Chris Carmichaels Athleten gewannen über 30 Medaillen bei sportlichen Großereignissen

Carmichael Training Systems

Chris Carmichael
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Chris Carmichael "Riesige Umfänge, zu wenig Intensitäten"

Training | 1. Juni 2011
Ob Schwimmer, Radfahrer, Läufer oder Triathlet – wen der amerikanische Trainer Chris Carmichael unter seinen Fittichen hat, der wird zum Sieger. Im Interview erklärt der 49-jährige Erfolgscoach seine Philosophie und gibt Tipps für Amateure.
Chris Carmichael, neben dem siebenfachen Tour-de-France-Sieger Lance ­Armstrong haben Sie bereits viele Weltklasseathleten zum Erfolg geführt, beispielsweise den zweifachen Hawaii-Sieger Craig Alexander. Was ist das Besondere an Ihren Trainingsmethoden?
Die Grundlagen meiner Erfolge bei Amateur- und Eliteathleten sind Vertrauen und offene Kommunikation. Natürlich muss ein guter Coach auch ein gutes sportwissenschaftliches Fundament haben – aber viele stürzen sich zu sehr auf die Wissenschaft und vergessen dabei, dass sie es nicht mit Forschungsobjekten, sondern mit Menschen zu tun haben. Ich halte meine Mitarbeiter außerdem dazu an, ihren Athleten über spezielle Trainingseinheiten und Wettkämpfe ein Grundverständnis zu vermitteln, mit dem sie in schwierigen Rennsituationen die richtigen Entscheidungen treffen können.
Vor allem die Planung der Taperphasen, in denen die Athleten endgültig ihre Bestform erlangen sollen, gestaltet sich oft sehr komplex. Gibt es dafür ein allgemeines Erfolgsrezept?
Das ist ein sehr individueller Prozess, da jeder Athlet anders auf Änderungen in ­seinem Pensum reagiert. Grundsätzlich reduziert man die Umfänge, während die Intensitäten so hoch bleiben, dass die körpereigenen Energiesysteme weiterarbeiten. Das hilft, die Ermüdung abzubauen und den Athleten zum Renntag in Topform zu bringen. Dieser Prozess dauert bei jedem Sportler unterschiedlich lang, und auch der Bedarf an intensiven Trainingsreizen variiert in dieser Phase stark. Es dauert meistens einige Zeit, bis man für einen Sportler das optimale Muster herausgearbeitet hat, aber das funktioniert dann meistens für lange Zeit.
Welche Fehler machen Amateure bei ihrer Trainingsplanung denn besonders häufig?
Amateure, vor allem Einsteiger, trainieren oft riesige ­Umfänge mit niedriger bis mittlerer Intensität, vernachlässigen aber die höheren Intensitäten. Dann können sie zwar den ganzen Tag durchlaufen, entwickeln aber nie die nötige Geschwindigkeit, um auf einem hohen Level Wettkämpfe zu bestreiten. Viele von ihnen tendieren außerdem dazu, sich so sehr auf ihr Training zu fokussieren, dass dabei die Ausein­andersetzung mit dem anstehenden Wettkampf auf der Strecke bleibt. Beispielsweise die rechtzeitige Gewöhnung an die dort gereichte Verpflegung oder das Studium der Besonderheiten des Streckenverlaufs.
Wie viele Höhepunkte kann ein Amateur während einer Saison setzen?
Wenn er denn mehr als einen Höhepunkt pro Saison einplanen will, sind zwei ein gutes Ziel. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass Amateure und Agegrouper diese Idee des Höhepunkte-Setzens zu wichtig nehmen. Das mag ja sinnvoll sein, wenn man plant, sich für den Ironman Hawaii zu qualifizieren oder eine Meisterschaft zu gewinnen. Aber viele Agegrouper wollen doch eine große Zahl von Wettkämpfen mit vergleichbarem sportlichem Stellenwert bestreiten und sollten deshalb eher versuchen, statt der Bestform eine akzeptable, dafür aber stabilere Leistung zu erreichen, die sie dafür über längere Zeit halten können. Denn wer alles auf eine Karte setzt, kann auch scheitern – und hat dann die Chance verpasst, gemeinsam mit anderen eine gute Saison in dieser wundervollen Sportart zu erleben.
Wie bringen Sie Athleten nach unvorhersehbaren Trainingspausen, beispielsweise nach Erkältungen, zurück in die Erfolgsspur?
Solche unvorhergesehenen Pausen sind unumgänglich. Daher versuche ich, schon bei der Trainingsplanung etwas Raum für solche Rückschläge einzurechnen. Bleiben sie dann aus, reduziere ich die Trainingsbelastung einfach etwas, damit der Sportler nicht zu früh in Topform kommt. Würde ich diesen Puffer nicht einplanen und es käme etwas dazwischen, wäre das für viele Sportler schwieriger, weil sie gar nicht die zeitlichen Möglichkeiten haben, plötzlich mehr zu trainieren. Wenn ein Sportler weiß, dass in seinem Trainingsplan etwas Spielraum für solche Zwischenfälle eingebaut ist, verringert das seinen Stress erheblich.
Ist eine Leistungsdiagnostik für Amateure und Profis gleichermaßen sinnvoll?
Leistungsdiagnostische Untersuchungen sind ein notwendiger Bestandteil in der Vorbereitung auf Wettkämpfe. Denn man muss ja die Voraussetzungen des Sportlers kennen, wenn man ins gemeinsame Training startet. Später überprüfe ich mit einer Leistungsdiagnostik, welche Wirkung mein Training auf das physiologische System des Sportlers hatte, und passe den Plan gegebenenfalls entsprechend an. Allerdings werden weder Wettkämpfe im Labor gewonnen, noch habe ich bislang einen Athleten getroffen, der die leistungsdiagnostische Untersuchung als das Highlight seiner sportlichen Karriere bezeichnet hätte. Deshalb gehe ich mit dem Sportler im letzten Monat vor seinem Wettkampf nicht mehr ins Labor, sondern mache allenfalls noch Feldtests. Damit kommen wir den Wettkampfbedingungen näher, und der Sportler bekommt zudem viel eher als unter Laborbedingungen das positive Feedback, schnell, stark und kraftvoll zu sein.
Wie bestimmen Sie bei Ihren Athleten die richtige Mischung aus Be- und Entlastung?
Wir nutzen das Mittel der Kommunika­tion – und zwar ausgiebig. Wenn man als Trainer einen Sportler gut kennt und häufig mit ihm spricht, lernt man, sein Feedback richtig zu deuten. Jeder Athlet hat seinen ­eigenen, speziellen Ausdruck; bestimmte ­Eigenarten, das Sprachmuster oder die Körpersprache signalisieren dem erfahrenen und aufmerksamen Trainer, ob der Athlet sich energiegeladen oder müde, euphorisch oder frustriert, stark oder überfordert fühlt. Man darf sich nicht nur auf die nackten Daten konzentrieren. Die sind zwar wichtig, noch wichtiger aber ist die Beziehung zu deinem Athleten; nur darüber lassen sich die Zahlen in einen sinnvollen Kontext bringen.
Welche besonderen Anforderungen stellt der Triathlon im Vergleich mit seinen Einzelsportarten? Sollten Triathleten gemeinsam mit den Spezialisten in den jeweiligen Disziplinen trainieren?
Triathlon ist ein einzigartiger Sport mit sehr spezifischen Anforderungen. Ich denke, in einigen Bereichen kann es der Entwicklung förderlich sein, mit den Spezialisten zusammenzuarbeiten. Beispielsweise halte ich es für sinnvoll, die Schwimmtechnik oder die aerodynamische Sitzposition auf diese Weise zu verbessern. Aber all das muss in einem übergeordneten Plan zusammengeführt werden – und das ist das Besondere am Triathlon: Die Einzelsportarten isoliert zu trainieren ist nicht effektiv. Es gibt reihenweise Untersuchungen, die belegen, dass vor allem das Radfahren und Laufen im Triathlon physiologisch und biomechanisch etwas ganz anderes ist. Man darf von seinem Körper nicht erwarten, dass er die drei Disziplinen isoliert trainiert und am Renntag plötzlich alles auf magische Weise perfekt hintereinander bekommt.
Wenn Sie am Ende des Jahres auswerten, wie erfolgreich die Zusammenarbeit mit Ihrem Athleten war: Was legen Sie dieser Auswertung zugrunde?
Zuerst frage ich: Welche Ziele haben wir erreicht? Denn es ist wichtig, dass die Sportler nicht nur das Negative sehen, sondern sich Zeit nehmen, das Erreichte zu erkennen und zu feiern. Dann schaue ich, welche besonderen Herausforderungen sie auf dem Weg dahin bewältigten, welche Rückschläge sie einstecken mussten und schließlich, welche Ziele sie nicht erreicht haben. Es gilt herauszufinden, ob eventuelle Rückschläge einen Einfluss auf die Wettkampfleistung hatten und wenn ja, welchen. Nicht immer erklärt eine Erkältung oder Verletzung in der Vorbereitung ein schwaches Resultat. Manche Niederlage ist durch technische Probleme bedingt, das Wetter oder die Anwesenheit eines Konkurrenten, der das Rennen seines Lebens hatte. Es ist auch wichtig, die individuellen Stärken und Schwächen eines Sportlers innerhalb seiner Rennen zu analysieren, um zwischen den Wettkampfperioden gezielt an den Defiziten arbeiten zu können.
Die Karrierehöhepunkte der Topathleten sind häufig das Resultat einer langjährigen Planung. Wie planen Sie diesen Weg zum Erfolg?
Die Anforderungen müssen über die Jahre immer weiter steigen, je näher der Athlet seinem ultimativen Karriereziel kommt. Das bedeutet, dass er nicht nur seine Trainingsbelastung steigert, sondern sich auch anspruchsvollere Strecken aussucht und sich mit immer stärkeren Gegnern misst. Auf dem Weg dahin muss ein Sportler nicht jedes Rennen gewinnen, er sollte aber ein physisches System aufbauen, mit dem er sein Ziel erreichen kann. Und er soll lernen, wie er im Rennen die richtigen Entscheidungen trifft, um sein gestecktes Ziel zu erreichen – und vielleicht zu gewinnen.
Chris Carmichael
Der ehemalige Radrennfahrer Chris ­Carmichael trainiert zahlreiche Topathleten, vor allem Triathleten und Radfahrer, die bereits weit mehr als 30 Medaillen bei Großereignissen gewonnen haben. ­Außerdem bildet er andere Trainer in den „Carmichael Training Systems“ aus.

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