Psychologie Verletzungspausen richtig nutzen

Psychologie | 2. September 2009
Trainingsstopp, Langeweile, Leistungsabfall – Sportpsychologe Dr. Heiko Ziemainz kennt die Sorgen verletzter Sportler. Im Interview erklärt er, welche Fehler Sie vermeiden sollten und wie Sie die Trainingspause sinnvoll nutzen.
Herr Dr. Ziemainz, was bedeutet es aus psychologischer Sicht, wenn sich ein Athlet, der für ein Ziel trainiert hat und sich in guter Form befand, plötzlich verletzt und für längere Zeit pausieren muss?
Das hängt davon ab, wie stark seine Bindung an den Sport ist. Wenn durch die Verletzung nur einer von mehreren in der Saison geplanten Volkstriathlons ausfällt, dann ist das nicht so schlimm, als wenn ein Athlet, dessen Lebensinhalt nur aus Triathlon besteht, auf seinen langersehnten Ironmanstart verzichten muss. Wenn der wichtigste Teil im Leben dieses Sportlers wegbricht, er keine Alternativen hat und sein Umfeld die Situation nicht auffängt, dann kann eine Verletzung leicht zu depressiven Erscheinungen wie Antriebslosigkeit, Müdigkeit und Perspektivlosigkeit führen.
Oft ist in einer Verletzungsphase bei Betroffenen gar nicht Frustration, sondern eine besonders hohe Motivation zu beobachten – wo liegen Gefahren?
Viele meinen, dass sie nach einer Verletzungspause das versäumte Training nachholen müssen. Doch der Schuss geht natürlich nach hinten los! Denn so etwas kann nur eine Überlastung und im schlimmsten Fall ein Übertraining zur Folge haben. Um nicht in diese „Kompensationsfalle“ zu geraten, sollten verletzte Sportler vor dem Wiederaufbau zusammen mit vertrauten Personen einen Plan erarbeiten. Möglichst mit ihrem Arzt, der feststellen muss, was aus medizinischer Sicht schon möglich ist, und mit dem Trainer, der abstecken kann, was in dieser Phase trainingstechnisch Sinn macht. Gegebenenfalls müssen beide einen ungeduldigen Athleten bremsen. Ich empfehle jedem Sportler, auch in der Zeit nach einer Verletzung alles so detailliert zu dokumentieren, wie vorher das Training. Das hilft sowohl bei erneuten Verletzungen als auch bei der Formulierung von Zwischenzielen.
Mit welchen Zwischenzielen können sich Sportler denn motivieren? Nach schweren Verletzungen oder Krankheiten ist der Formaufbau ja meistens langwierig, die Erinnerung an frühere Erfolge und Fähigkeiten dagegen noch sehr frisch …
Triathleten haben den Vorteil, dass sie trotz einer Verletzung nur selten ganz pausieren müssen – eine der drei Disziplinen geht eigentlich immer! Deshalb sollte ein Sportler, der zum Beispiel nach einer Verletzung nicht laufen darf, die Pause nutzen, um an seinen Schwächen zu arbeiten. Zum Beispiel könnte er sich zum Ziel setzen, seine Rumpfstabilität während der Verletzungspause zu verbessern. Oder er könnte eine Einheit mehr im Schwimmen einplanen, um an seiner Technik zu feilen. Wichtig ist, dass der Betroffene die Zeit nicht als verlorene Zeit erkennt, sondern positiv nutzt. Wenn eine Verletzung so schwer ist oder so spät in der Saison erfolgt, dass diese abgebrochen wird, ist das auch eine gute Gelegenheit, sich um ganz ander Dinge zu kümmern, zum Beispiel das berufliche Weiterkommen.
Sind Verletzungen oder Krankheiten durch Überlastung entstanden oder betreffen sie Körpersysteme, die im engen Zusammenhang mit der sportlichen Leistungsfähigkeit stehen, haben Sportler trotz voller Genesung oft Sorge, diese Systeme wieder voll zu belasten. Wie können sie die Blockade überwinden?
Diese Angst ist zunächst einmal ein Schutzmechanismus des Körpers und deshalb durchaus sinnvoll und hilfreich. Normalerweise findet eine Form der Desensibilisierung in der Rehabilitation und in der Zeit danach automatisch statt: Der Athlet tatstet sich langsam an Belastungen heran, fühlt dabei in sich hinein und baut das Training Schritt für Schritt auf. Wenn das in schwereren Fällen nicht funktioniert, die Angst also bestehen bleibt, dann muss man im Einzelfall schauen, ob ein psychologisches Interventionsverfahren mit Hilfe eines Experten nötig ist. Ein Pauschalrezept gibt es da aber nicht.
Surftipp
Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft bietet unter bisp-sportpsychologie.de ein sportpsychologisches Internetportal für Sportler und Betreuer an. Hier finden Sie umfassende Informationen über Inhalte, Themen und Arbeitsfelder der Sportpsychologie, aktuelle Literatur, Forschungs- und Erfahrungsberichte, ein Forum zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch und eine Expertendatenbank mit erfahrenen Sportpsychologen in ganz Deutschland. Neu hinzugekommen ist vor kurzem ein ausführliches Diagnostikportal.
Gibt es einen Athlentyp, der durch eine innere Haltung Probleme geradezu anzieht?
Wenn ein Sportler extrem ehrgeizig und leistungsorientiert ist, auf Biegen und Brechen etwas erreichen will und deshalb mit hohen Umfängen und Intensitäten trainiert, dann gelangt er irgendwann an einen Punkt, an dem er Verletzungen riskiert. Doch meistens können die Trainer solche Typen gut einschätzen und  früh genug zurückhalten. Auch hier hilft es allen Beteiligten weiter, Dinge wie die Zielsetzung und das geplante Training zu verschriftlichen.
Neigen körperbewusste Sportler dazu, Beschwerden besonders sensibel oder vielleicht sogar überzuinterpretieren?
Genauso wie es die Ehrgeizigen gibt, die dazu neigen, Warnzeichen des Körpers zu ignorieren, gibt es die „Sensibelchen“, die sehr in ihren Körper hineinhören und auch hinter kleineren Wehwehchen eine schwere Verletzung vermuten. Ich denke, hier ist wie so oft der goldene Mittelweg richtig.
Würden Sie auch Hobbyathleten raten, im Fall einer Verletzung einen Sportpsychologen zu Rate zu ziehen?
Sportpsychologische Hilfe ist im Verletzungsfall eigentlich nur notwendig, wenn das Umfeld des Betroffenen, also die Familie, die Freunde oder die Vereinskollegen, die Situation nicht auffangen können. Im Zweifelsfall kann es nie schaden, sich eine halbe Stunde beraten zu lassen. Oft helfen in diesem kurze Gespräch schon zwei, drei Tipps entscheidend weiter. Die meisten Athleten, die sportpsychologische Hilfe aufsuchen – bei etwa jedem Vierten bis Fünften ist eine Verletzung der Anlass – kommen leider erst, wenn’s brennt. Dabei wäre es sinnvoll, schon prophylaktisch den Kontakt zu einem Sportpsychologen herzustellen.