Gefinisht, 10 Stunden geknackt, Wette gewonnen

10 Monate hat sich Daniel Eilers auf den Ironman Hamburg vorbereitet. Am zurückliegenden Wochenende war der große Tag für ihn. Rennbericht und Resümee vom Redaktionsrookie.

Von > | 21. August 2017 | Aus: SZENE

Ein Moment, der lange in Erinnerung bleiben wird für unseren Redakteur Daniel Eilers: Der Zieleinlauf beim Ironman Hamburg.

Ein Moment, der lange in Erinnerung bleiben wird für unseren Redakteur Daniel Eilers: Der Zieleinlauf beim Ironman Hamburg.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Der Beginn eines langen Tags

Als ich den Jungfernstieg in der Hamburger Innenstadt um kurz vor sechs Uhr erreiche, riecht es bereits intensiv nach Triathlon, einer speziellen Duftnote aus Neopren, Urin und Schweiß. Wahrscheinlich muss man selbst Triathlet sein, um dieses „Sportparfüm“ zu mögen. Das hat vielleicht einen Grund: Riecht man, was ich rieche, hat man es an die Startlinie geschafft. Und wie oft war ich schon am Jungfernstieg, Hamburgs Prachtplatz. Doch so wie in diesem Augenblick nehme ich die Alster zum ersten Mal wahr – nicht als sündhaft teures Ungetüm mit wasserspeiender Fontäne, sondern als Teilverbündeten im Kampf um eine Zielzeit unter 10 Stunden und im Wettlauf um eine Wette mit meinem Kollegen Nils Flieshardt. Mein Blick geht auch in die Gesichter meiner Mitstreiter. Die Quote der Langdistanz-Novizen soll bei etwa 40 Prozent liegen. Erkennt man Rookies? Erkennt man mich als Rookie? Der Pistolenschuss reißt mich unsanft aus meiner Prerace-Träumerei heraus. Die Neoprenfiguren kippen wie Dominosteine ins Wasser. Das größte Breitensport-Abenteuer, das man sich vorstellen kann, geht los.

Letzte Vorbereitungen in der Wechselzone kurz vor dem Start des Ironman Hamburg.

Letzte Vorbereitungen in der Wechselzone kurz vor dem Start des Ironman Hamburg.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Das 19 Grad kalte Wasser, in das ich mit einem Versuch eines Hechtsprungs eintauche, schärft augenblicklich die Sinne. Das Wasser der Alster ist heute trüb, eine gelbgrüne Plörre mit weißem Schaum, produziert von den allerersten 2.500 Teilnehmern des Ironman Hamburg. Mein erster Bezugspunkt ist daher der erste Schwimmer vor mir, wenig später visiere ich dann die Umrisse der Lombardsbrücke an, auf der Zuschauer, die aufgehende Sonne im Rücken, bereits mit Plakaten stehen. Der sportaffine Teil der Hansestadt ist auch schon wach und das Schietwetter schläft nach den Regentänzen der letzten beiden Tage seinen Kater aus – alles ist angerichtet für eine perfekte Premiere.

Schnell finde ich meinen Rhythmus, der erst durch die Verengung unter der Lombardsbrücke gestoppt wird, weil es dort das erste Mal kuschelig wird. Solange es kein ausgebüxter Alsterschwan ist, der an meinen Füßen herumpickt, sondern nur ein um sich schlagender Triathlet! Aus der Binnen- wird nach der Lombards- und Kennedybrücke die Außenalster. Zwei gelbe Wendebojen sollte man jetzt klugerweise zielsicher ansteuern. An der ersten Boje klatsche ich noch treffsicher ab, doch statt der zweiten taucht plötzlich ein Kanufahrer vor mir auf, der mir mit dem Paddel denselben Weg zurück weist. Nach dem Landgang nach 2,6 Kilometer ist der Rest der Schwimmstrecke, parallel zum Ballindamm und auf dem Rückweg mit Kurs aufs Rathaus, idiotensicher. Beim Ausstieg bestätigt mir Kollege Simon Müller meine Vermutung: „Du bist 1:05 Stunden geschwommen.“ Enttäuschung macht sich breit, wollte ich doch unter 60 Minuten bleiben. Doch bei jedem Ironman gilt die eiserne Regel: Eine Langdistanz ist lang.

2.500 Teilnehmer springen in die Alster für die Premiere des Ironman Hamburg.

2.500 Teilnehmer springen in die Alster für die Premiere des Ironman Hamburg.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Ohne Wattmesser, aber mit einem Plan B

Die Radstrecke des Ironman Hamburg ist nicht nur lang, sondern mit 182 statt 180 Kilometer sogar leicht überlang. Und auch sonst ist der Kurs kein Zuckerschlecken: unrhythmisch, wellig, kurvig und nicht platt. Zur Info: Für Hamburger fängt platt an, wo Ostfriesland beginnt. Die Radstrecke führt von der Innenstadt durch die Dunkelheit des Wallringtunnels über die Elbbrücken zu meinem persönlichen Highlight der Strecke: der Köhlbrandbrücke. Vom höchsten Punkt auf 53 Meter erstreckt sich das wunderbare Stadt-Panorama. Einen Moment lang ist mir meine Aeroposition egal und ich genieße einfach den Ausblick auf die Elbmetropole.

Mein Trainer Marc Sauer, dem ich für seinen grandiosen Job dieses Jahr nicht genug danken kann, und ich haben uns für eine konservative Renneinteilung (210 bis 220 Watt) entschieden, weil ich wegen einer Sehnenentzündung drei Wochen vor dem Wettkampf gar nicht laufen und auch kaum Rad fahren konnte. Aber was machen mit der Vorgabe, wenn der Wattmesser den Radcomputer nicht findet? Wer keinen Wattmesser hat: Das fühlt sich etwa so an, als würden Sie im Auto sitzen und Ihre Tachonadel streikt.

In MacGyver-Manier legte ich mir einen Plan B zur Orientierung zurecht: Unser Herausgeber Frank Wechsel war auch auf der Strecke, mutmaßlich weit vor mir, weil er rund eine Stunde schwimmen wollte. Ich kannte Franks Wattvorstellungen und Leistungswerte sehr genau und wollte mich an ihm orientieren. Ich rechnete kurz alles durch: Nach spätestens eineinhalb Stunden müsste ich ihn eingeholt haben. Genialer Plan, blöd nur, wenn der nicht aufgeht.

Streckenkenntnis war beim Ironman Hamburg von Vorteil.

Streckenkenntnis war beim Ironman Hamburg von Vorteil.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis