"Es war der Wettkampf meines Lebens"

Der ehemalige DDR-Spitzenschwimmer Axel Mitbauer erzählt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift SWIM, wie er in einer Augustnacht vor 50 Jahren durch die Ostsee in den Westen schwamm.

Von > | 12. Januar 2017 | Aus: SZENE

Axel Mitbauer | Axel Mitbauer gestern und heute: Der ehemalige Spitzenschwimmer der DDR arbeitet jetzt als Schwimmtrainer in Basel.

Axel Mitbauer gestern und heute: Der ehemalige Spitzenschwimmer der DDR arbeitet jetzt als Schwimmtrainer in Basel.

Foto >Frank Wechsel

Vor 50 Jahren flüchtete Axel Mitbauer aus der DDR. In  der aktuellen Ausgabe der SWIM erzählt der ehemalige Spitzenschwimmer, wie er in einer Augustnacht 22 Kilometer durch die Ostsee nach Westdeutschland schwamm. Lesen Sie hier Auszüge aus dem Interview.

Obwohl die sportlichen Bedingungen herausragend waren, wollten Sie das Land verlassen. Warum?
Ich wollte immer da weg und habe das Schwimmen benutzt, um rauszukommen. Viele Sportler sind damals bei internationalen Wettkämpfen im Ausland geflüchtet. Mein Elternhaus und auch meine Großeltern waren liberal eingestellt. Sie haben mir immer klar gemacht, dass die DDR ein Unrechtsstaat ist.

1968 fuhren Sie als 18-Jähriger nach Budapest, nicht nur, um am Wettkampf teilzunehmen.
Ich wollte mich bei einem westdeutschen Schwimmer und seinem Trainer erkundigen, wie man am besten in die Bundesrepublik kommt. Leider flog mein Plan auf.

Wie ging es nach Ihrer Rückkehr in die DDR weiter?
Ich weiß noch genau, wie ich aus der Straßenbahn ausstieg und neben mir ein Wartburg hielt. Die Männer stellten sich als Mitarbeiter des Ministeriums für Staats­sicherheit vor und forderten mich auf, einzusteigen. [...]

Ihre sportliche Zukunft war vernichtet.
Nicht nur die. Nach meinem Abitur hatte ich überlegt, an der Bauhochschule Innenarchitektur zu studieren. Eigentlich hatte ich den Platz sicher, doch nun sah alles anders aus. Mir wurde schnell klar, dass ich auch beruflich in diesem Staat ein Leben lang behindert werden würde. Deshalb musste ich weg.

Einfach ausreisen war aber nicht möglich.
Genau. Und an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen, um über das Ausland zu flüchten, fiel auch weg. Ich musste also einen anderen Weg finden. Ich nahm mir deshalb einen Atlas und machte Boltenhagen als westlichstes Ostseebad der DDR aus. Von dort musste es möglich sein, in den Westen zu schwimmen. [...]

Wie haben Sie sich vorbereitet?
Das war gar nicht so einfach. Da ich ja ein Sportstättenverbot hatte, konnte ich in keinem Schwimmbad trainieren. Ich habe mir dann Seen in der Umgebung zum Schwimmen gesucht. Dort habe ich sechs bis acht Stunden am Stück trainiert. Da mir klar war, dass ich mehrere Stunden in der kalten Ostsee unterwegs sein werde, musste ich Vaseline organisieren.

Wie haben Sie das hinbekommen, ohne Verdacht zu schöpfen?
Ich habe in den Sommerferien im Kinderferienlager mitgeholfen. Da durften die Kinder auch draußen schwimmen und haben immer gefroren. Daraufhin bin ich in die Apotheke und habe gesagt, ich brauche 30 Tuben Vaseline für die frierenden Kinder im Ferienlager. Das ging ohne Probleme.

Dann haben Sie mehrere Tage in Boltenhagen verbracht und die Bedingungen vor Ort beobachtet?
Ich wusste nach kurzer Zeit, dass man ab 19 Uhr nicht mehr ins Wasser darf. Da patrouillierte die Grenzbrigade Küste mit zwei riesigen Scheinwerfern. Doch diese wurden so heiß, dass sie jede Stunde immer für eine Minute ausgeschaltet werden mussten. Das war mein Zeitfenster, um zu flüchten.

Was hatten Sie in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1969 bei sich?
Nicht viel. Ich hatte eine Badehose und Flossen an und war dick mit Vaseline gegen die Kälte und das Wundscheuern eingecremt. Mittags hatte ich noch zwei Goldbroiler gegessen, um eine gute Basis zu haben. Als die Scheinwerfer ausgeschaltet wurden, bin ich also in die Ostsee rein und so schnell es ging über die erste und zweite Sandbank ins tiefe Wasser. Als die Scheinwerfer wieder angeschaltet wurden, war ich schon in den Wellen verschwunden und vom Ufer aus nicht mehr zu sehen.

Hatten Sie keine Angst, dass etwas schief gehen könnte?
Nein, ich war fokussiert. Es war der Wettkampf meines Lebens, da denkt man an nichts, nur ans Ziel.

Das ganze Interview mit Axel Mitbauer lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der SWIM.