Drama um Jonathan Brownlee beim Grand Final - Mola Weltmeister

So etwas hat es in der World Triathlon Series noch nie gegeben: 400 Meter vor dem sicheren Gewinn des WM-Titels kollabiert Jonathan Brownlee und wird von Bruder Alistar über die Ziellinie getragen. Der Olympiadritte Henri Schoeman gewinnt das Grand Final - und Mario Mola wird Weltmeister.

Von > | 19. September 2016 | Aus: SZENE

Brownlee-Brüder | Alistair Brownlee \"schleppt\" seinen Bruder Jonathan ins Ziel.

Alistair Brownlee "schleppt" seinen Bruder Jonathan ins Ziel.

Foto >Delly Carr / triathlon.org

Schon im Vorfeld des letzten Rennens der World Triathlon Series 2016 war klar, dass es einen neuen Weltmeister geben würde: Nach dem Ausfall des Titelverteidigers Javier Gomez hatte Landsmann Mario Mola nach einer starken Saison vor dem Rennen über die olympischen Distanz auf Cozumel in der Gesamtwertung die Nase vorn. Auf Rang zwei lag mit Jonathan Brownlee der - realistisch betrachtet - einzige Konkurrent, der Mola den WM-Titel noch streitig machen konnte. 

Die Ausgangslage: Bei einem Sieg von Jonathan Brownlee müsste Mario Mola Dritter werden, um den WM-Titel nicht mehr aus der Hand zu geben - würde Brownlee nur Zweiter, würde dafür mit hauchdünnem Vorsprung auch der fünfte Rang des Spaniers genügen. Und wenige Meter vor dem Ziel scheint es tatsächlich so, als könne Brownlee den Spanier noch abfangen: Nach einem starken Rennen führt Jonathan Brownlee 400 Meter vor der Ziellinie mit knapp 20 Sekunden vor seinen beiden Verfolgern Henri Schoeman (RSA) und seinem Bruder Alistair und hat den sicheren WM-Titel im Blick. Doch plötzlich beginnt der Brite in der drückenden mexikanischen Hitze zu wanken und sieht so aus, als könne er jeden Moment umfallen. Während dieses Kreislaufzusammenbruchs schließen die beiden Verfolger auf. Henri Schoeman überholt Jonathan Brownlee und läuft zum Tagessieg beim Grand Final. Alistair Brownlee entscheidet sich dafür, seinen Bruder nicht in medizinische Obhut zu geben, sondern bleibt stehen, hängt seinen Bruder mit dem Arm über die eigenen Schultern und beginnt, ihn die letzten 300 bis 400 Meter zum Ziel zu tragen. Dort schubst Alistair seinen Bruder über die Ziellinie zum zweiten Platz und wird selbst Dritter, bevor Richard Murray als Vierter und Mario Mola als Fünfter und damit als neuer Weltmeister in den Zielkanal einbiegen. Wobei Murray, der das Drama aus der Ferne gesehen hatte, vor der Ziellinie sogar wartete, bis er sich sicher war, dass es für seinen spanischen Trainingspartner zum Titelgewinn reichen würde.

Große Schwimmgruppe, Brownlee-Brüder fahren davon

Dabei hatte bis dahin alles auf den Titelgewinn des jüngeren Brownlee-Bruders hingedeutet. Neun Athleten nutzten einen schnellen Wechsel, um sich vom Hauptfeld zu lösen. Mit dabei waren beide Brownlee-Brüder und der Olympiadritte Henri Schoeman aus Südafrika. Mario Mola befand sich zusammen mit Trainingspartner Richard Murray in der Verfolgergruppe. Die beiden Brownlees übernahmen auf der 40 Kilometer langen Radstrecke sofort die Initiative und machten Druck. Somit konnte die Spitzengruppe ihren Vorsprung von 20 Sekunden nach der ersten Runde auf satte 1:30 Minuten ausbauen, bevor es in die Laufschuhe ging.

In der dritten Disziplin liefen die drei Medaillengewinner der diesjährigen Spiele einige Kilometer lang zusammen, bevor Alistair Brownlee zurückfiel. Drei Kilometer vor Schluss zog Jonathan Brownlee das Tempo noch einmal enorm an und löste sich sofort vom Südafrikaner Schoeman, der den vielen Tempoverschärfungen etwas Tribut zollen musste und fortan wieder mit Alistair Brownlee zusammen lief. Diese Konstellation hielt an, bis das Rennen wenige hundert Meter vor der Ziellinie seine außergewöhnliche Wendung nahm.

Mola wird Weltmeister, Nieschlag 18.

Der fünfte Platz beim Grand Final reichte Mario Mola, der unterwegs vom spanischen Team über Jonathans Zustand informiert wurde, zum Sieg der Gesamtwertung und seinem ersten WM-Titel über die Kurzdistanz. "Ich hätte gerne auf eine andere Weise gewonnen. Unter normalen Umständen gewinnt Jonathan das Rennen und der fünfte Platz hätte mir nicht gereicht. Aber so ist es manchmal, ich freue natürlich trotzdem sehr", erzählt der neue Weltmeister im Ziel. Sein spanischer Verband legte Protest ein, damit Jonathan wegen unerlaubter Hilfeannahme disqualifiziert würde, die ITU-Kampfrichter lehnten das mit Verweis auf Appendix K, Regel 7, aber ab - demnach dürfen Athleten Hilfe von anderen Athleten annehmen. Für Alistair Brownlee wiederum sei die Hilfe eine Selbstverständlichkeit gewesen, sagte er: "Mir ist so ein Zusammenbruch vor einigen Jahren schon einmal in London passiert. Eben war ich noch Zweiter, und plötzlich rief mir jemand zu, dass ich Zehnter bin - und ich wusste nicht, wieso. Ich hatte mir geschworen, dass ich jedem helfe, dem so etwas einmal passiert. Ganz egal, wer das ist", meinte Jonathans älterer Bruder.

Für die deutschen Athleten war es einmal mehr ein durchwachsener Tag. Lediglich Justus Nieschlag sorgte mit seinem 18. Platz für einen Lichtblick. Steffen Justus wurde 43., Gregor Buchholz gab das  Rennen vorzeitig auf und Jonathan Zipf konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht starten.