Emotionaler Ausnahmezustand am Renntag

An einem Tag im Jahr, wenn die besten Athleten der Welt um die WM-Titel kämpfen, dreht sich auf Big Island alles um Triathlon. Unsere Autorin Laura-Sophie Usinger ist eingetaucht ins Gefühlsbad.

Von > | 11. Oktober 2016 | Aus: Szene

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Großer Sport und große Emotionen beim Ironman Hawaii.

Foto > Frank Wechsel / spomedis

Der Ironman Hawaii ist ein legendäres Rennen. Das wichtigste Rennen des Jahres auf der Langdistanz. Der Wecker für den längsten Tag des Jahres klingelt auch für mich als Zuschauerin verdammt früh. Für den Anfeuerungsmarathon brauche ich schnell verfügbare Kohlenhydrate. Also frühstücke ich das, was bei den meisten Triathleten am Rennmorgen auf dem Teller landet: Toast.

Im Dunkeln geht es zum Schwimmstart. Die Menschenmenge weist den Weg Richtung Pier. Ich laufe an tausenden Menschen vorbei, blicke in erwartungsfreudige Gesichter. Es hat ein bisschen was von Pilgern. 2.300 Athleten, 2.300 verschiedene Geschichten, 2.300 Träume. Dieser Gedanke hat eine gigantische Dimension. In Summe arbeiten über 1,5 Millionen Muskelstränge und bringen die Athleten über die harten Strecken auf Big Island. Beim Body-Marking bekommen die Athleten den Stempel aufgedrückt. Jeder hofft später, dem Rennen einen ebenso fetten Stempel aufdrücken zu können. 

Es wird langsam heller, die Sonne geht auf und der Startschuss rückt näher. Und dann knallt die Kanone. Zugegebenermaßen viel leiser als ich es erwartet hätte. Der längste Tag des Jahres beginnt. Ein Anfang, der im Rückblick immer der Start einer weiteren großen Triathlongeschichte ist. Im Rückblick wirkt es magischer, als es in Wirklichkeit ist. Es ist ein Schwimmstart im Wasser, so wie bei allen anderen Triathlons auch. Same shit, just a different place.

Der Aufstieg aufs Rad hat dann etwas Explodierendes. So, wie die Lava aus dem Vulkan gespuckt wird, und ins Meer fließt, so spuckt umgekehrt das Meer jetzt Tausende von Athleten aus. Sie brennen und wollen so schnell wie möglich nach Hawi, um dann so schnell wie möglich wieder nach Kona zu kommen, um dann so schnell wie möglich auf dem Alii Drive zu laufen, um so schnell wie möglich ins Energy Lab zu kommen, um dann so schnell wie möglich wieder auf den Alii Drive zu gelangen und ins Ziel zu laufen. Zurück dahin, wo acht, zehn, zwölf, vierzehn, siebzehn Stunden vorher alles seinen Anfang genommen hat.

Ich fahre, nachdem sich die hungrige Meute auf den Weg nach Hawi macht, mit dem Auto nach Waikoloa. Dort ist ein Viertel des Rennens bereits vorüber. Ich erlebe einen Hauch des Windes, der die Athleten die gesamten 180 Kilometer begleitet. Während man die Sportler auf der Radstrecke sonst immer nur für einen Bruchteil von Sekunden sieht, dehnt sich das Zeitfenster hier und heute etwas. Denn der Wind kontrolliert das Tempo. Er reduziert die Geschwindigkeit deutlich – wenn er will. Man sieht, wie sich die Triathleten gegen den Wind lehnen müssen und mit jeder Kurbelumdrehung gegen ihn ankämpfen. Ich ziehe mehr als einmal meinen Hut vor diesen Leistungen!

Während ich im klimatisierten Auto entspannt zurück nach Kona fahre, strampeln 1,5 Millionen Muskelberge nach Hawi und zurück. Auf der Laufstrecke leide ich mit. Ich bin in den Tagen zuvor auf dem Alii Drive einige Kilometer gelaufen. Ein paar Mal, morgens, als es noch verhältnismäßig kühl war. Nach einer Dreiviertelstunde war ich froh, zum Abkühlen in den Pool springen zu dürfen.

Deshalb kann ich nur ansatzweise erahnen, wie es sich anfühlt, hier und jetzt einen Marathon zu laufen. Und diese kleine Ahnung reicht, um meinen Hut zu ziehen – und ihn nie wieder aufzusetzen.

Kein Wunder, dass das Überqueren der Ziellinie für alle Finisher so emotional ist. Jeder Applaus, jede Blumenkette, jede Träne ist so unglaublich hart erarbeitet worden und das Finale im Zielkanal für jeden, der dort entlang läuft, mehr als verdient.

Ich kenne ein bisschen Triathlon, aber das hier ist schon wirklich eine besonders krasse Nummer. Und ich bin wieder an einem Punkt, an dem mir auf dieser Insel die Worte fehlen.