Faszination Triathlon - Warum wir nicht bekloppt sind

Triathlon ist ein Sport für Verrückte - diese Ansicht hält sich hartnäckig in der nicht-dreikämpfenden Bevölkerung. Und sie hat Recht: Ein bisschen verrückt sind wir alle - nach Bewegung, Belohnung, Begeisterung. Ein Plädoyer für die drei schönsten Fortbewegungsarten der Welt.

Von > | 25. Juni 2013 | Aus: TRAINING

Svenja Bazlen beim Citytriathlon Heilbronn | Ob Profi oder Altersklasseathlet - die Finishline ist Traum, Ziel, Adrenalin pur!

Ob Profi oder Altersklasseathlet - die Finishline ist Traum, Ziel, Adrenalin pur!

Foto >Carola Felchner / spomedis

Als ich neulich ein paar neuen Freunden von meinem Hobby – dem Triathlon – erzählte, trafen mich besorgte, ja fast mitleidige Blicke. „Warum tut man sich sowas freiwillig an“, bekam ich nach meinen Ausführungen zu hören. In diesem Augenblick schaute ich mindestens genauso besorgt zurück. „Wieso ‚antun‘? Das macht doch Spaß“, stammelte ich etwas irritiert. Die Sichtweise meiner Freunde ließ mich nicht mehr los. Ich versuchte mich in ihre Situation hineinzuversetzen und fragte mich, wie sie diesen Sport als Qual ansehen konnten?

Swim. Bike. Run. Repeat.

Ich bin Triathletin. Ich trainiere Schwimmen, Radfahren und Laufen. Ich trainiere das nicht nur, sondern vergleiche mich auch regelmäßig mit anderen Triathleten auf Wettkämpfen. Hier versuche ich das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Um das zu schaffen, trainiere ich Schwimmen, Radfahren und Laufen nicht irgendwie, irgendwo und irgendwann. Nein – ich mache mir Pläne, wie ich zu trainieren habe. Summiert man die Wochenstunden an Training, so kommt für ein „Hobby“ schon ganz schön viel zusammen – ein Halbtagsjob, um genau zu sein. Die Schwimmkilometer, die ich in der Woche sammle, laufen manche nicht einmal zu Fuß. Für eine Stunde lohnt es sich für mich nicht ins Fahrraddress zu klettern und eine Laufeinheit zählt nur, wenn ich danach so richtig schwitze. Nach Wettkämpfen bin ich regelmäßig erst mal nicht ansprechbar, weil ich mich so verausgabt habe, dass mir selbst das Reden zu viel wird. Statt im Urlaub an den Strand zu fahren, quäle ich mich auf Mallorca die Berge hoch und statt im Sommer am See ein Buch zu lesen, denke ich beim Anblick von Wasser und Fahrradständern an Koppeleinheiten.

OKAY. Stopp!

Irgendwie dämmert mir langsam, warum mich meine Freunde für verrückt, oder zumindest für etwas masochistisch, hielten.

Die Facetten der Faszination

Nichtsdestotrotz meinte ich es aus tiefster Überzeugung als ich sagte, Triathlon würde mir Spaß machen – auch, wenn wir Triathleten uns tatsächlich manchmal Qualen und Torturen aussetzen. Trainingseinheiten vor Arbeitsbeginn und nach Feierabend zu quetschen, das ist quasi die fünfte Disziplin. Genau wie das Mittagessen mit Kollegen sausen zu lassen und stattdessen lieber noch ein paar Kilometer im Wasser oder auf der Straße zu sammeln. Wir gehen sehr weit an unsere körperlichen und geistigen Grenzen und überschreiten sie auch gerne mal. Aber warum? Wie rechtfertigen wir unseren enorm hohen Trainingsaufwand, die Kosten, den inneren Kampf? Die Vernachlässigung anderer Dinge? Oder wie meine Freunde es formulierten: „Warum tut man sich so etwas freiwillig an?“

„Weil es Spaß macht“ ist eine häufige, aber nur wenig aufschlussreiche Antwort auf diese Frage. Und wird der „Faszination Triathlon“ auch nicht gerecht. Denn jeder, der diesem Sport verfallen ist, ist das aus einem anderen, ganz persönlichen Grund.

Für die einen zum Beispiel ist dieser Grund, dass sie im Triathlon einen Ausgleich zum anstrengenden Job finden. Dass sie Spaß haben am gemeinsamen Training, Freude an der Bewegung in der Natur oder dass sie sich einfach fit halten möchten.

Für andere geht es darum, Ziele zu erreichen – ob bewusst oder unbewusst gesetzte. Sei es, die 10-Kilometer-Runde etwas schneller als in der vergangenen Woche zu laufen oder einen Marathon unter drei Stunden zu finishen. Vielleicht ist es auch nur der Wunsch, das nächste Mal beim Training weniger außer Puste zu sein. Mit der Hoffnung, oder gar Gewissheit, diese Ziele zu erreichen, motivieren wir uns jeden Tag aufs Neue – nicht nur im Triathlon.  Heißt es nicht, dass man mit seinen Aufgaben wächst?

Muskelkater zur Belohnung

Erreichen wir unsere Ziele, wächst unsere Persönlichkeit und unser Stolz als Konsequenz des Erfolgs. Der Geist bewegt den Körper und umgekehrt. Durch Training und Wettkampf werden wir selbstbewusster und stärker, nicht nur im Sport. Erreichen wir unsere Ziele und tun das, was wir gut können, verwirklichen wir uns selbst. Wir fühlen uns wertvoll und manch einer wohl auch ein bisschen unersetzlich. Unser Ehrgeiz möchte uns vor Niederlagen bewahren, deshalb arbeiten wir an unserer körperlichen und geistigen Fitness – wir trainieren unsere Muskeln, aber auch positives Denken oder motivierende Mantras.

Und ist es nicht auch dieser Flow-Zustand, den wir genießen, wenn es einfach läuft? Wenn die Muskeln wie von alleine arbeiten, ohne, dass wir sie großartig dazu anstacheln müssen. Dieser Zustand, den wir uns manchmal auch im „richtigen Leben“ wünschen: dass es einfach mal von alleine geht. Nicht zu vergessen das Gefühl danach - die angenehme Schwere und Wärme der Muskeln, der Stolz, es geschafft zu haben. Ganz ehrlich, es gibt doch nichts Schöneres als Muskelkater, der einen bei jeder Bewegung daran erinnert, was man geleistet hat!

Helden der Begeisterung

Chrissie Wellington beschreibt diese Emotionen, Motive und die Faszination Triathlon in ihrem Buch am Beispiel eines Ironman. Doch der ist in diesem Fall gleichbedeutend mit allen anderen Wettkämpfen und Zielen, die wir uns setzen und schließlich erreichen:

„Der Ironman begeistert wie keine andere Sportart. Er verändert die Leben derjenigen, die ihn angehen. Und die wiederum verändern umgekehrt das Leben anderer durch die Größe ihres Vorhabens. Die Ziellinie eines Ironman ist ein Ort des Lächelns und der Tränen. Gerade die Emotionen am Ende eines so langen Rennens sorgen für den festen Zusammenhalt unserer Community. (…) Die Ironman-Welt ist voller solcher Helden, die das Beste aus ihrem Leben machen und andere mitreißen. Damit zaubern sie ein Lächeln auf alle unsere Gesichter. Sie machen unseren Sport zu dem, was er ist – der Begeisterndste von allen.“

Noch Fragen, warum wir uns das antun?