Aus dem Leben eines Halbzeitprofis

Neue Saison, neue Gesichter: 2017 wird Julian Fritzenschaft erstmals als Profi-Triathlet an der Startlinie stehen. Während viele seiner Konkurrenten den Sport als Vollzeit-Tätigkeit ausüben, muss der Hamburger Polizist seinen Beruf mit dem Leben als Neuprofi verbinden. Ein ungewöhnlicher Weg, der nicht immer einfach ist.

Von > | 10. März 2017 | Aus: SZENE

Volle Fahrt voraus: 2017 wird Julian Fritzenschaft erstmals als Profi starten.

Volle Fahrt voraus: 2017 wird Julian Fritzenschaft erstmals als Profi starten.

Foto >Bear Liange

Aus dem Leben eines Halbzeitprofis

Kurz nach 6 Uhr in Hamburg-Altona: Julian Fritzenschaft ringt nach Luft. Ein prüfender Blick auf die Uhr: Puls auf 179, noch eine Wiederholung. Langsam trabt er die 200 Meter lange Steigung auf dem matschigen Gehweg des Altonaer Balkons hinab. Es ist ein typischer Mittwochmorgen für den Hamburger Triathleten. Auf dem Trainingsplan stehen Berganläufe. Draußen ist es stockdunkel. Die Temperaturen liegen knapp unter dem Gefrierpunkt und es regnet ununterbrochen. Ein Wetter, bei dem die meisten glücklich darüber sind, noch im warmen Bett liegen zu können. Nach einer knappen Stunde kehrt der 25-Jährige in der Morgendämmerung von der Laufeinheit zurück zu seiner Wohnung. Das Frühtraining ist seit Jahren ein fester Bestandteil seines Lebens. „An solchen Tagen habe ich auch keine große Lust, mich so früh aus dem Bett zu quälen. Alleine der Gedanke an meine Ziele motiviert mich in diesen Momenten. Würde ich einfach liegen bleiben, wäre das schlechte Gewissen unerträglich.“

Harte Arbeit schlägt Talent

Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. Vielleicht ein bestimmtes Lied oder das Hintergrundbild des Handys. Im Fall von Julian Fritzenschaft ist es ein unscheinbarer Zettel in der Küche. Was man als Besucher zunächst kaum wahrnimmt, treibt den Hamburger Triathleten täglich an. Darauf steht unter den geplanten Rennen für die neue Saison groß „Ironman-70.3-WM 2018“. Dazugehörige Motivationssprüche, Bilder oder Verzierungen? Fehlanzeige. Neutral, fast emotionslos hängt das Blatt Papier an der Wand. Alles andere passiert im Kopf: „Ein Blick auf den Zettel genügt, um mich daran zu erinnern, wofür ich das alles mache. Diese Visualisierung löst genug Gedanken und Bilder in mir aus, um mich bis in die Haarspitzen zu motivieren.“ Bisher bestritt Fritzenschaft ausschließlich als Agegrouper die Wettkämpfe. Doch nach den sportlichen Ergebnissen der vergangenen Jahre gab es für ihn nur eine logische Konsequenz. Nämlich, es 2017 als Profi zu versuchen. 2015 wurde er Ironman-70.3-Europameister in der Altersklasse von 18 bis 24. Mit diesem Ergebnis qualifizierte er sich für die Ironman-70.3-WM 2016 in Australien. Dort bestätigte er im vergangenen September mit einer Zeit von 4:05 Stunden seine Fähigkeiten und wurde Vierter in der Altersklasse von 25 bis 29. Erst mit 17 Jahren kam Fritzenschaft zum Triathlon. Dabei war er nach eigener Aussage nie besonders talentiert, konnte mit unbändigem Fleiß aber in kurzer Zeit große Fortschritte erzielen. Bereits nach etwas mehr als zwei Jahren startete er 2011 in der zweiten, 2013 sogar in der ersten Bundesliga. Bis heute ist er seinem Motto treu geblieben: Harte Arbeit schlägt Talent, wenn jemand mit Talent nicht hart arbeitet.

2016 gewann Fritzenschaft beim ITU World Triathlon Hamburg die olympische Distanz.

2016 gewann Fritzenschaft beim ITU World Triathlon Hamburg die olympische Distanz.

Foto >Doris Lucas

"Ich war selbst überrascht"

Normalerweise zeichnet sich eine Profilaufbahn im Triathlon ab. Nachwuchsathleten gehören meist verschiedenen Kadern oder einem Team mit spezieller Förderung an, um behutsam und unter besten Voraussetzungen auf den Profisport vorbereitet zu werden. Für Julian Fritzenschaft kam das nie infrage. Er sei zwar immer sehr ehrgeizig gewesen, habe sich über ein Profidasein allerdings nie ernsthafte Gedanken gemacht. Schnell war nach dem Abitur klar, wohin der berufliche Weg führt: 2010 begann er bei der Hamburger Polizei mit seinem Studium. Seit dem Abschluss 2013 ist er dort als Kriminalkommissar tätig. „Für mich war immer klar, dass ich normal arbeite und Triathlon als ambitioniertes Hobby nebenbei betreibe. Bei meinem Wechsel auf die Mitteldistanz 2015 habe ich aber schnell gemerkt, dass ich Talent dafür mitbringe. Ich war selbst etwas von der Entwicklung überrascht, aber nach den Erfolgen in den letzten beiden Jahren lag nun der Schritt nahe, den direkten Vergleich mit den Profis zu suchen.“ 

Im Hamburger Volkspark absolviert der 25-Jährige häufig sein Lauftraining.

Im Hamburger Volkspark absolviert der 25-Jährige häufig sein Lauftraining.

Foto >Privat

Die Entscheidung, ins Profilager zu wechseln, sorgte auch beruflich bei Fritzenschaft für Veränderung. Bisher war er immer in Vollzeit tätig, entschied sich Anfang des Jahres aber dafür, ab März auf vier Arbeitstage in der Woche zu verkürzen. Dieser zusätzliche Tag, an dem dann deutlich mehr trainiert werden könne, sei zwingend notwendig. Unterstützt wird er dabei von seinem Arbeitgeber nicht: „In vielen anderen Bundesländern gibt es Sportfördergruppen bei der Polizei, auch im Triathlon. Beispielsweise besteht dort die Möglichkeit, halbtags zu arbeiten, aber volles Gehalt zu bekommen. In Hamburg bekommt man keinerlei Unterstützung.“ Das stimmt streng genommen nicht ganz: Zweimal im Monat wird Fritzenschaft eine Stunde Dienstzeit für den Sport zur Verfügung gestellt. „Haben oder nicht haben“, sagt er mit einem Schmunzeln. Auch für Wettkämpfe wird er nicht gesondert freigestellt. „Es braucht Eigeninitiative, um alles wie geplant verbinden zu können.“ Bedeutet: Im Sommer wird noch früher, oft gegen halb sechs, aufgestanden und im Winter werden Überstunden gesammelt, damit für Trainingslager und Wettkämpfe in der Saison genug Zeit ist.