Durchziehen - damals wie heute

Am Sonntag steht die Generalprobe für den Ironman Hamburg an. In Uelzen will unser Redakteur seine Form testen – und erinnert sich an eine Wüsten-Odyssee ohne Carbon und Aerolenker.

Von > | 20. Juni 2017 | Aus: SZENE

Langsam wird\'s ernst: Vor der Mitteldistanz in Uelzen testete unser Redakteur nochmal das Schwimmen im Neoprenanzug. Auf der schnellen vierten Bahn ließ er allerdings die anderen schwimmen.

Langsam wird's ernst: Vor der Mitteldistanz in Uelzen testete unser Redakteur nochmal das Schwimmen im Neoprenanzug. Auf der schnellen vierten Bahn ließ er allerdings die anderen schwimmen.

Foto >Privat

Dass der O-See-Triathlon in Uelzen am kommenden Wochenende meine erste Mitteldistanz ist, wäre gelogen. Das erste Mal kam ich nämlich vor viereinhalb Jahren mit Triathlon in Berührung, damals als Student und freier Mitarbeiter bei einem Laufmagazin. Der damalige Chefredakteur schickte eine Einladung in die Runde, in der er fragte, wer Lust hätte am Israman teilzunehmen, um über das Event zu berichten. Als Student war das die einmalige Gelegenheit, für ein paar Tage (und lau) aus dem Campus-Kosmos rauszukommen. In meiner grenzenlosen Naivität sagte ich zu.

Mut zur Lücke

Kraulen hatte ich nie gelernt und ein Rennrad besaß ich auch nicht, nur ein Fitnessbike mit Hörnern, das ich für Fahrten zur Uni nutze. Ich hatte mir alles so schön romantisch ausgemalt: Ich würde Schwimmen lernen wollen und auf meinem Fitnessbike die nötigen Kilometer durch die Winterlandschaft abspulen. Vier Monate später flog ich nach Israel – mit 45-Radergometer-Minuten in den Beinen, zehn Schwimmbadbesuchen und etliche Stunden Youtube-Schwimmvideos (mein Geheimtipp!), und einer Laufform, die sich allerdings sehen lassen konnte. 

Ich habe in meinem Leben nie mehr gelitten als während dieser sechsstündigen (oder waren es sieben?) Odyssee durch die Negev-Wüste. Der geliehene Neoprenanzug, der ein Taucheranzug war, war viel zu groß. Das ebenfalls vor Ort geliehene Rennrad war im Gegenzug viel zu klein und für Aluminium auch vergleichsweise schwer. Am besten war, dass die Schaltung während des Rennens ausfiel und ich nur noch zehn Ritzel hatte. Nach dem Wendepunkt bei Kilometer 50 war ich so leer gefahren, dass ich das erste Mal neben meinem Rad stand. Aber Busse, die einen mitnahmen, gab es in der Wüste nicht. Der Wind blies unbarmherzig mit bis zu 50 Kilometer pro Stunde. Und dann war da noch der immanente Druck, die Einladung des Chefredakteurs angenommen zu haben, und hier jetzt nicht aussteigen zu können. Das Leiden hatte erst nach dem zweiten Wechsel ein Ende. Den Wettkampf, der lange auf Messers Schneide stand, bin ich trotzdem noch ins Ziel gelaufen – der Halbmarathon war für damalige Verhältnis nicht schnell, aber ab einem gewissen Punkt werden Zeiten irrelevant. Bis heute war ich nie stolzer auf eine sportliche Leistung.

"Von Triathlon wollte ich nichts mehr wissen"

Ich habe nachgerechnet: Viereinhalb Jahre ist das nun her. Von Triathlon wollte ich erstmal nichts mehr wissen, weil mir das Schwimmen zu kompliziert, zeit- und kostenaufwendig erschien. Mein erstes Rennrad kam auch erst eineinhalb Jahre später und wurde nur bei hochsommerlichen Temperaturen oder im Urlaub genutzt. Doch mit einer einjährigen Verletzungspause in 2016 folgte der sportliche Wechsel: Sporadisch ging es ins Schwimmbad und ebenso sporadisch aufs Rad – kein Vergleich zu dem Training jetzt. Seit November trainierte ich penibel nach Plan zwischen 8 bis 15 Stunden pro Woche.

Wenn ich den Israman-Teilnehmer von damals mit dem Uelzen-Teilnehmer von Sonntag vergleiche, liegen Welten zwischen beiden Athleten. Ich habe heute Morgen die 202. Trainingseinheit für den Ironman Hamburg hochgeladen. Ich kann mittlerweile passabel schwimmen und habe im Radfahren ziemliche Sprünge gemacht. Und auch das Equipment lässt keine Wünsche mehr offen. Die Herangehensweise damals und heute könnte nicht unterschiedlicher sein: Abenteuergier auf der einen, Perfektionismus auf der anderen Seite. Beides ist Triathlon in Reinkultur. Und doch wird ein Teil des Erlebten von damals mich am Sonntag auf Strecke begleiten. In jedem Wettkampf gibt es den Punkt, an dem man aufgeben möchte und sich überfordert fühlt. Wahrscheinlich hat jeder etwas, an das er sich in solchen Momenten erinnert. Bei mir ist es das Bild, wie ich aus den Pedalen geklickt neben meinem Rad stehe. Schlimmer kann es nie wieder kommen – und schneller wird es hoffentlich am kommenden Sonntag.