Es kann sich so schnell alles ändern

Bis zum Freitag verlief die Vorbereitung von Frank Wechsel auf den Ironman Hamburg recht problemlos. Doch auf einer schwedischen Motorhaube drohten seine Träume ein jähes Ende zu nehmen.

Von > | 30. Mai 2017 | Aus: SZENE

Die Reifenpanne war das kleinere der beiden Übel am vergangenen Freitag.

Die Reifenpanne war das kleinere der beiden Übel am vergangenen Freitag.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Eigentlich lief sie recht problemlos, meine bisherige Vorbereitung auf den Ironman Hamburg am 13. August. Eine Rippenprellung nach einem Laufsturz auf einen Betonpoller im Oktober – vergessen. Eine Woche Erkältung im Februar – geschenkt. Die vierfache Weisheitszahn-OP im April – verdaut. So langsam machte sich ein Gefühlt der Sicherheit, der Planbarkeit, der ehrgeizigen Zielsetzung, ja, der Unbesiegbarkeit in mir breit. Was soll einen Eisenmann schon umhauen? Dass es plötzlich ganz anders kommen kann, wurde mir am vergangenen Freitag in Sekundenbruchteilen bewusst.

G1 im Sonnenschein

Der Tag hatte so wunderbar begonnen – im verkehrsarmen Norden des Landes, auf den Straßen des Ostseeman rund um Glücksburg, östlich von Flensburg. Doch nach 60 Kilometern im lockeren Grundlagentempo, ich war ortsunkundig auf einer Seitenstraße unterwegs, verwandelte sich der Asphalt unter mir nach einer Kurve in einer Schotterpiste – und ich tat, was man intuitiv im Schreckmoment tut: Ich machte eine Vollbremsung. Und hörte sofort ein fieses Zischen. 

Mein Hinterreifen war angeschlitzt. Ich ärgerte mich über meine intuitive Vollbremsung, wechselte den Schlauch (gefühlt ein erstes Mal seit 20 Jahren und damit weder in der Zeit noch in der Haltungsnote erwähnenswert) und fuhr auf dem schnellsten Weg und mit lädiertem Mantel zurück nach Flensburg. Dort wechselte ich den Mantel und machte mich zusammen mit Hanna auf die zweite Etappe, nun nach Norden, nach Dänemark. Wir genossen die rasante Fahrt entlang der Ostsee, legten selbstverständlich einen Pflichtstopp bei Annies Kiosk ein, um ein riesiges Eis zu verspeisen, und fuhren gegen 17 Uhr zurück über die Grenze nach Flensburg.

Das Training war eigentlich gelaufen

Ich hatte 170 Kilometer in den Beinen und viele schöne Erinnerungen im Kopf, das Training war eigentlich gelaufen. Kurz nach der Grenze führte die Straße bergab, ein in beide Richtungen zu befahrender Radweg lag an der linken Fahrbahnseite. Wir rollten den Radweg hinunter, links von uns der Parkplatz des grenznahen und von vielen Nordeuropäern frequentierten Supermarktes, rechts die Straße. 

Und auf dieser Straße fuhr in diesem Moment ein Schwede aus Flensburg hinaus, um noch eine Stopp im besagten Supermarkt einzulegen. Ich merkte plötzlich, dass irgendetwas an diesem Szenario nicht stimmte. In Sekundenbruchteilen schossen mir in etwa diese Gedanken durch den Kopf:

  • Dieses dunkle Auto dort sollte da nicht sein.
  • Was habe ich falsch gemacht, dass dieses dunkle Auto dort ist und ich hier und wir uns beide aufeinander zubewegen?
  • Es wird gleich krachen und ich kann es jetzt nicht mehr verhindern.
  • Hoffentlich wird das jetzt nicht so schlimm.
  • Teuer wird es auf jeden Fall.
  • Hoffentlich ist Hanna nicht direkt hinter mir.
  • Das ist das Ende des Projekts Ironman Hamburg 2017.
  • Wer ruft gleich meine Familie an?

Was genau geschah, weiß ich nicht so ganz. Im Nachhinein glaube ich, dass ich zum zweiten Mal an diesem Tag das tat, was man intuitiv im Schreckmoment tut: Ich machte eine Vollbremsung. Und dieses Mal sollte ich für diesen Reflex später sehr dankbar sein. Denn er sorgte dafür, dass ich eher wegen der Trägheit der eigenen, noch nicht ganz auf Wettkampfniveau angekommenen Masse und nicht wegen eines harten Aufpralls über den Lenker ging und recht unsanft von der Motorhaube des dunklen Autos gebremst wurde. Und zwar wohl mit dem Kinn zuerst und meinen Unterkiefergelenken als Knautschzone. 

Mensch und Material im Schnellcheck

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich auf dem Asphalt neben meinem Fahrrad lag, ein Mann angelaufen kam und rief, dass wir weder Rad noch Auto bewegen sollten (er stellte sich später als Zeuge Peter vor) und Hanna mich ansprach, ob alles okay sei. Dessen musste ich mich nun vergewissern. Ich blutete etwas am Knie und am Handgelenk, aber nicht schlimm. Ich konnte aufstehen und gehen – wenn irgendwas gebrochen war, dann zumindest nichts Großes. Etwas später merkte ich diesen stechenden Schmerz am Kinn, an dem sich langsam ein seltsames Ei formte. Und im Unterkiefer – das Gefühl der Tage nach der Weisheitszahn-OP war wieder da. Noch ein bisschen später spürte ich auch meine rechte Wade, die irgendwie einen dumpfen Schlag abbekommen haben musste. Und ich bemerkte den Fahrer des dunklen schwedischen Autos, der sich erst mal eine Zigarette angesteckt hatte, um auch seinen Schreck zu verarbeiten, und der erst langsam Worte fand: „Sorry, I saw you too late.“ Die Delle auf seiner Motorhaube war mir erst mal recht egal, die Inspektion meines Rades hatte Vorrang – und auch hier stellte sich der Schaden als überschaubar dar. Nur der Unterlenker war gebrochen, sonst alles intakt und funktionsfähig. 

Glück im Unglück

Im Nachhinein war dieser Unfall relativ trivial. Der Fahrer hatte mich übersehen, meine Vorfahrt missachtet und bekannte sich sofort zu seiner Schuld. Er hatte in dieser Sekunde einen Fehler gemacht und wir sind alle mit kleinen Beulen, einem großen Schrecken und einer 200 Euro teuren Carbonsplitterung davon gekommen.

Andere hatten in den letzten Tagen nicht so viel Glück im Unglück. Es mag das gleiche Ausmaß an Unachtsamkeit eines motorisierten Verkehrsteilnehmers gewesen sein, das die deutsche Profitriathletin Julia Viellehner und Motorradstar Nicky Hayden das Leben kostete. Beide waren auf ihren Rädern unterwegs, beide hatten keine Chance. Und wir alle wissen: Es hätte uns genauso treffen können. Beide waren im falschen Moment am falschen Ort. Und irgendwer wird irgendwann der nächste sein.

Meine Facebook-Freunde kennen einen Teil dieser Geschichte. Ich hatte sie am Wochenende gepostet – nicht mit dem Ziel, Mitleid zu erhaschen, sondern um meine sportlichen Wegbegleiter dafür zu sensibilisieren, auf sich aufzupassen. Die Resonanz hat mich überwältigt, viele wünschten mir eine gute Besserung und schnelle Genesung (vielen Dank, es hat geholfen, die Blessuren sind schon so gut wie verheilt) und sprachen mir Mut zu.

Warum schreibe ich das alles nun noch einmal so ausführlich nieder? Ich möchte alle sportlichen Mitstreiter teilhaben lassen an den Gedanken, die mich seit dem vergangenen Freitag bewegen – und auch Sie und euch zum Nachdenken anregen.

Meine Learnings

Was sind also meine Learnings aus diesem Unfall? Hier meine Top 10:

  1. Nimm nichts als gesetzt und garantiert hin. Der Ironman ist wie das echte Leben: Egal, wie gut es bisher gelaufen ist, es kann sich von jetzt auf gleich alles ändern. Und auch wenn es abgedroschen klingen mag: Der Weg ist zumindest ein Teil des Ziels.
  2. Genieße den Moment, wenn er da ist! Hätte ich bei Annie drei statt zwei Kugeln Eis gegessen, wären der Schwede und ich uns nicht in dieser Sekunde und an dieser Stelle so unsanft begegnet.
  3. Radwege sind nicht immer die sicherste Alternative! Es sollte (auch gesetzlich und in den Köpfen aller Verkehrsteilnehmer) einem erfahrenen Radfahrer selbst überlassen sein, ob er den Radweg oder die Straße benutzt.
  4. Durchschnittsgeschwindigkeiten im Training sind mir zukünftig völlig egal. Sicherheit geht immer vor – und abgerechnet wird sowieso im Wettkampf.
  5. Egal wie kurz die Radeinheit oder der Trainingslauf auch sein mögen: Mein Handy kommt immer mit, um schnell Hilfe für mich und andere holen oder Dinge dokumentieren zu können.
  6. Ich schaue mich mal nach guten Stecklichtern für das Radtraining um. Wenn die meisten Autos heute tagsüber mit Abblendlicht fahren, können wir Radfahrer das auch.
  7. Auch findet sich im knappsten Sportdress immer ein Platz für einen Zettel mit Notfallkontakten. 
  8. Das Thema Sicherheit im Triathlontraining kommt auf den Redaktionsplan (danke für die Anregungen und Leserbriefe zu diesem Thema in den vergangenen Tagen!).
  9. Egal, wie sicher du dich auf zwei Rädern fühlst – rechne immer damit, dass andere einen Fehler machen.
  10. Ich möchte hier nicht der Oberlehrer sein – und lasse den zehnten Punkt stellvertretend für euch offen. Nutzt die Kommentarfunktion, um eure Tipps und Gedanken loszuwerden!