Mark Allen "Viele Athleten muss man bremsen"

Psychologie | 14. April 2010
Mit sechs Siegen beim Ironman auf Hawaii und zehn Titeln in Nizza ist Mark Allen einer der erfolgreichsten Triathleten der Welt. Im Interview spricht er über die Unterschiede zwischen Kurz- und Langdistanz, realistische Ziele und den Umgang mit Hindernissen.
Mark Allen, im Jahr 1989 haben Sie die erste Kurzdistanz-WM in Avignon und den Ironman auf Hawaii gewonnen. Welche Fähigkeiten sind nötig, um gleichzeitig auf beiden Strecken erfolgreich zu sein?
Ich glaube nicht, dass ich irgendwelche besonderen Fähigkeiten hatte. Es war vielmehr eine Frage des Trainings, das anders war als das, welches die meisten Athleten heute absolvieren. Im Winter habe ich sehr viel Grundlagenarbeit gemacht, im späten Frühjahr folgte intensives Schnelligkeitstraining, dann der Start über die Langdistanz in Nizza. Danach habe ich mich voll auf kurzes, intensiveres Training konzentriert – bis zur WM über die Kurzdistanz. Direkt danach habe ich dann wieder längere Einheiten trainiert. Am Tag nach dem Rennen in Avignon bin ich übrigens mit Mike Pigg (damals einer der weltbesten Radfahrer im Kurzdistanz- Triathlon, d. Red.) auf den Mont Ventoux gefahren. Eine ziemlich harte Sache direkt nach einer Weltmeisterschaft …
Als Trainer betreuen Sie heute zahlreiche Altersklassensportler. Können Sie aus deren Leistungen über kürzere Distanzen Prognosen abgeben, welche Zeiten auf der Langdistanz möglich sind?
Es gibt natürlich einige Fitness-Marker, mit denen sich abschätzen ließe, wie sich ein Sportler im Wettkampf schlagen wird – aber das mache ich nur ungern. Auch wenn ich natürlich bei jemandem die Chance auf einen guten Wettkampf erkennen kann, würde ich nie so weit gehen, diesen wirklich vorherzusagen. Am Wettkampftag liegt es immer am Athleten, sich der Herausforderung zu stellen und dann über sich hinauszuwachsen – vielleicht weiter als man es anhand von Trainingsergebnissen für möglich gehalten hätte.
Was raten Sie Athleten, die erstmals über die Langdistanz starten wollen?
Erstens: Die Ernährung während des Wettkampfs ist extrem wichtig. Kein Training der Welt kann helfen, das Tempo zu halten, wenn die Energiespeicher erschöpft sind. Zweitens: Die erste Stunde der Wahrheit schlägt nach ungefähr zwei Dritteln der Radstrecke. Bis dahin sollte man versuchen, sich zu fühlen, als würde man nur ein hartes Training absolvieren. Wenn man zu diesem Zeitpunkt schon das Gefühl hat, in einem Rennen zu sein, ist man den Wettkampf wahrscheinlich zu hart angegangen, um die restliche Radstrecke und den Marathon noch gut zu schaffen. Und 15 Kilometer vor dem Ziel fängt der Wettkampf dann richtig an. Erst dann sollte man wirklich in den Wettkampf-Modus schalten.
Was dürfen sich Ironman-Rookies zutrauen – und welche Erwartungen sind für den ersten Start unrealistisch?
Es ist gut, wenn man sich für diesen Tag ein Ziel setzt. Man sollte aber auch dazu in der Lage sein, seine Zielsetzung mitten im Rennen zu revidieren, damit man nicht am Ende enttäuscht ist, wenn es nicht so gut läuft. In einem Ironman-Rennen gibt es so viele Herausforderungen. Das Wichtigste ist, in den schweren Momenten nicht aufzugeben und zu erkennen, dass sie nur Teil der Erfahrungen sind, die einen Ironman ausmachen. Man muss sich vornehmen, jede dieser Herausforderungen zu meistern und es ins Ziel zu schaffen. Dann wird man sich beim Überqueren der Ziellinie gut fühlen – egal, ob die Zeit und die Platzierung dem ursprünglichen Ziel entsprechen.
Wie kann ein Sportler feststellen, dass er sich im Training und im Rennen weder überlastet noch unterfordert?
Das kann man nur durch Ausprobieren herausfinden. Am besten ist es allerdings, einen Trainer zu haben, der einem dabei hilft, einen individuellen Trainingsplan zu erstellen, anstatt das Training anderer Triathleten nachzuahmen. Der Trainer wird darauf achten, dass wichtige Prinzipien der Trainingslehre beachtet werden, und kann als mehr oder weniger neutraler Beobachter dafür sorgen, dass sich die typischen Fehler, die zum Übertraining führen, nicht einschleichen. Diese Einsicht hat mich damals dazu bewegt, mein eigenes Coaching-Programm zu gründen. Ich kann so anderen Sportlern mit den Erfahrungen aus meiner langen Karriere helfen. Aber selbst mit einem Trainer sollte man sich als Sportler selbst aufmerksam beobachten, um Überforderungen zu vermeiden. An Motivation mangelt es nur wenigen Triathleten, die meisten müssen doch eher ein wenig gebremst werden.
Wie wichtig ist die Fähigkeit des Sportlers, im Rennen seine Gedanken zu lenken?
Je länger das Rennen, desto wichtiger die mentale Komponente. Die meisten Triathleten trainieren ihre Psyche nicht, sie machen sie nicht widerstandsfähiger. Unter dem Druck des Wettkampfs sind sie dann nicht stark genug, negative Gedanken auszusperren. Dabei kann schon ein wenig Übung im Umgang mit negativen Gedanken enorme Auswirkungen auf das Rennen haben. Zu diesem Thema habe ich gerade zusammen mit Brant Secunda ein Buch geschrieben mit dem Titel „Fit Soul, Fit Body“. Wir geben darin viele nützliche Hinweise, wie man die richtige Denkweise für ein Rennen entwickeln und eine innere Charakterstärke nach außen übertragen kann.
Mark Allen
Der 51-jährige Amerikaner hat unter dem Kampfnamen „The Grip“ zwischen 1989 und 1995 sechs Ironman-Titel auf Hawaii gewonnen. Legendär ist das als „Ironwar“ in die Triathlongeschichte eingegangene Duell gegen seinen damals als unbesiegbar geltenden Landsmann Dave Scott. Heute betreibt er die Coaching-Plattform markallenonline.com.