Testrennen Sind Sie bereit für den Wettkampf?

Psychologie | 22. Februar 2012
Auf Ihren Motor können Sie sich in dieser Phase der Vorbereitung längst verlassen. Vor dem Hauptwettkampf sollten Sie aber auch Ihr Fahrwerk einer Generalprobe unterziehen. Der Sportpsychologe Dr. Heiko Ziemainz erklärt, warum Testrennen so wichtig sind.
Herr Ziemanz, ein Theaterschauspieler kommt um eine Generalprobe nicht herum. Sind Testwettkämpfe für einen Triathleten in der Vorbereitung ebenso wichtig?
Man kann im Training viel erreichen und seine Form auf ein hohes Niveau bringen. Es ist jedoch unmöglich, dabei eins zu eins einen Wettkampf darzustellen. Die ­Abläufe, die Gegnerkontakte, die Drucksituation – in einem richtigen Rennen sind all diese Dinge etwas ganz anderes als beim Training. Zumal man im Wettkampf auch immer noch ein paar Prozent mehr rauskitzeln kann. Dass der Motor läuft, weiß man in dieser Phase der Vorbereitung ja schon. In einem Testrennen gilt es aber, auch das Chassis auf Wettkampftauglichkeit zu prüfen. Stimmt das Set-up? Wie ist die Schwimmtechnik bei 100 Prozent Leistung, wie die Form in den einzelnen Disziplinen? Funktioniert das Material? Testwettkämpfe sind zwingend – für jeden!
Wie viele Testrennen sollte man denn einplanen?
Das hängt vom Saisonziel ab. Wenn es jemandem bei seinem Hauptwettkampf zum Beispiel um das Finishen einer olympischen Distanz geht, reichen vorher ein oder zwei kürzere Rennen, um die Schwimmbrille, das Rad und die Kleidung zu checken. Auf höherem Niveau können es auch mehr sein. Zu viele Vorbereitungsrennen sollte man in zu kurzer Zeit aber auch nicht einplanen, sonst drohen eine gewisse Wettkampfmüdigkeit und vielleicht sogar ein Übertrainingszustand.
Entscheidend ist wahrscheinlich auch das Timing. Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Testrennen?
Trainingsmethodisch wäre es sinnvoll, am Ende jedes Makrozyklus bei einem Rennen zu starten. Das kann im Frühjahr auch ein Volkslauf sein oder ein reiner Schwimmwettkampf. Ein Langdistanzler sollte zwei Wochen vor seinem Hauptwettkampf den letzten Test einplanen. Vor einer Sprint- oder olympischen Distanz genügt auch eine Woche. Schwer haben es nur diejenigen, deren Saisonhöhepunkt sehr früh im Jahr ist. Dann müssen auch mal Duathlons als Testrennen herhalten.
Gibt es sonst noch Kriterien, nach denen man seine Testwettkämpfe auswählen sollte?
Natürlich ist es sinnvoll, wenn die topografischen und klimatischen Gegebenheiten des Testwettkampfs denen des Hauptrennens ähneln. Wer in Roth startet, kann zum Beispiel vorher den Rothsee-Triathlon mitmachen. Andererseits ist es hilfreich, schon mal in einem Kanal geschwommen zu sein, wenn die Schwimmstrecke beim Saisonhöhepunkt durch einen Kanal führt. Auch die Radstreckenprofile sollten sich ähnlich sehen. Wichtiger ist aber eher, im Vorbereitungsrennen die Abläufe zu optimieren: die Position auf dem Wettkampfrad, das Trinken unter Belastung, die Verträglichkeit der Verpflegung.
Sollte man einen Testwettkampf denn so ernst nehmen wie einen richtigen?
Damit ein Testrennen aussagekräftig ist, sollte man es mit derselben Ernsthaftigkeit bestreiten wie andere Rennen auch. Das fängt mit der Vorbereitung an und geht mit sauberem Arbeiten in der Wechselzone weiter. Man darf aber ruhig experimentieren und zum Beispiel vorher neue Taperstrategien ausprobieren. Oft enden Testrennen überraschend gut, weil man sich vorher nicht so hohe Ziele gesteckt hat.
Wie schöpft man aus einem so gelungenen Testrennen bestmöglich die Motivation für den Hauptwettkampf?
Wichtig ist erst mal, dass man nicht abhebt und seine Leistung realistisch einschätzt! Viele machen den Fehler, ihre Ziele für das Hauptrennen nach einem guten Vorbereitungswettkampf unermesslich in die Höhe zu schrauben. Damit setzen sie sich aber nur viel zu sehr unter Druck. Stattdessen sollte man sich vor Augen führen, welche Teilleistungen im Testrennen zufriedenstellend waren. Um sich die eigenen Stärken noch besser bewusst zu machen, kann man sich auch Bilder aus dem Testwettkampf aufhängen und diese mit positiven Worten untermalen. Wichtig ist auch, das Training nach einem guten Testrennen nicht zu überziehen – ebenfalls ein häufiger Fehler. Wer aber nicht überzockt und aus dem Testwettkampf entsprechende Konsequenzen zieht, kann guten Mutes ins Hauptrennen gehen.
Und wie geht man damit um, wenn so ein Vorbereitungsrennen komplett in die Hose geht?
Komplett geht ein Wettkampf eigentlich nie in die Hose. Wer auf der Radstrecke einen Platten hatte, kann zumindest seine Leistung im Wasser und einen Teil des Radfahrens analysieren. Wer sich müde gefühlt hat, sollte sein Tapering überdenken. Wer in der Wechselzone schusselig war, muss beim nächsten Mal besser organisiert sein. Das ist auf jeden Fall alles kein Grund, vor dem Saisonhöhepunkt in Panik zu geraten! Jeder, der sich nach einem verpatzten Testrennen hinsetzt, die Abläufe genau analysiert und sie mit einem Trainer oder Vereinskollegen bespricht, wird feststellen, dass eben nicht alles schiefgegangen ist.