Trainingsplanlos - und nun?

Die nasskalte Jahreszeit ist da. Um die Fehler der vergangenen Saison zu korrigieren und den Erzrivalen endlich zu besiegen, ist es längst zu spät. Für die Wettkämpfe der neuen Saison ist es noch zu früh. Der homo triathleticus zieht sich auf sein Laufband in die tapezierte Höhle zurück und irrlichtert trainingsplanlos durch die Saisonpause. Er fragt sich voller Sorge: Macht das Leben noch einen Sinn?

von | 4. November 2013 | Aus: Training

Regen in Hamburg

Regen, Kälte, Dunkelheit - kein Wetter für Ausdauersportler. Oder doch?

Foto > Frank Wechsel

Ein Auszug aus Hardy Hartmann‘s Tagebuch des kalten Entzugs:

 

Dienstag:

Ich mache mir ein Bier auf. Endlich! Ein echtes Bier! Das erbärmliche Substitutionsprogramm des Sommers mit der alkoholfreien Weizenbrause ist vorbei. Der Geschmack kommt einer Erlösung gleich. Und ich weiß: Es ist jetzt eindeutig die Zeit der Sünde gekommen. Zeit, die verdiente Jahrespause einzulegen, die vergangene Saison Revue passieren zu lassen, neue Kräfte zu sammeln, frische Pläne zu schmieden und sich ausgiebig der Familie zu widmen. Schön ist das! Endlich einmal ohne Trainingsplan!

Mittwoch:

Ich habe mein Rad geputzt. Dabei sortierte ich das Material nach Schwimmen - Laufen - Radfahren und dachte währenddessen ein bisschen an die vergangene Saison. Anschließend nahm ich ein Erholungsbad (Kräftesammeln) und dachte gleichzeitig daran, welche Wettkämpfe das nächste Jahr spannend machen könnten und nicht schon lange ausgebucht sind. Am Abend spielte ich mit meinen Kindern Mau Mau. Danach wieder ein echtes Bier. Schon das zweite diese Woche! Schmeckt immer noch fantastisch. Habe ich ein Alkoholproblem?

Donnerstag:

Ich putzte das Rad erneut, sortierte das Material (diesmal unter den Kategorien Training – Wettkampf - reparaturbedürftig) und spürte dabei, dass ich zuerst melancholisch und dann zunehmend kribbeliger und übellauniger wurde. Liegt das am Bier vom Vortag und den zahlreichen Kalorien? Das Ganze dann auch noch ohne Training. Ist das die erste Stufe Formkellers? Dabei haben die Weihnachtsfeiertage noch gar nicht begonnen. Und zu allem Übel: Oh Gott hilf, ich bin völlig trainingsplanlos!

Ich strich umgehend das abendliche Erholungsbad, um überhaupt erst mal wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Statt dessen 4 x 400 Meter Intervalle auf der Tempobahn im städtischen Schwimmbad. Gott sei Dank, die Intervallzeiten stimmen noch! Aber ich bin völlig platt.

Darauf ein Weizen! Alkoholfrei!

Freitag:

Tempodauerlauf, 15 km. Erschreckend schlechte Zeit. Trotzdem bin ich total fertig. Das muss an dem Bier liegen! Ich bastelte am Abend mit meinen Kindern Kastanienmännchen. Meine Frau wunderte sich, warum meine alle so eine lange Kappe aufhaben. Frauen! Sieht doch ein Blinder, dass das ein Aerohelm ist!

Sonnabend:

Ich kann einfach nicht aus meiner Neoprenhaut! Ich schnappte mir trotz der ersten Nachtfröste meine Carbonwaffe, streifte die Isoliersocken über, drückte neue Batterien in die Rückleuchte und stürze mich heldenhaft in den Herbstmatsch.

Sonntag:

Lange Sonntagsradausfahrt mit den Jungs! Solche Ausfahrten lassen sich mit ein wenig Selbstbetrug immer unter irgendwelchen Trainingsgesichtspunkten verpacken. Ich habe mir für den Fall kritischer Nachfragen spontan die Stichworte: „aktive Erholung“, „im Tritt bleiben“ und „Grundlagen schaffen für das kommende Grundlagentraining“ parat gelegt.

Montag:

Heute Morgen Schwimmbad vor der Arbeit. Die morgendliche Dunkelheit ist eine Belastung für die Motivation. Fast wäre ich im Bett liegengeblieben. Was um Himmels Willen machen die ganzen Rentner schon um 6.00 Uhr im Wasser? Ich verbuche das Ganze versammelte Grauen des Morgens unter dem Trainingsaspekt: „mentale Härte!“

Dienstag:

Patrick, einer unserer Mittfahrer vom Sonntag, lernte auf dem Nachhauseweg, dass sich die Bremswege auf dem nassen Laub erheblich verlängern können. Der Traktor hatte angeblich zu spät gebremst! Patrick braucht ein neues Fahrrad und kommt jetzt erst mal nicht mehr mit. Weichei!

Mittwoch:

Musste kurz an Patrick denken, als auch ich die Kurvenlage meines Rades auf hunderten Eicheln und Kastanien offensichtlich unterschätzt habe. Das ging grade nochmal gut. Wie soll man in diesen Breiten auch vernünftige Intervalle machen? Ich will nach Mallorca, Teneriffa, Grand Canaria…! Sofort! Hab so ein komisches Kribbeln im Hals.

Donnerstag:

Mistwetter! Den ganzen Tag über Regen. Fühle mich schlapp. Trotzdem 6 x 1.000 Meter Laufintervalle. Der Tempodauerlauf und die anschließende Erschöpfung letzten Freitag deuten auf ein beginnendes Laufdefizit hin. Muß was machen …

Freitag:

Heute geht gar nichts. Der mitteleuropäische Dauernieselregen hat mich endgültig aus den Kompressionssocken gestreckt. Die Schwimmeinheit lasse ich heute Abend lieber aus. Krieg kein Bein vor das andere. Ingwertee!

Sonnabend:

Ingwertee. (Echter Ingwertee!!)

Sonntag:

Ingwertee ist alle. Das Fieber nähert sich einer neuen Bestmarke. Tamara will den kassenärztlichen Notdienst nicht rufen. Will sie vorzeitig an mein Erbe? Wann ist endlich Montag? Wenn ich das hier überlebe, mach‘ ich erstmal nix mehr!

Montag:

Am Morgen gleich zum Arzt. Der Arzt sagt: 3 x tägl. Antibiotika. Ich frag‘ ihn lieber nicht, wann ich wieder auf’s Rad steigen kann. Ärzte reagieren auf solche Fragen erfahrungsgemäß verständnislos. Ausserdem habe ich mir selbst Schonung versprochen.

Dienstag:

Es lebe die Medizin! Es lebe Robert Koch! Es lebe die Antibiotika! Mir geht es besser. Heute mache ich aber noch ruhig!

Mittwoch:

Sawatzky meint auch, dass ich kürzer treten soll. Wahrscheinlich sagt dieser Sommersportler das nur, weil er meinen Trainingsfortschritt durch das Herbsttraining fürchtet. Als ich ihn drauf ansprach, hat er gelacht. Das Lachen wird ihm noch vergehen. Am Abend aber erstmal 10 Kilometer traben. Ich mach erstmal locker, kann nicht schaden, denn schließlich war ich gerade krank.

Donnerstag:

Totaler Rückschlag. Ich krieg kein Bein mehr vor das andere. Sawatzky bringt mir eine Hühnerbrühe. Er murmelt was von "Indooreinheiten und Krafttraining“. Ich stammle: „Alter, das da auf meinem Nachttisch sind Antibiotika und keine Anabolika!“ Er: Hardy, ich spreche nicht von den Jungs mit Goldkettchen und Schlabberhosen, sondern von Rumpfstabi und so Zeugs … Du musst nicht gleich einen Pitbull züchten und Deine Anabolika mit einem Eiweiss-Shake runterspülen? Alles, was man dazu erstmal braucht ist eine Matte, die man in die Zimmermitte legt und ein paar geeignete Anleitungen.“ Ich: „Das sind ANTIBIOTIKA…!!“

Freitag:

Ich habe den ganzen Tag über Sawatzky und das Krafttraining nachgedacht. Mir scheint es noch schlechter zu gehen als ich dachte. Oder liegt das an den Antibiotika?

Sonnabend:

Sawatzky hat mich in der vergangenen Saison regelmäßig stehen lassen, obwohl er nicht ansatzweise mein Trainingspensum hatte und regelmäßig soff. Krafttraining? Hab‘ mir ein Buch über Krafttraining im Internet bestellt. Das Ganze sieht mehr aus wie Yoga. Das Buch spricht von Wiederholungen und Serien. Beides kenne ich bisher nur von RTL II.

Sonntag:

Mir geht es langsam besser und ich beschließe, es zu versuchen. Ich erinnere mich dunkel, dass ich mit Bodenturnen in der Schule nichts Gutes verband. Warum eigentlich nicht? Der Vorteil liegt doch auf der Hand: Man muss sich im Dunklen nicht mit den PS-Affen die glitschigen Strassen des Feierabendverkehrs teilen. Man kann im Trockenen trainieren und nebenbei noch Musik hören oder fernsehen. Außerdem ist das Training – laut Buch - mit 3 Einheiten a 30 min in der Woche erledigt!

Das Buch ist aber augenscheinlich für Mädchen geschrieben zu sein. 30 Minuten brauche ich doch allein schon zum Aufwärmen. Ich glaub ich mach morgen erstmal 60 Minuten. Aufstocken kann ich dann später immer noch.

Montag:

Shit, was war das denn? Nach 10 Liegestützen fiel mir spontan wieder ein, was ich am Bodenturnen so hasse. Das ist was für perverse Masochisten. Typen wie Sawatzky und noch schlimmer. Leute, die das Wort „Leidenschaft“ auf der ersten Hälfte des Wortes betonen. Ich bin mehr so der hippige GA1-Typ! Ich vermisste meine langen Ausfahrten schmerzlich. Und wenn ich sage „schmerzlich“, dann meine ich in diesem Falle wirklich „schmerzlich“. Nach 20 Liegestützen hörte ich die Musik nicht mehr und fing stattdessen laut an zu stöhnen und zu schreien. Meine Frau machte sich Sorgen um mich und die Nachbarn. Nach 20 Minuten ist Schluss.

Dienstag:

Ich kann mich nicht mehr bewegen! Muskelkater an Orten, an denen ich nicht geglaubt hätte, einen Muskel zu besitzen. Hab‘ heute die Nachbarin im Hausflur gesehen. Sie lief rot an, als sie mich breitbeinig die Treppe runterhumpeln sah. Ich entschuldigte mich für den Lärm vom Vorabend. Sie wurde noch röter und schlug die Augen nieder.

Das muss an meinem Kraftzuwachs liegen!

Krafttraining bringt’s!