8 Tage Sandkasten für Erwachsene

Till Schenk hat beim Cape Epic in Südafrika sein "bestes Abenteuer" abgehakt. Was er und sein Team-Kumpel Stefan während der knapp 700 Kilometer langen Etappentour auf dem Mountainbike erlebt haben, berichtet er in seinem Blog.

Von > | 13. April 2017 | Aus: SZENE

Sonnig, schmutzig, spaßig: Till Schenk und Stefan Zelle beim Cape Epic 2017.

Sonnig, schmutzig, spaßig: Till Schenk und Stefan Zelle beim Cape Epic 2017.

Foto >Julian Schiemann

Es gibt gute Ideen, dumme Ideen und geniale Ideen, die erstmal dumm wirken. Die spontane Entscheidung im April letztes Jahr, "Komm wir machen mal das Cape Epic!", ist eine der letzteren Ideen. Beim Abendessen, glaube ich, haben weder mein künftiger Team-Partner Stefan noch ich daran geglaubt, dass im März 2017 wirklich einer von uns auf Stollenbereifung im Dreck Südafrikas stehen wird. Aber ups, Überraschung!

Am 19. März war es soweit. Startschuss zu #8DaysOfCourage. Wir stehen auf der Startrampe, es sind noch 15 Sekunden bis zum Start und Moderator Paul Kaye kündigt unsere Namen an: "Start number 84, Team VANtastic by Mercedes-Benz with Till Schenk & Stefan Zelle". Und während ich normalerweise hier den Hampelmann für Paul auf der Bühne gemacht hätte, bin ich diesmal schon längst im Tunnel verschwunden. Es zählt nur ein Gedanke: "Bloß nicht auf dem Weg vor allen Zuschauern die Rampe runter abmaulen". 

Die Zielsetzung für Stefan und mich war ganz klar. So viel Spass haben wie möglich und hart, aber kontrolliert fahren, da wir nicht vorhatten, 8 Tage im Tunnel durch Südafrika zu fahren, ohne die Natur anschauen und die Aussicht geniessen zu können. Und generell wollten wir es locker angehen lassen und uns Kräfte fürs Ende aufsparen.

Ganz zu meiner Überraschung gestalteten sich die nächsten acht Tage auch genau so. Es ist nicht Stefan, der mich überrascht, sondern ich bin es selbst. Wie häufig habe ich schon am Start von Rennen wie einem Ironman gestanden und habe mir sogar bis nach dem Schwimmen gesagt: "Heute wird lockerer Rad gefahren, damit fürs Laufen noch etwas da ist." Und in dem Moment, in dem es aufs Rad ging, galt nur noch Spaß ohne Rücksicht auf Verluste, wofür ich beim Laufen dann immer bezahlt habe." Stattdessen erwische ich mich diesmal zwischendurch auf den Etappen dabei, wie ich über mich selbst lachen musste. Aller Größenwahn war verschwunden und an Tagen, an denen ich mich richtig gut fühlte, sagte der Kopf "Mach mal lieber noch etwas lockerer!". Wobei "locker" eher Definitionssache ist bei Etappen mit 46 Grad, bis zu 110 Kilometer auf dem MTB, Anstiege und Abfahrten, die in Deutschland so überhaupt nicht zu simulieren sind.

Tag ein sah auf dem Papier so schön und einfach aus. 27 Kilometer waren im Vergleich zu den kommenden 660 in den nächsten sieben Tagen doch total easy. Das dachte ich, bis im Ziel erstmal die besorgte Ersthelferin auf mich zukam und sich nach meinem Zustand erkundigt hatte. Die Mischung aus Darmvirus eine Woche zuvor, Temperaturen von 40+ Grad und schlechte Ernährung unterwegs war wohl nicht ideal. 

Tag zwei fing dann schon gleich mal besser an. Die Beine liefen überraschend gut und ich hatte jede Menge Spaß. Zumindest bis Kilometer 70. Ich war gerade den bis dato heftigsten Anstieg meiner MTB-Karriere gefahren, gefolgt von der heftigsten Abfahrt. Der ganze Körper brannte und plötzlich hatte einfach mal einer meinen Stecker gezogen. In dem Moment ein bescheidenes Gefühl, aber im Rückblick eine geniale Erfahrung. Der Akku war komplett leer. Die Augen wollten immer wieder zufallen und ich hatte genau das Gefühl im Körper, das mich beim Ironman Zürich zur Aufgabe gezwungen hatte. Mit dem Unterschied, dass dieses Mal Aufgabe kein Thema war. Im Team unterwegs sein, ist halt Verantwortung. Man beißt nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Team-Partner. Ich war nur noch auf Stefans Hinterrad fokussiert, und er hat uns sicher nach Hause gefahren.

In den nächsten Tagen hatte sich der Körper super eingespielt und der nächste spannende Moment war einer, den mir vorher schon einige Fahrer beschrieben hatten. An Tag fünf, wenn der Körper so richtig müde ist, springst Du einfach aufs Rad und der Körper gibt plötzlich die Gegenwehr auf und akzeptiert, dass es weitergeht. Von da an wirdvdie meiste Zeit in einen Rhythmus gerollt. 

Was folgte, waren ein paar der besten Erlebnisse, die ich je auf dem Rad hatte. Spektakuläre Anstiege und Abfahrten, bei denen ich jemand in Deutschland den Vogel gezeigt hätte. Unfassbare Aussichten über Täler, Seen und Berge in Südafrika, körperliche und mentale Höhen und Tiefen, die immer wieder mit Höhen endeten und eimerweise neuen Erkenntnissen über mich selbst, und über das, was Körper und Kopf können, wenn sie müssen. 

Cape Epic ist mit Sicherheit das beste Abenteuer, das ich je hatte, und hat schöne Erinnerungen für Jahre erzeugt. Vor allem hat es mir aber eine Menge beigebracht. Es macht unfassbar Spaß, Rennen als Abenteuer und nicht als Rennen zu machen. Nach Tiefen kommen immer Höhen, der Körper und Kopf können viel mehr, als man denkt (zum Beispiel wenn man völlig im Eimer ist und plötzlich der "Erzfeind" vorbeikommt. Das setzt ungewohnte Kräfte frei ;-) ). Ausreden gibt es keine. Materialschäden und verlorene Ernährung gehören zu solchen Veranstaltungen dazu. Und egal was passiert – Sport muss Spass machen, sonst sollte man es lassen. Am Ende des Tages geht es darum, dass man selbst Spaß hatte.

Deswegen: Mal schauen, was als nächstes kommt ...