Aus dem Leben eines Halbzeitprofis

Neue Saison, neue Gesichter: 2017 wird Julian Fritzenschaft erstmals als Profi-Triathlet an der Startlinie stehen. Während viele seiner Konkurrenten den Sport als Vollzeit-Tätigkeit ausüben, muss der Hamburger Polizist seinen Beruf mit dem Leben als Neuprofi verbinden. Ein ungewöhnlicher Weg, der nicht immer einfach ist.

Von > | 10. März 2017 | Aus: SZENE

Volle Fahrt voraus: 2017 wird Julian Fritzenschaft erstmals als Profi starten.

Volle Fahrt voraus: 2017 wird Julian Fritzenschaft erstmals als Profi starten.

Foto >Bear Liange

Eine Liebeserklärung an den Sport

Was die Entscheidung unterm Strich für das tägliche Leben bedeutet? „Weniger Gehalt, mehr Ausgaben." Durch die verkürzte Arbeitszeit gibt es weniger Geld, obwohl der steigende Gesamtaufwand ebenfalls mit höheren Kosten verbunden ist. Wettkämpfe im Ausland sind quasi Pflicht, wenn es mit dem großen Ziel, der 70.3-WM 2018, klappen soll. Ein zweiwöchiges Trainingslager auf Mallorca stand in der Saisonvorbereitung ebenfalls auf dem Programm. Alle Ausgaben dafür trägt Julian Fritzenschaft selbst. Finanzielle Unterstützung bekommt der AK-Europameister und Weltmeisterschaftsvierte von seinen Sponsoren bisher nicht. In Sachen Bekleidung, Sporternährung und biomechanischen Analysen (Lauf- und Radoptimierung) wird dem 25-Jährigen zwar unter die Arme gegriffen, aber nur ein Bruchteil der Gesamtkosten dadurch kompensiert. Die Suche nach weiterer Unterstützung gestaltet sich schwieriger als erwartet. Als Neuprofi muss man sich zuerst beweisen und die Zeiten, in denen man mit Gesamtsiegen als Agegrouper auf sich aufmerksam machen konnte, sind nun vorbei. Zwar besteht nun als Profi auch die Möglichkeit, bei Wettkämpfen Preisgelder zu gewinnen, allerdings kann man von Platz sechs bei einem internationalen Rennen meistens gerade mal seine Flugkosten bezahlen. Jegliche Einnahmen durch den neuen Zweitberuf? Fehlanzeige. Also wozu das ganze? „Geld ist nicht mein Antrieb. Es ist ein Privileg, mein Hobby nun professionell betreiben zu können und dafür bin ich dankbar. Ich mache es aus Leidenschaft und weil ich die neue Herausforderung suche." Die Worte klingen ehrlich und man sieht dem Hamburger die Zielstrebigkeit in den Augen an, wenn er von seinem Profi-Projekt spricht.

Blick in die Ferne: Ein spannendes Jahr liegt vor dem Neuprofi.

Blick in die Ferne: Ein spannendes Jahr liegt vor dem Neuprofi.

Foto >Privat

Ein Leben im Verzicht

„Ich habe den Sport schon immer sehr ernst genommen, sonst hätte ich es wahrscheinlich gar nicht hierher geschafft." Viele seiner Konkurrenten sind Vollzeit-Profis oder studieren nebenbei, haben deutlich mehr Zeit für das Training. Ein Nachteil für Fritzenschaft, den es irgendwie auszugleichen gilt. Speziell an den Wochentagen ist der zeitliche Aufwand seit jeher extrem hoch: Nach der ersten Einheit am Morgen geht es zum Dienst - meistens von kurz vor 8 bis 16:30 Uhr. Training zwei und drei folgen am Abend. Gegen 21 Uhr ist er in der Regel fertig mit dem Training und zu Hause. Viel Zeit für andere Dinge bleibt nicht, das war schon immer so. Am Wochenende wird zwar mehr trainiert, etwas Zeit für Freunde und Familie bleibt trotzdem: „Ich habe immer eine gute Balance gefunden, was das angeht. Am Wochenende bin ich deutlich früher fertig mit dem Training, abends verbringe ich die Zeit dann meist mit Freunden oder Familie." Je höher das Niveau im Sport, desto mehr kommt es auch auf Details an: Schlaf, Ernährung, Krafttraining und Athletik – Faktoren, welche die Leistungsfähigkeit und Regeneration entscheidend beeinflussen. „Meine Freunde haben kein Problem damit, dass ich in der Saison keinen Alkohol trinke oder abends mal früher weg muss. Sie unterstützen mich zum Glück tatkräftig dabei. Manchmal fällt mir der ganze Verzicht schon schwer, aber ich weiß ja, wofür ich es mache." Was der zeitliche Aufwand in Zahlen bedeutet? Etwa 25 Stunden Training in der Woche. Je nach Saisonphase rund 20 km Schwimmen, 200 bis 300 km Radfahren und 60 bis 80 km Laufen. Es ist ein extremer Weg, den der Hamburger gewählt hat. Etwas angespannt sei er schon bei dem Gedanken an sein ersten Rennen als Profi. Bereit fühle er sich trotzdem. Bereit, für eine Reise ins Ungewisse, die am 14. Mai beim Ironman 70.3 Pay d'Aix offiziell ihren Anfang nehmen wird.

Zeitmangel: Unter der Woche werden intensive Radeinheiten oft auf der Rolle gefahren.

Zeitmangel: Unter der Woche werden intensive Radeinheiten oft auf der Rolle gefahren.

Foto >Privat