Interview mit Al Cabbad Der Aero-Hype

Aus der Branche | 26. Februar 2012
Sein Triathlon- und Radsportgeschäft R&A Cycles in New York nennt sich selbstbewusst "das führende der Welt", seine Kunden kommen aus aller Herren Länder. Wir haben uns mit Geschäftsführer Albert Cabbad über den Weg zum perfekten Rad unterhalten.
Viele Triathleten glauben, die Aerodynamik sei der wichtigste Faktor eines Rades. Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage des Komforts?
Ich halte weder die Aerodynamik noch den Komfort allein für die wichtigste Eigenschaft. Es sind drei Eigenschaften eines Rades, die es für den Triathlonsport passend machen und damit zur besten Leistung führen: Aerodynamik, Komfort und Kraftübertragung. Ich glaube, dass alle drei Punkte gleich wichtig sind.
Ein perfektes Rad ist also immer ein Kompromiss?
Bei R&A sind alle Kundenberater ausgebildet, diese Punkte in ein dreidimensionales Koordinatensystem einzutragen. Wenn ein Sportler während des Anpassungsprozesses den Mittelpunkt aller Achsen trifft, wissen wir, dass er aerodynamisch, mit Komfort und der besten Kraftübertragung fährt und ein optimales Rad bekommt. Ich hasse es, wenn ein Triathlet mit seinem Rad in unseren Laden kommt und tausend Spacer unter dem Vorbau hat. Aber ich halte meine Gedanken zurück. Der Typ, der den beraten hat, wollte ihm ein komfortables Rad präsentieren – und hat es sich dabei sehr einfach gemacht. Das Schwere ist, das Rad in allen drei genannten Dimensionen zu optimieren.
Was sind die Hauptaspekte des Komforts bei einem Triathlonrad?
Viele Triathleten interpretieren den Komfort falsch. Komfort besteht aus zwei Teilen: Einem, den man sofort spürt, wenn man sich auf das Rad setzt, und einem, den man erst nach einer längeren Ausfahrt beurteilen kann. Den schnellen Komfort merkt man im geometrischen Anpassungsprozess sofort – die Leute bringen ja ihre Erfahrungen mit, daher ist es sehr wichtig, sich hier als Kundenberater nicht zu blamieren. Ein Berater, der sich nicht auskennt, fällt hier sofort auf.
Woran erkennt der Sportler die Spätfolgen eines unkomfortablen Rads?
Die späte Form des Komforts ist nicht so leicht erkennbar, sie liegt im Rahmen des Rades verborgen. Rahmen haben alle einen gewissen Härte- und Steifigkeitsgrad, was aber wirklich zählt ist die Fähigkeit, Vibrationen zu absorbieren – um so mehr, je eher sich ein Athlet auf Halbironman- und Ironmandistanzen zu Hause fühlt. Viele Sportler spüren die Vibrationen gar nicht direkt, aber wenn sie sich nach einem 60-Kilometer-Ritt müde und erschöpft fühlen, kommt das teilweise daher, dass ihr Rahmen die Vibrationen nicht abpuffern kann! Die Vibrationen setzen sich über den Rahmen in den Körper fort und verursachen Stress und Ermüdung in den Muskeln und Knochen – und bremsen den Fahrer damit schließlich aus. Die Lösung für Langdistanzler sind spezielle für die Langstrecke designte Rahmen, die die Steifigkeit nicht völlig opfern, aber immer noch für hohe Zuverlässigkeit und hohen Komfort sorgen.
Und was sind die Hauptmerkmale, wenn es um die Aerodynamik geht?
In Bezug auf die Aerodynamik ist es ein einfacher, aber komplexer Prozess, die optimale Sitzposition zu finden. Abgesehen von Rahmen und Laufrädern sollte der wichtigste Fokus immer auf die Frontansicht von Fahrer und Material im Ganzen gelegt werden. Ein Beispiel: Der Schwede Björn Andersson ist für seine extreme Sitzposition bekannt, er ist ein Wunder für sich. Um seine Aerodynamik zu verbessern, haben wir die HED-Aerobars seines Rades so dicht aneinandergebracht, dass sich die Schalthebel fast berührt haben. Er musste die Hände übereinanderlegen, aber die Aerodynamik war perfekt: Diese kleine Änderung hat sein frontales Profil um fast ein Viertel verkleinert. Und das Beste: Er hat sich auf dem Rad noch immer wohl gefühlt.
Das hört sich einfach an ...
So einfach ist es aber nicht: Wir haben diese Einstellung bei drei anderen Athleten ausprobiert. Einer vermisste nach dem Umbau jeglichen Fahrkomfort, der zweite wies hinterher ein größeres Frontprofil auf, da sich seine Schulterhaltung durch die neue Position veränderte, und der dritte konnte sein Rad einfach nicht mehr sicher steuern. Unter dem Strich muss man daher festhalten: Aerodynamik ist nicht alles! Die Athleten sollten aufhören, nur die verzerrten Testberichte aus dem Windkanal zu lesen, sondern sich darum kümmern, welche Produkte in der Praxis wirklich schneller sind. Und sie sollten in der Lage sein, das Kleingedruckte zu lesen und zu verstehen, was die Ergebnisse wirklich bedeuten.
Wenn ein Triathlet in Ihren Shop kommt – welche Schritte unternehmen Sie, um das beste Rad für ihn zu finden?
Wir verkaufen die Räder nicht wie in einem Routinebetrieb. Zunächst wollen wir wissen: Was für ein Typ ist der Kunde, der da vor mir steht? Auf welchen Distanzen ist er unterwegs? Was ist sein Budget? Hängt er an einer bestimmten Marke? Wie definiert er sich selbst im Sport? Die Hauptsorge vieler Triathleten ist, eine passende Geometrie zu finden – darauf antworten wir nur: ‚Überlass das uns, wir garantieren das.’ Nach einer ganzen Menge Fragen diskutieren wir mit dem Kunden gemeinsam, welche Rahmen wohl seine Bedürfnisse am besten erfüllen. Wir stellen dem Kunden eine Auswahl vor, dann muss er natürlich mitentscheiden, was er gerne möchte – und anhand dieses Wunsches schauen wir, ob Rahmen und Körpermaße sich zu einem passenden Rad vereinen lassen oder ob wir ein anderes Konzept vorschlagen. Wir sind kein typischer Shop – bei uns finden Sie keine vorgefertigten Meinungen. Wenn das Rad passt, machen wir weiter.
Und wenn nicht?
Wenn Fahrer und Rad nicht zusammenpassen, schauen wir uns nach einem Plan B um. Diese Strategie ermöglicht es dem Kunden, mit dem Material nach Hause zu gehen, das am besten zu ihm passt – und nicht mit dem, was der Shop gerade zufällig im Lager hatte. Dafür haben wir in unseren neun Lagerhäusern 99 Prozent der Möglichkeiten vorrätig. Seien Sie also nicht überrascht, wenn Sie ohne Nachbestellung mit dem optimalen Material ausgestattet werden.
Wie lange vor dem Saisonhöhepunkt sollte ein Triathlet sein neues Material haben?
Bei erfahrenen Athleten reicht es manchmal, wenn sie zwei oder drei Wochen vor dem Start ihr Material bekommen. Weniger erfahrene sollten mindestens einen Monat auf dem neuen Material trainieren. Die Gewöhnung spielt natürlich auch aus Sicherheitsgründen eine wichtige Rolle. Aber Saisonhöhepunkte hat man ja nicht so oft, daher empfehle ich doch, ausreichend Zeit für die Vorbereitung mit dem passenden Material einzuplanen – unabhängig vom Leistungsstand. Man möchte sich ja an seine Sitzposition gewöhnen und lernen, wie sich das Rad anfühlt, wie es in gewissen Situationen reagiert. Der Wettkampftag ist sicher nicht der richtige Zeitpunkt für Experimente!
Welche aktuellen Entwicklungen beobachten Sie derzeit beim Radmaterial für Profi-Triathleten?
Oh, die Liste der Entwicklungen aufzuzählen, würde den Rahmen eines Interviews sprengen. Auf unserer Website haben wir aber stets die aktuellen Entwicklungen präsent, sobald sie lieferbar sind. Einige der wichtigsten Neuerungen für 2008 betreffen die Laufräder und die Kurbelsets. Gerade die Laufradhersteller liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, um das schnellste, leichteste und verwindungssteifste Rad zu bauen. Und auch die Kurbelsets werden leichter und leichter, dabei aber trotzdem steifer.
Und welche Entwicklungen gibt es im Einsteigerbereich?
Da gibt es weniger Neuigkeiten. Ich beobachte aber, dass die Anfänger immer mehr Geld für ihr Einsteigerbike ausgeben wollen. Üblicherweise gaben die Einsteiger nicht mehr als 1.500 Dollar (rund 1.000 Euro, d. Red.) für ihr erstes Triathlonrad aus. Heutzutage legen die Sportler aber mehr Geld an und opfern auch mehr Zeit für ihren Sport – egal, ob sie beides haben oder nicht. Die Erfahrungen und Erlebnisse, die der Sport auch Einsteigern bietet, scheint immer mehr Leuten immer mehr Geld wert zu sein.
Gibt es Gewinner und Verlierer dieser Entwicklungen auf dem Markt?
Jeder weiß, welche Marken die offensichtlichen Gewinner des Triathlonmarktes sind und wer so langsam im Schatten verschwindet. Die Firmen, die sich kontinuierlich anpassen und Produkte mit guter Qualität liefern, werden immer ein großes Stück vom Kuchen abbekommen. Der Kunde ist immer besser informiert, so dass wir nur das verkaufen, was der Kunde auch wirklich will. Wir bieten vor allem das an, was heiß ist und gut nachgefragt wird – so kann ein Blick in unsere Triathlonabteilung durchaus indirekt verraten, wen wir für die Gewinner halten.
Wie werden Triathlonräder in fünf bis zehn Jahren aussehen?
Wir sind nicht nur der größte Abnehmer vieler Hersteller, sondern auch eine wichtige Quelle für diese, wenn es um neue Produkte und Designs geht. Heute sehen uns viele Marktführer als Zentrum der Szene. Ich habe viele Designs und Entwicklungen in der Entstehung beobachtet. Und ich muss sagen: Die Zukunft wird wirklich wild! Wenn du mit deinem total neuen Triathlon-Traumrad über die Highways fliegst und denkst, besser geht es nicht, solltest du immer wissen: Irgendwer sitzt irgendwo und arbeitet schon am nächsten Level. Die Hersteller kämpfen hart miteinander und stecken viel Geld in Forschung und Entwicklung, um das beste Rad oder Laufrad oder was auch immer zu präsentieren. Das zeigt uns, dass wir einen guten und gesunden Markt haben werden – und dass nicht nur das nächste Jahr, sondern die nächsten zehn Jahre aufregend werden.
Eine letzte Frage, die viele der Quereinsteiger unter unseren Leser interessiert: Wenn ein Sportler mit 300 Euro in Ihr Geschäft kommt, um sein Touring-Rad für den Triathlon aufzupeppen – was empfehlen Sie ihm?
Ich möchte nicht gemein oder beleidigend sein, aber: Ich würde ihm raten, nach Hause zu gehen, noch ein bisschen Geld zu sparen und sich demnächst ein Einsteiger-Rennrad zu kaufen. Die starten manchmal schon bei 500 Euro. Ich würde nicht versuchen und auch nicht empfehlen, ein Frankenstein-Rad zusammenzuflicken, das am Ende funktionieren soll. Die Leute sollten ihr Geld dort ausgeben, wo sie den meisten Gegenwert für ihre Investition bekommen. Kein Sportler sollte Angst davor haben, etwas mehr zu investieren, als er vorhatte. Dieser tolle Sport Triathlon ist eine langfristige Investition und für Geld gibt es eine Menge zu kaufen. Man sollte nur in keinen Hype verfallen und immer sicher sein, dass man die richtigen und passenden Produkte kauft. Wenn das Geld nicht reicht, sollte man abwarten, sparen und zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen. Manchmal ist es schon erstaunlich, wenn man den Berg Geld sieht, den die Leute in den Sport stecken. Aber wenn man dann irgendwann sein persönliches Ziel erreicht hat, war es die Investition zu 100 Prozent wert!