Was Schwimmer schnell macht

In keiner anderen Triathlondisziplin ist der Leistungsunterschied zwischen Spezialisten und Jedermännern so gewaltig wie im Schwimmen. Die Hamburger Sportwissenschaftlerin Petra Wolfram verrät, was gute Schwimmer schnell macht.

Von > | 20. April 2011 | Aus: TRAINING

Schwimmtechnik | Schwimmtechniktraining

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Foto >Frank Wechsel / spomedis

Frau Wolfram, welche Faktoren bestimmen das Leistungsvermögen auf langen Schwimmstrecken, wie sie im Triathlon vorkommen?
Die im Triathlon typischen Distanzen zwischen 500 und 3.800 Metern zählen nach unserer Definition zu den Langstrecken. Hier steht das Training der allgemeinen Ausdauer im GA1- und intensiveren GA1-Bereich im Vordergrund. Darüber hinaus sind natürlich die Kraftvoraussetzungen wichtig, auf den langen Distanzen vor allem die Ausprägung der Kraftausdauer, während die Schnellkraft kaum eine Rolle spielt. Über die Bedeutung der Technik im Langstreckenschwimmen gibt es unterschiedliche Meinungen, unter dem Gesichtspunkt der Ökonomie spielt sie aber aus meiner Sicht eine wichtige Rolle.

Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Teil des Geschwindigkeitsverlusts auf längeren Schwimmstrecken auf eine nachlassende Rumpfstabilität zurückzuführen ist.
Genau. Die Antriebsleistungen der Arme und Beine werden über den Rumpf übertragen, dessen Stabilität entscheidet also im Wesentlichen darüber, wie gut ein Schwimmer die investierte Kraft in Vortrieb umsetzen kann. Im offenen Gewässer ist dafür noch eine besondere Flexibilität nötig: Freiwasserschwimmer und Triathleten müssen sich über Wasser orientieren und auf Strömungen und Wellengang rea­gieren. Dafür müssen sie die Wasserlage über Veränderungen in Beinschlag und Körperspannung ständig anpassen. Das sollten sie speziell trainieren.

Wie stehen die Triathleten in Sachen Athletik im Vergleich zu Ihren Spitzenschwimmern da?
Ein erheblicher Teil des Trainings von Leistungsschwimmern findet an Land statt, weil das Wasser oft nicht die zum Kraftaufbau erforderlichen Widerstände bietet. Kraft- und allgemeines Athletiktraining an Land steht bei unseren Sportlern mehrmals pro Woche auf dem Programm. Aus meinen Kontakten mit Triathleten weiß ich, dass dieser Bestandteil des Trainings oft als verzichtbarer Luxus angesehen und manchmal sogar belächelt wird.

Im Vergleich zum Radfahren und Laufen empfinden viele Triathleten das Training im Wasser als langweilig.
Das kann ich sogar nachvollziehen, wenn ich mir anschaue, wie gleichförmig das Trainingsprogramm vieler Triathleten aussieht. Eine Stunde Dauerschwimmen oder drei Mal 1.500 Meter sind ja auch extrem langweilig. Das wäre, als ob ein Marathonläufer im Training ständig Dauerläufe von 42 Kilometern trainieren würde. Wichtig ist es, vielfältig zu variieren. Wer immer im Geschwindigkeitsbereich zwischen 40 und 60 Prozent herumschwimmt, lernt nicht, richtig langsam oder richtig schnell zu schwimmen. Beide Extreme sind aber für die Leistungsentwicklung sehr wichtig.

Wie kontrollieren Ihre Schwimmer im Training die Intensitäten?
Meine Sportler haben ein sehr gut geschultes Körpergefühl und sind sehr routiniert darin, ihre Belastung über die Herzfrequenz zu ermitteln. Sie zählen im Intervalltraining den Puls an der Halsschlagader. Die Steuerung über die Herzfrequenz ist die individuellste Methode der Intensitätssteuerung.

Mit welchen Testverfahren ermitteln Sie die Ausdauerleistungsfähigkeit Ihrer Athleten?
Innerhalb der Schwimm-Nationalmannschaft wird diese über einen Laktatstufen­test nach Pansold ermittelt, einer Methode, bei der der Schwimmer definierte Belastungsserien nach exakten Vorgaben schwimmen muss. Für deren Durchführung und Interpretation brauchen die Schwimmer ein gutes Tempogefühl und der Trainer oder Leistungsdiagnostiker große Erfahrung. Die Methode eignet sich also eher für den Hochleistungsbereich. Dort ist sie allerdings sehr aussagekräftig: Bei meinen Spitzenschwimmern kann ich anhand der Ergebnisse eines Tests eine Woche vor einem Höhepunkt die Zeiten vorhersagen, die sie im Wettkampf schwimmen werden.

Für wie sinnvoll halten Sie die in verschiedenen Triathlon-Fachbüchern abgedruckten Zeittabellen, in denen zum Beispiel die in einem 400-Meter-Test oder -Wettkampf geschwommenen Leistungen in Intervallvorgaben für die verschiedenen Intensitäts­bereiche umgerechnet werden?
Solche Empfehlungen halte ich für sehr problematisch, sie können nicht mehr sein als Kochrezepte. Bei denen ist das Ergebnis, welches schließlich auf dem Teller landet, auch immer ein anderes. Stellen Sie sich vor, der eine Proband ist ein Jedermann-Triathlet und mit dem Test bereits bis an die Obergrenze seiner Leistungsfähigkeit gefordert. Vielleicht startet er schnell, bricht aber nach 150 Metern bereits deutlich ein. Der andere ist ein Ironman mit vielen Trainingsjahren im Rücken, der sich über die vergleichsweise kurze Distanz kaum ausbelasten kann. Da ist verständlicherweise eine präzise Aussage darüber, was im lokalen Muskel- und im Gesamtstoffwechsel des Sportlers während des Tests passiert, kaum möglich.

Aufgrund der ­Mehrfachbelastung durch drei Sportarten fällt es den meisten Triathleten allerdings schwer, in jedem Schwimmtraining stabile Leistungen zu reproduzieren. Welche Methoden kommen dann in Betracht?
Auch Laktatwerte, die während und nach einem Test zum Beispiel über sechsmal 400, zehnmal 800 oder dreimal 1.500 Meter ermittelt werden, geben dem Trainer Aufschluss über das Ausdauerleistungsvermögen. Für eine sichere Interpretation bedarf es aber mehrerer mit dem identischen Verfahren durchgeführter Tests. Und mindestens zwei Voraussetzungen sollten immer erfüllt sein: Die Testdistanz muss zu den Fähigkeiten und dem Anforderungsprofil des Sportlers passen. Und der Test wird in einem konstanten Tempo absolviert.

Ist ein sinnvoller Trainingsaufbau im Schwimmen mit jenem in den beiden anderen Disziplinen vergleichbar?
Für den Jedermann ist das sicher ein gutes Konzept. Die klassische Periodisierung im Schwimmen sieht, übertragen auf die Triathlonsaison, so aus: Zum Trainingsstart im Winter steht für etwa sechs bis acht Wochen die Arbeit an Grundlagenausdauer und Grundschnelligkeit im Vordergrund, bevor im Frühjahr die Anteile intensiverer Trainingsformen und des spezifischen Krafttrainings steigen – bis hin zur wettkampfspezifischen Ausdauer kurz vor dem Start der Saison.

Bei den meisten Triathleten steckt in der Verfeinerung der Technik wahrscheinlich das größte Potenzial.
Ja, Triathleten sind ja durch ihr Training in drei Sportarten bereits sehr gut ausdauertrainiert, deshalb sollten sie die Wintermonate nutzen, um besonders intensiv an ihrer Technik zu arbeiten. Allein darüber gelingen oftmals riesige Leistungssprünge. Es kann aber je nach Trainingsalter bis zu einem halben Jahr dauern, bis neue Bewegungsmuster stabil automatisiert sind.

Sie beobachten an Ihren Trainingsstätten in Hamburg immer wieder auch Triathleten beim Schwimmen. Was schätzen Sie, wie viel deren Energieverbrauch über jenem Ihrer Schwimmer liegt?
Viel höher.

Beim Doppelten?
Vielleicht sogar noch darüber.

Petra Wolfram

Über 20 Jahre lang beschäftigte sich die Sportwissenschaftlerin mit der Trainingssteuerung im Schwimen. Am Bundesstützpunkt Hamburg/Nord betreut sie mit den Brüdern Steffen und Markus Deibler zwei der derzeit erfolgreichsten deutschen Schwimmer.