Rennstrategien Der Reiz des Bierdeckels

Training | 7. Juni 2011
Ohne taktisches Geschick gibt es heute im Profitriathlon kaum noch etwas zu holen. Der ehemalige Triathlon-Bundestrainer Ralf Ebli ist davon überzeugt, dass auch bei Hobby-Triathleten nur eine sorgfältig durchdachte Strategie zum Erfolg führen wird.
Herr Ebli, welche Bedeutung haben Wettkampftaktiken oder Rennstrategien heute im modernen Triathlon?
Die Ansatzpunkte für Taktik im Triathlon-Sport sind sehr unterschiedlich. Zum einen hängen sie ganz existentiell von der Wettkampfstruktur ab, zum anderen muss man natürlich auch zwischen Hochleistungssportlern und Hobby-Triathleten unterscheiden. Ein Kurzstrecken­athlet muss im Weltcup ganz andere taktische Vorüberlegungen anstellen und sich im Rennverlauf anders verhalten als ein Amateur in einem windschattenfreien Rennen oder ein Langdistanzathlet. Zudem stellt sich die Frage, inwiefern die reine Renntaktik für bestimmte Sportler überhaupt sinnvoll ist.
Wie meinen Sie das?
Ein Leistungssportler, der in jedem Wettkampf bestimmten Konkurrenzsituationen ausgesetzt ist, muss schon allein deshalb taktische Überlegungen anstellen. Er wird knallhart am Erfolg gemessen. Ihm ist es egal, in welcher Zeit er einen Wettkampf gewinnt, Hauptsache er gewinnt ihn. Auf der anderen Seite stehen Amateurathleten, denen es erstmal darum gehen sollte, ihr ganz persönliches Rennen in einer für sie optimalen Zeit zu absolvieren, zum Beispiel die erste Kurzdistanz oder die erste Langstrecke.
Welche renntaktischen Überlegungen sollte man also als Hobbyathlet anstellen, um eine Chance zu haben, dieses Ziel zu erreichen?
Zunächst muss man sich in der Vorbereitung auf einen Wettkampf darüber klar werden, das eine gleichmäßige Renngeschwindigkeit der entscheidende Faktor zum Erfolg ist. Gleichmäßiger Druck im Radfahren und eine gleichmäßige Laufgeschwindigkeit sind Grundvoraussetzungen für die optimale Endgeschwindigkeit. Jede Übersäuerung oder jede andere Aktion führt unterm Strich zu einem Leistungseinbruch und damit auch einer verminderten Endleistung und letztlich zu Enttäuschung und Verdruss. Deshalb ist es mindestens genauso wichtig, sich für jedes Rennen ein realistisches Ziel zu setzen. Vor allem Langdistanzen werden häufig mit maßlos überzogenen Zielen angegangen, weil die Athleten einfach nicht rea­lisieren, was das in der Summe der Gesamtbelastung für ein riesiger Reiz ist, dem sie sich aussetzen, wie viele Erfahrungswerte man braucht, durch welche Höhen und Tiefen man in so einem Wettbewerb geht.
Wozu führen solche Fehleinschätzungen und Überehrgeiz im schlimmsten Fall?
Das führt zum Beispiel dazu, dass eher mäßige Schwimmer, die sich beim Start in die erste Reihe stellen und dann losschwimmen wie die Wilden, schon an der ersten Boje mit Laktat neun oder zehn völlig kaputt sind und den Rest Brust schwimmen. Auf Langdistanzen kann die Bierdeckelrechnung nach dem Motto „schwimmen kann ich, Rad fahren auch und beim Laufen noch einen Schnitt von fünf Minuten pro Kilometer, das ist doch gar nichts“ schon einmal in einem Volkswandertag über einige Kilometer enden. Danach sind die Enttäuschung und der Frust natürlich groß. Das sollte man sich bei aller Begeisterung im Training immer wieder klarmachen.
Was halten Sie davon, im Vorfeld eines Rennens bestimmte Zielzeiten für sich festzulegen?
Grundsätzlich kann man mit Zeiten rechnen, wobei ich gerade Anfängern und Langdistanz-Einsteigern eher davon abrate. Dennoch ist es auch für sie durchaus sinnvoll, kleine Prognosen für die drei Disziplinen aufzustellen. Die sollten aber, vor allem für den Marathon, sehr konservativ angesetzt werden, denn wer eine Triathlon-Langdistanz bestreitet, begibt sich in die Dimension einer Belastung, die schwer vorstellbar ist.
Gibt es Möglichkeiten, wie man sich der Dimension einer Wettkampfbelastung schon im Training nähern kann?
Die gibt es. Aber auch hier muss man zwischen den verschiedenen Wettkampfstrukturen unterscheiden, wobei es grundsätzlich sehr wichtig ist, sich bereits im Training intensiv mit der spezifischen Belastung im Wettkampf auseinanderzusetzen. Einen Sprintwettkampf kann man aufgrund der kurzen Belastungsdauer und den geringen Streckenlängen in kurzen Koppeleinheiten mit hohen Intensitäten sehr einfach simulieren. Bei Langdistanzen ist ein entsprechend längeres Koppeltraining im geplanten Renntempo ein probates Mittel, um zumindest schon mal ein Gefühl für die spätere Belastungsdauer und die Wettkampfsituation zu bekommen. Dabei sollte man unbedingt auch gleich das Material und die Verpflegung 1:1 testen.
Die sportliche Vorbereitung auf bestimmte Wettkampfsituationen ist das eine. Braucht man auch in Sachen Material eine Art taktisches Konzept?
Auch das gehört für Profis wie Amateure im weitesten Sinne zum Bereich Taktik. Sehr wichtig ist hierbei zum Beispiel, das Wettkampfrad schon im Training in der für den Wettkampf geplanten Sitzposition einzufahren. Nur so kann man die Muskeln perfekt auf das Rennen vorbereiten. Es gibt immer wieder Strategen, die bis drei Wochen vor dem Rennen mit ihrem normalen Rennrad trainieren und sich später wundern, dass sie auf ihrem Zeitfahrrad Rückenschmerzen bekommen und zudem keinen richtigen Druck aufs Pedal kriegen.
Gerade auf Langdistanzen habe viele Athleten auch immer wieder Probleme mit der Nahrungsaufnahme...
Ich rate jedem dringend dazu, sich während der Vorbereitung ein gut durchdachtes Verpflegungskonzept zurechtzulegen, das natürlich auch Flüssigkeiten einschließt. Und ganz wichtig: Testen Sie es in Ihren wettkampfspezifischen Trainingseinheiten.
Die am besten ausgeklügelte Renneinteilung, der vollkommene Einklang mit dem Material geraten in Vergessenheit, wenn im Wettkampf selbst etwas Unvorhersehbares passiert. Wie kann man sich auf eine solche Situation einstellen?
Jeder Athlet sollte, selbst wenn er noch so gut vorbereitet ist, grundsätzlich davon ausgehen, dass er seine vorher zurechtgelegte Taktik im Rennen nicht immer optimal umsetzen kann. Deshalb ist es ratsam, sich im Vorfeld eine zweite oder gar dritte Variante zu überlegen. Sehr wichtig ist außerdem, dass man in unerwarteten Rennsituationen keine Verzweiflung oder negative Gedanken zulässt, an denen man zerbrechen könnte. Die inneren Monologe müssen positiv sein. Nur so kann man seine individuelle Leistungsfähigkeit auch abrufen.
Ralf Ebli
Als Inhaber eines Instituts für Leistungs­diagnostik und Trainingssteuerung berät der ehemalige Triathlon-Bundestrainer Ralf Ebli heute Firmen und betreut eine Reihe von Amateur- und Profiathleten, unter ihnen der zweifache Ironman-Europameister Timo Bracht, Jan Raphael, Markus Fachbach sowie Michael Göhner, Sonja Tajsich und Kathrin Volz.