Waschmaschine im Schleudergang: So ein Triathlonstart ist schon hektisch genug. Wenn dann auch noch das Wasser sehr kalt ist, kann es lebensbedrohlich werden.

Michael Rauschendorfer / triaphoto.com

Triathlon-Langdistanz, Start beim Ironman Regensburg
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Unterschätzte Gefahr „An Unterkühlung kann man sterben“

Wissenschaft | 29. Mai 2013
Duathlon statt Triathlon, weil das Wasser zu kalt ist - zuletzt passiert in St. Pölten und jetzt beim Ironman 70.3 in Rapperswil-Jona. Verständlich, dass viele Sportler enttäuscht sind. Verstehen muss man aber auch die Veranstalter, die sich in der Verantwortung sehen. Warum man sportliche Härte nicht mit gefährlichem Leichtsinn verwechseln darf, erklärt der Stuttgarter Kardiologe Dr. Karlheinz Herrmann.
Herr Dr. Herrmann, was ist am Schwimmen in kaltem Wasser so gefährlich?
An Unterkühlung kann man schlimmstenfalls sterben. Symptome wie Frieren, Muskelzittern, eine beschleunigte Herzfrequenz und Atmung sind erste Zeichen der Auskühlung. Es kommt aber auch zu einer  Beeinträchtigung des Urteilsvermögens.
Man wird unvernünftig?
PD Dr. Karlheinz Herrmann, www.kardiocoach.de
Der Kardiologe Dr. Karlheinz Herrmann hat eine eigene Praxis in Stuttgart (www.kardiocoach.de).
©privat
Genau. Außerdem täuscht die Wettkampfeuphorie über die Anfangssymptome hinweg. Dann fällt der Entschluss, selbst die Reißleine zu ziehen, schwer. Die Schwimmleistung hat bei sehr kalten Temperaturen auch nur noch bedingt mit der unter normalen Verhältnissen zu tun.
Seine Bestleistung kann man im kalten Wasser also sowieso nicht abrufen?
Nein. Ab 15 Grad Wassertemperatur nimmt zum Beispiel die Fähigkeit ab, die Luft anzuhalten. Pro Grad Temperaturabfall muss man mit einem Leistungsverlust von drei Prozent rechnen. Dazu kommen die Koordinationsstörungen bei Kälte und die Einschränkung der Muskelstreckarbeit.
Triathleten tragen ja einen Neoprenanzug, der vor Kälte schützt. Reicht das nicht aus, um sicher zu schwimmen?
Natürlich bremst das Neopren die Wärmeleitung. Es verlängert das Überleben bei 15 Grad Wassertemperatur von zwei auf vier Stunden, mindert also das Problem der Unterkühlung. Man darf aber nicht von einem ausreichenden Schutz ausgehen, zumal die Gefährdung nicht am Ufer endet: Ein ausgekühlter oder unterkühlter Athlet ist auch beim anschließenden Radfahren nicht sicher. 2011 zum Beispiel fiel Sonja Tajsich in Abu Dhabi mit einer Körpertemperatur von 34 Grad Celsius vom Rad.
Die Temperatur im Zürichsee beträgt derzeit etwa zehn Grad Celsius. Wäre es aus medizinischer Sicht zu verantworten gewesen, die Teilnehmer des Ironman 70.3 Switzerland am Sonntag darin 1,9 Kilometer schwimmen zu lassen?
Nein. Abgesehen von der Gefährdung der Athleten wäre das Wettkampfergebnis irregulär und so nach meinem Verständnis unsportlich.
Wer sich für ein 70.3-Rennen anmeldet, ist aber doch in der Regel gut ausdauertrainiert und fit. Verkraftet man kaltes Wasser dann nicht besser?
Schon, aber die aktuelle Situation ist auch für sehr anpassungsfähige Spitzenathleten  extrem.
Zum Beispiel besteht ja beim Schwimmen in kaltem Wasser die Gefahr, dass ein Lungenödem entsteht. In der Fachsprache heißt das „SIPE“ („swimming induced pulmonary oedema“) und Betroffene schweben in akuter Lebensgefahr. Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, ein SIPE zu entwickeln, wenn man jetzt zwei Kilometer im Zürichsee schwimmen würde?
Zwei Kilometer bei diesen Temperaturen halte ich für gefährdend. Allen Athleten sollten die Symptome und die nötigen Gegenmaßnahmen bekannt sein. Abgesehen von SIPE muss man aber noch vermehrt mit Herzrhythmusstörungen rechnen, die ebenfalls akut bedrohlich sein können. Mehr noch: Die anfangs genannten Störungen können auch bei gut  trainierten Sportlern zum „Schwimmversagen“ führen, sogar schon im frühen Stadium der Auskühlung. Dies erklärt zum Beispiel, warum leider auch gute Schwimmer 1994 nach dem Fährunglück der Estonia in der Ostsee in der Nähe von Rettungsbooten ertranken.
Unterschätzen Sportler die Gefahr, die vom Schwimmen im kalten Wasser ausgeht?
Nicht alle, die meisten gehen sehr klug mit dieser Situation um. Aber leider sind manche argumentativ schwer zu erreichen und verwechseln sportliche Härte mit gefährlichem Leichtsinn.
Wie kann man sich vor Unterkühlung schützen, falls ein Veranstalter entscheidet, dass das Schwimmen trotz kühler Wassertemperaturen stattfindet?
Ziehen Sie den dicksten Neoprenanzug an. Springen Sie nicht ins Wasser, sondern steigen Sie langsam hinein. Versuchen Sie zu vermeiden, im dichten Pulk zu schwimmen. Und schwimmen Sie ruhig, indem Sie die Gleitphase voll ausschöpfen.