Übung für das Freiwasser-Chaos

Das geordnete Schwimmtraining im Hallenbad hat mit der chaotischen Realität im Triathlonwettkampf nur wenig gemeinsam. So bereiten Sie sich auf die besonderen Anforderungen im Freiwasser vor.

Von > | 14. März 2017 | Aus: OPEN-WATER-SPECIAL VON ORCA

Open Water | So trainieren Sie für den Ernstfall.

So trainieren Sie für den Ernstfall.

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Übung für das Freiwasser-Chaos

Michael Gross ist einer von Deutschlands erfolgreichsten Schwimmern. Lange Zeit war der "deutsche Albatros" – der Spitzname geht auf seine beeindruckende Armspannweite von 2,13 Metern zurück – über 200 Meter Freistil und 200 Meter Schmetterling nicht zu schlagen. Es überraschte daher auch niemanden, als Gross bei seiner Triathlon-Premiere Anfang der 90er-Jahre als Erster das Wasser verließ. Umso überraschender war allerdings, wie gering sein Vorsprung auf die Konkurrenz war. Der dreifache Olympiasieger kam mit den besonderen Bedingungen im Freiwasser offensichtlich nicht gut zurecht. Das Schwimmen im beschaulichen Hallenbad hat eben nur am Rande etwas mit dem Auftakt eines Triathlonwettkampfs zu tun. Klar: Wer gut schwimmen kann und die Technik dieser Sportart entsprechend sicher beherrscht, dem wird es leichter fallen, sich auch im Freiwasser durchzusetzen. Allerdings bietet der Triathlonwettkampf eine Menge Unterschiede, die schon so manchen gestandenen Schwimmer an den Rand der Verzweiflung getrieben haben.

Survival im Haifischbecken

Beim Triathlon findet das Schwimmen in den meisten Fällen im offenen Gewässer statt. Und dort kommen einige neue Faktoren ins Spiel: Ungewohnter Wellengang, schlechte Sichtverhältnisse, tückische Strömungen, unangenehme Wassertemperatur sowie möglicherweise der Salzgehalt erfordern ebenso eine Gewöhnungszeit wie das Schwimmen im auftriebsstarken Neoprenanzug, der Ihre Wasserlage ganz erheblich beeinflussen kann. Dazu kommt, dass Sie oftmals die Richtung ändern und sich entsprechend immer wieder neu orientieren müssen. Die Orientierung ist ohnehin eines der Hauptprobleme: Wer nicht geradeaus schwimmt, macht Umwege und lässt mindestens Sekunden, manchmal auch Minuten auf der Strecke liegen. Deshalb müssen Sie immer wieder den Kopf nach vorn aus dem Wasser heben – nicht gerade optimal für eine gute Wasserlage. Erschwerend kommt hinzu, dass Sie ja im Wettkampf niemals allein unterwegs sind.

Das Schwimmen in der Gruppe will gelernt sein, nicht nur, um sich Schläge und Tritte zu ersparen. Wenn Sie es beherrschen, können Sie eine Menge Kraft sparen. Kraft, die Sie gut gebrauchen können, um die taktischen Besonderheiten des Massenstarts zu überstehen. Denn hier sollten Sie besonders in der turbulenten Anfangsphase in der Lage sein, ein paar Minuten „über Ihren Verhältnissen“ zu schwimmen, um sich nicht unterbuttern zu lassen und um später eine gute Ausgangsposition für den restlichen Teil der Schwimmstrecke zu haben – ganz egal, ob auf der Sprint-, Kurz- oder Langdistanz. Das alles müssen Sie beherrschen, ohne sich in Ihrer Renneinteilung zu übernehmen. Wer am Anfang zu hart anschwimmt und sich dann nicht zurücknimmt, dem gehen am Ende oft die Kräfte aus. Gerade im Freiwasser mit Massenstart kommt es also darauf an, die Kraft- und Energiereserven so einzuteilen, dass ein schneller Start sich später nicht bitter rächt.

Ob Sie ein erfahrener Triathlet sind oder nicht: Es zahlt sich aus, sich im Training frühzeitig mit den Besonderheiten des Freiwasserschwimmens zu beschäftigen. Je mehr Ihre Simulationen den Anforderungen am Tag der Wahrheit gleichen, desto leichter werden Sie sich im Rennen durchsetzen. Mit den folgenden Übungen bereiten Sie sich optimal auf die bevorstehende Saison vor.