Das erste Rennen als Profi

Agegroup-Weltmeister Lukas Krämer gab sein Wettkampf-Debüt als Profi bei der Challenge Rimini. Unser Autor Alexander Siegmund berichtet, wie es dem 32-Jährigen ergangen ist.

Von > | 23. Mai 2017 | Aus: SZENE

Lukas Krämer vor der Challenge Rimini.

Lukas Krämer vor der Challenge Rimini.

Foto >Privat

Das erste Rennen einer Saison ist für jeden Triathleten immer etwas Besonderes: Gedanken zur aktuellen Form, der Vorbereitung und den letzten Trainingsergebnissen kreisen in Dauerschleife und sorgen für einen emotionalen Cocktail aus Vorfreude, Ungewissheit und Nervosität.

Anders ergeht es auch Lukas Krämer an den Tagen vor seinem ersten Rennen als Triathlon-Profi nicht. Die lange Vorbereitung lief gut: Insgesamt neun Wochen hat er im Kalenderjahr 2017 bereits in Trainingslagern auf Fuerteventura und Mallorca verbracht und konnte die Vorgaben seines neuen Trainers ohne Krankheiten oder Verletzungen umsetzen. Dass Coach Christian "Puni" Manunzio selber einen Großteil der Vorbereitung an der Seite seines Schützlings war, hilft der Gewöhnung aneinander und verschafft einen guten Eindruck über das aktuelle Leistungspotenzial des Neu-Profis.

Dennoch überwiegt Anfang Mai kurz vor der Abfahrt nach Rimini, dem Auftakt in Krämers Saison, die Ungewissheit: „In der Vorbereitung hat soweit alles gut geklappt, aber wo ich im Vergleich zu den anderen Athleten stehe, kann ich wirklich nicht sagen.“ Überhaupt nimmt Krämer einige offene Fragen mit auf die sechsstündige Autofahrt seiner Wahlheimat München an die Italienische Küste. Bis zuletzt gibt es keine offizielle Starterliste. Nur einige Namen hat er bis zu diesem Zeitpunkt aufgeschnappt und übt sich in Bescheidenheit: „Die sind alle so gut, dass sie mich eigentlich schlagen müssten.“ Wenig später verkündet mit Andi Böcherer ein weiterer Spitzenathlet seinen Start bei der Challenge Rimini. Eine Meldung, die Krämer seiner Selbstwahrnehmung nach nicht unbedingt weiter nach vorne auf der Ergebnisliste bringen würde.

Bloß nicht blamieren im ersten Profi-Rennen

Am frühen Mittwoch Morgen erreicht Krämer gemeinsam mit seinem Trainer und einem weiteren Kollegen den Ort des Renngeschehens. Mit Kumpel Matthias hat er ein bekanntes Gesicht dabei, der ihn schon auf Hawaii unterstützt hat. So verwundert es nicht, dass der Agegroup-Weltmeister von 2016 keine großen Unterschiede hinsichtlich der Nervosität und Anspannung im Vergleich zu den Rennen als Amateur feststellt. Zwar drehen sich die Gedanken seit Tagen ausnahmslos um das anstehende Rennen, das „war jedoch die letzten Jahre genauso.“ Und dennoch hört man zwischen den Zeilen eine besondere Anspannung heraus, wenn Krämer davon spricht, dass er sich „einfach nicht total blamieren“ möchte. Die starke Konkurrenz scheint den sonst so ruhigen und souveränen Münchner doch zu beeindrucken.

Die Tage vor dem Rennen stehen im Zeichen der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung in allen drei Disziplinen. Einen besonderen Fokus legen Krämer und sein Trainer auf den Schwimmstart und den Ausstieg aus dem Adriatischen Meer. Eine kleine Erhöhung des Meeresgrundes zu Beginn der Strecke stellt die Athleten vor Herausforderungen: Delphinsprünge, einige Armzüge und erneute Sprünge im flacher werdenden Gewässer – Krämer prägt sich den speziellen Rhythmus ein. Immer und immer wieder geht er die Abfolge durch, möchte nichts dem Zufall überlassen.

Am Renntag selber kommt es dann doch anders als geplant: die Gezeiten machen ihm ein Strich durch die Rechnung und sorgen für einen weiter nach hinten verschobenen Wassereinstieg. Die einstudierte Abfolge ist dahin. Dazu sorgt starker Wellengang für einen hektischen Beginn. „Mit solchen Bedingungen habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet und mich wohl etwas dämlich angestellt.“ So verliert er an wertvoller Zeit, schwimmt weitestgehend ohne Wasserschatten und verpasst die erste größere Verfolgergruppe.

"Bis zur Wechselzone konnte ich mit Andi Böcherer mitrollen"

Als Konsequenz nimmt er die Verfolgung auf dem Rad alleine auf. Zwar bilden sich bis zur 45-km-Marke immer wieder kleinere Grüppchen, sodass er während des Großteils der Radstrecke auf sich allein gestellt ist. Aufholjagden auf dem Rad ist er aus den vergangenen Jahren gewohnt und so bringt ihn dieser Umstand auch im Profi-Feld nicht aus dem Konzept. 15 Kilometer vor der Wechselzone bekommt er einen Eindruck von der absoluten Weltklasse: Andi Böcherer, der zu Beginn des Radfahrens einen Reifenschaden hatte, überholt Krämer und drückt die letzten Kilometern aufs Tempo. Mit 50 Metern Sicherheitsabstand jagt der Rookie dem Ironman Vize-Europameister hinterher. „Bis zur Wechselzone konnte ich mit Andi Böcherer mitrollen, sofern man da von rollen sprechen kann“, scherzt Krämer hinterher merklich beeindruckt von der Radleistung Böcherers.

Beeindruckend geht es auch auf den ersten Kilometern nach dem zweiten Wechsel zu: Böcherer, der in der Wechselzone Zeit verliert, schießt an Krämer genauso vorbei wie einige andere Athleten. „Die waren so viel schneller, da habe ich nicht im Ansatz überlegt, ob ich versuchen soll, das Tempo mitzugehen.“ Verwundert über das gnadenlose Anfangstempo seiner Konkurrenten zwingt Krämer sich zur Ruhe und konzentriert sich auf seine eigene Leistung.

Die Entscheidung, sein eigenes Rennen zu machen und ein konstantes Tempo anzuschlagen, stellt sich als richtig heraus. Während viele seiner Konkurrenten auf dem abschließenden Halbmarathon eher früher als später einbrechen, schiebt sich Krämer dank der siebtschnellsten Laufzeit auf Platz 6 vor und lässt einige große Namen hinter sich. Die Premiere ist geglückt!

Fazit: Zufrieden – auch wenn die Cleverness fehlte

Auf sein erstes Rennen blickt er nach einigen Tagen Abstand dennoch mit gemischten Gefühlen zurück. „Größtenteils zufrieden“ sei er, konstatiert aber auch, dass mit etwas mehr Cleverness beim Schwimmen mehr drin gewesen wäre. Der Leistungssportler kommt in dieser ersten Betrachtung merklich durch: stets auf der Suche nach Verbesserungspotenzial und wertvollen Sekunden der Zeitersparnis. Bis eine komplette Analyse und Bewertung des Rennens stattfindet, vergehen noch einige Tage. Rückreise mit dem Auto, anstehender Schichtdienst bei der Feuerwehr am nächsten Tag, Beantwortung von E-Mails, einige wartende bürokratische Anträge und Formulare, und schließlich das erneute Packen des üppigen Triathlon-Gepäcks. Ein Sponsor hat ihn über das Wochenende nach Fuschl am See eingeladen. Schnell hat der hektische Alltag den Profi-Triathleten wieder eingeholt.

Die nächsten Wochen dürften nicht ruhiger werden. Am 11. Juni steht die Challenge Venedig und damit das erste Rennen auf der von ihm bevorzugten Langdistanz an. Bis dahin gilt es, die richtigen Schlüsse aus dem Rennen in Rimini zu ziehen und die Weichen für eine erfolgreiche Fortsetzung der noch jungen Saison zu stellen. Wie das Rennen in Venedig gelaufen ist und wie der hauptberufliche Feuerwehrmann den anspruchsvollen Schichtdienst und Training unter einen Hut bringt, ist Thema des nächsten Beitrags Mitte Juni.