungssport (Ramon Gomez-Islinger) möchten die Nordrhein-Westfalen neu besetzt sehen. Mit seiner Entscheidung revidiert das achtköpfige Führungsgremium des NRWTV die noch vor kurzem bekräftigte Aussage seines Präsidenten Dieter Hofmann, der dem geschäftsführenden DTU-Präsidium mit den Stimmen des größten Landesverbands zu einer zweiten Amtszeit verhelfen wollte. Nach Einschätzung von Insidern kann Wisser damit beim Verbandstag am Samstag in Worms die für ihre Wiederwahl erforderliche Mehrheit kaum noch erreichen.

"Schlamm bis ins Obergeschoss"

Die Kritik am Führungsstil der Präsidentin war in den vergangenen Monaten immer lauter geworden. Bereits kurz nach Wissers Amtsantritt im November 2008 hatten langjährige Mitarbeiter der DTU beklagt, die Präsidentin und ihr Vize Eckert, die in der Nähe Münchens eine gemeinsame Rechtsanwalts-Kanzlei betreiben, konzentrierten sich zu sehr auf ständig neue Rechtsstreitigkeiten und Prozesse und vernachlässigten die eigentliche Arbeit eines DTU-Präsidiums. "Die Verbandsarbeit ist fast völlig auf der Strecke geblieben", sagt NRWTV-Vizepräsident Klemens Naber, der den Landesverband anstelle Hofmanns in Worms vertreten wird. Amtskollegen Nabers unterstellen, das Präsidenten-Paar habe mit Drohungen in die eine und Geschenken in die andere Richtung die Landesverbände bewusst auseinandergetrieben. "Der Schlamm steht bis ins Obergeschoss", sagt einer.
Eine Mitte September am Rande der Deutschen Meisterschaften am Schliersee von der Mehrheit der Landesverbände berufene dreiköpfige "Präsidenten-Findungskommission" präsentierte jetzt, zwei Tage vor der Wahl, die Kandidaten für ein neues geschäftsführendes Präsidium. Nach dem Vorschlag der Landespräsidenten Sven Alex (Berliner Triathlon Union), Holger Kolb (Triathlon Verband Niedersachsen) und Bernd Zimmer (Saarländische Triathlon Union) soll der ehemalige Bundestagsabgeordnete Dr. Reinhold Hemker neuer Präsident der DTU werden. Der promovierte Theologe und Pfarrer sei ein "guter Moderator mit ausgezeichneter Vernetzung in die Sportpolitik", heißt es aus den Landesverbänden. Dass dem passionierten Triathleten und mehrfachen Ironman-Finisher der tiefere Einblick in die Verbandsstrukturen bisher fehlen dürfte, sei nicht entscheidend: "Die Arbeitsebenen funktionieren ja noch." Für das Ressort Finanzen ist der langjährige rheinland-pfälzische Schatzmeister Bernd Rollar vorgesehen, der das Amt im Jahr 2008 unter Interimspräsident Rainer Düro bereits für einige Monate führte. Kandidat für den Posten des Vizepräsidenten Leistungssport ist der Baden-Württemberger Reinhold Häußlein. Der 51-Jährige führte die deutsche Triathlon-Nationalmannschaft als Bundestrainer im Jahr 2000 zu den Olympischen Spielen nach Sydney.

Verdrehte Tagesordnung

Mit der Nominierung ihrer drei Kandidaten entspricht die Findungskommission einer Forderung des Rheinland-Pfälzischen Triathlonverbands, die Mitglieder des geschäftsführenden Präsidiums der DTU sollten künftig unterschiedlichen Landesverbänden entstammen. Damit soll eine Machtkonzentration verhindert werden, wie sie zuletzt durch den Quasi-Zusammenschluss von Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen bestand. Die drei mitgliederstärksten der 16 DTU-Landesverbände setzten ihre Stimmgewalt in der Vergangenheit regelmäßig für Wisser ein, dabei sei es immer wieder nicht um die Sache, sondern um den Machterhalt und die Durchsetzung eigener Interessen gegangen, so der Vorwurf mehrerer Landespräsidenten.
Einen Beleg für diese Behauptung könnte auch die Tagesordnung des nun anstehenden Verbandstags geben. Entgegen der früheren Praxis soll dort offenbar zunächst über die rund 30 Anträge abgestimmt werden, die Hälfte stammt aus Wissers und Eckerts Feder. Erst danach seien die Rechenschaftsberichte und Neuwahlen des Präsidiums vorgesehen, berichtet NRWTV-Vize Naber. "Das ergibt keinen Sinn, deshalb werden wir gleich zu Beginn des Verbandstags einen Antrag auf Änderung der Geschäftsordnung stellen", so Naber. Die Abstimmung könnte ein erster Test für die wiedererwachende Stärke und Solidarität der Landesverbände werden.