Die Folterkammer Eurobike

Man nehme das Paradies, potenziere das mit dem Paradies, dann haut man dir einmal alle Lichter aus und wenn du aufwachst, siehst du nur noch Fahrräder und das Beste vom Besten. Willkommen auf der Eurobike.

Von > | 4. September 2015 | Aus: EQUIPMENT

Eurobike | Fahrrad-Overload auf der Eurobike

Fahrrad-Overload auf der Eurobike

Foto >EUROBIKE Friedrichshafen

Es war ja mein erstes Mal. Meine Eurobike-Entjungferung. Ich bin schon auf so einigen richtig großen Messen gewesen. Aber die waren alle zusammen nicht so anstrengend wie diese eine weltgrößte Fahrradmesse der Welt. Ja, ich möchte den Messe-Besuch durchaus mit einer anstrengenden Trainingseinheit vergleichen. Aber ich war ja im Tunnel. Absolut fokussiert. Blick links. Hektischer Blick nach rechts. Ein klassischer „Abcheck-Blick“ von oben nach unten, während die Augen immer größer werden. Die Wörter „Boah“, „wow“ und „awww“ haben innerlich schon eine Party zusammen gefeiert. Und zwar auf Koks und zwar den ganzen Tag.

Klar, legt man auf so einer Messe viele Kilometer zurück und die eh schon vom Sport verkrünkelten Zehen und plattgetretenen Füße schreien nach einem warmen Fußbad. Aber das ist ja nicht mein Problem. Ich bin mit ganz anderen Dingen beschäftigt und dazu noch völlig überfordert. Erst auf dem Heimweg im Stau spüre ich die Erschöpfung meiner Füße - benebelt vom eher unangenehmen Geruch, der aus dem Fußraum nach oben steigt. Aber zurück zum Thema. Wo waren wir noch gleich stehen geblieben? Ah, ja.

Das Stop-And-Go-Ganzkörper-Staunen sei anstrengend. Die geistige Hirnarbeit ist aber viel ermüdender. Es rattert die ganze Zeit. Die Wunschzettel für die nächsten fünf Jahre Weihnachten waren schon in der ersten Stunde randvoll. In der zweiten Stunde war die Hälfte wieder gegen neu gesehene Sachen ausgetauscht. Mit fortlaufender Zeit gleichen alle Zettel meinen Spickzetteln aus der 9. Klasse. Unübersichtlich, die Hälfte durchgestrichen alles so durcheinander, dass der Zettel eigentlich keine Hilfe mehr ist. Naja, egal. So viele Freunde und Familienangehörige hab ich eh nicht, die mir das alles schenken könnten. Schon gar keine, die so vermögend sind. Dafür müsste ich schon das Kind eines Öl-Scheichs sein. Gut, dass man da nichts kaufen kann, sondern nur gucken. Kurze Zeit hab ich mich schon in der Privat-Insolvenz gesehen. Und nicht nur mich, sondern die nächsten drei Generationen auch noch.

Totaler Overload.

Überall Scheibenbremsen, Rahmen in so schönen unterschiedlichen Formen, dass selbst die hübschen Hostessen übersehen werden. Wie deprimierend das für die sein muss. Da sieht man schon so gut aus und wird trotzdem nicht beachtet. Wahrscheinlich müssen die danach erstmal ein Seminar „Aufbau des Selbstbewusstseins“ belegen; völlig verstört von diesen ganzen Technik-Nerds.

Apropos: Da standen sie die Nerds, mich inklusive. In Reihe und Glied vor einem roten Kasten, der Inhalt verdeckt von einem schwarzen Tuch.“It's time to shift forward.“ Weltpremiere der neuen Sram Red eTap. Elektronisch. Wireless. Weltneuheit. Und wo bekomm ich jetzt die Schaltung eingepackt zum Mitnehmen? Nirgends. Wieder nur Gaffen und Staunen. Anfassen vielleicht auch noch. Irgendwer will mich doch hier bestrafen. Appetit holen ist erlaubt, aber gefahren wird zu Hause, oder wie?! So ein Mist. Die Zeit, bis ich mir das alles kaufen kann wird also zur Folter. Na danke! Gefolgt von Armut. Toll. Und nächstes Jahr geht das Ganze wieder von vorne los. Vielen Dank auch, Eurobike!

Wie immer alles Gute, auch privat,

Euer René