Der Dauerbrenner mit dem Reservetank

Er hat zehn Langdistanzen gewonnen und landete abseits von Hawaii fast immer auf dem Podest. Timo Bracht gehört auch 14 Jahre nach seinem ersten Ironman-Sieg noch zur Weltspitze und steht nun vor seiner letzten Profisaison. Wie hat es der 41-Jährige geschafft, sich seine Leidenschaft so lange zu erhalten? Ein Ortsbesuch im Odenwald.

Von > | 9. Mai 2017 | Aus: SZENE

Timo Bracht geht in seine letzte Saison als Profi. Wir trafen den Eberbacher zuvor in seiner Heimat.

Timo Bracht geht in seine letzte Saison als Profi. Wir trafen den Eberbacher zuvor in seiner Heimat.

Foto >Fabian Fiedler

Der Dauerbrenner mit den Reservetank

Eine gute halbe Stunde hinter Mannheim beginnt sich die Landschaft zu verwandeln. War zumindest das direkt an den Neckar angrenzende Gebiet eben noch vergleichsweise flach, tun sich nun mehr und mehr Steilhänge und bewaldete Hügel am Ufer des ruhigen Flusses auf. Die S-Bahn nähert sich Eberbach, rund 50 Kilometer östlich von Mannheim im Odenwald gelegen – und unter Ausdauersportlern immer wieder flüchtig im Gespräch, weil von hier einer der besten Triathleten der Welt stammt. Seit fast 14 Jahren verdient Timo Bracht seinen Lebensunterhalt als Triathlet, hat in dieser Zeit nur ein einziges Mal, nämlich bei einem Bundesliga-Teamrennen, aufgegeben und wurde drei Mal wegen teils skurriler Vorfälle disqualifiziert. Bei jeder der 17 Langdistanzen, die er zwischen 2002 und September 2014 außerhalb Hawaiis finishte, landete Bracht auf dem Podest. Wie nur hat er es geschafft, über all die Jahre so konstante Leistungen abzuliefern? Und was hat er jetzt noch vor?

Timo Bracht ist pünktlich. Kaum hat die Bahn an dem kleinen Bahnhof in Eberbach gehalten, biegt ein Mercedes V-Klasse mit dem „Sport for Good“-Aufdruck des Laureus-Teams um die Ecke, für das Bracht seit 2015 startet. Bis vor wenigen Minuten war er noch mit dem Mountainbike unterwegs, jetzt wirkt er tiefenentspannt. Mit seinen 41 Jahren hat Bracht zu einer inneren Ruhe gefunden, die man ihm äußerlich ansieht: Der Routinier hat in den vergangenen drei Wochen seit dem Ironman Hawaii etwas Gewicht zugelegt und sich um seinen Mund einen Bart stehen lassen. In seiner weiten Jacke erinnert Bracht weniger an einen professionellen Triathleten, eher an den Familienvater, der er ebenfalls ist. „Ich zeige dir erst mal die Gegend“, sagt Bracht und steuert seinen geräumigen Wagen zielsicher durch die schmalen Straßen seines 14.000-Einwohner-Städtchens.

Foto >Fabian Fiedler

Wenn es um seine Heimat geht, braucht der reflektierte und ruhige Sportler nicht lange, um aufzutauen. „Hier habe ich sechs Jahre lang als Trainer gearbeitet“, sagt Bracht und deutet auf das Naturpark-Zentrum auf der linken Straßenseite. „In Pausen bin ich oft ein paar Kilometer den Neckar hochgefahren und dann zurückgeschwommen. Dann konnte ich hier wieder rausklettern und duschen“, erzählt er. Gutes Zeitmanagement war für ihn schon immer eine Kernkompetenz. Das liegt auch daran, dass Brachts sportlicher Werdegang kein üblicher für einen Profitriathleten ist.

Neugier schlägt Risiko

Denn mit Triathlonkadern oder einer der Disziplinen hat Bracht in seiner Jugend wenig zu tun. Viel mehr erlangt durch Boris Beckers Wimbledon-Triumph 1985 zunächst Tennis seine Aufmerksamkeit, als er in einem 400-Seelen-Örtchen auf der Kuppel eines der an Eberbach angrenzenden Berge aufwächst. Über einen Abstecher zum Fußball zieht es Bracht zur Skisprungschanze auf dem nahe gelegenen Katzenbuckel, dem höchsten Berg des Odenwalds, und findet Anschluss bei den Nordischen Kombinierern. Doch anders als bei seinem jüngeren Bruder Kai, der 1996 Juniorenweltmeister im Skispringen wird, reicht es bei Timo Bracht nicht zu einer professionellen Karriere. Eine Knieverletzung mit 17 Jahren und die Tatsache, dass Bracht keinen zeitnahen Orthopädentermin bekommt, sorgen dafür, dass er sich zusammen mit einem Sportstudenten selbst zu therapieren beginnt. Dieser Student, selbst Ausdauersportler und Athletiktrainer in Brachts Verein, lässt den Wintersportler auch auf seiner Rennradrolle trainieren und motiviert ihn zu dessen Triathlonpremiere 1993 in Schwaigern, wo Bracht prompt gewinnt – oder das zumindest denkt, bis ihm ein Offizieller knapp erklärt, dass die 24 besten Starter erst in einer Startgruppe nach ihm ins Rennen gegangen seien. Jeder von ihnen ist schneller als der Triathlondebütant.

Mehr im Scherz prognostiziert ihm sein Kumpel danach, dass Bracht es binnen zehn Jahren in die Weltspitze schaffen könne – nicht ahnend, dass der tatsächlich genau zehn Jahre später erstmals einen Ironman gewinnen wird. In der Zwischenzeit hatte Bracht seinen Zivildienst abgeleistet, begonnen, in Heidelberg Sportwissenschaften und Pädagogik zu studieren, mit seiner Frau Bettina einen Sohn in die Welt gesetzt, Trainerscheine gemacht und gemeinsam mit seinem einstigen Athletiktrainer ein Fitnesszentrum in Eberbach eröffnet, in dem Bracht heute noch trainiert. Er arbeitet zu dieser Zeit 30 Stunden pro Woche dort oder als Nachwuchstrainer im Skiverband und trainiert parallel so gut, dass er 2002 als Amateur beim Ironman in Frankreich Dritter wird. Dort muss er aber auf Preisgeld verzichten, weil Prämien nur an Profis ausgezahlt werden und Bracht keine entsprechende Lizenz gelöst hat. Im Jahr darauf kehrt er zurück, mit Profilizenz, aber unveränderten beruflichen Rahmenbedingungen. Er gewinnt das Rennen.

„Dieser Sieg hätte nicht später kommen dürfen“, sagt Bracht. „Es war meine letzte Chance, noch aus dem Business auszutreten und mir zu beweisen, dass ich es mit dem Sport schaffen kann.“ Er legt wenig später einen weiteren Ironman-Sieg in Florida nach und wird zur Saison 2004 im Alter von 28 Jahren Vollprofi. Die Unterstützung eines regionalen Sponsors hilft dabei, „aber auch das Junge, Draufgängerische“, meint Bracht, der sich auf einen Vertrag einlässt, nach dem 80 Prozent seiner Gelder erfolgsabhängig gezahlt werden. „Natürlich hatte ich als junger Familienvater Bedenken“, sagt er. „Doch die Neugier, wie weit ich es bringen kann, war größer.“