Ironman 70.3 Rapperswil - mehr als ein Test

Auf dem Weg zum Ironman Hamburg hat sich Frank Wechsel den Ironman 70.3 Rapperswil als Standortbestimmung ausgesucht. Und so fiel der längste Test neun Wochen vor dem Rennen aus.

Von > | 12. Juni 2017 | Aus: SZENE

Im Ziel, aber noch nicht ganz im Soll: Frank Wechsel nach dem Finish beim Ironman 70.3 Switzerland in Rapperswil-Jona.

Im Ziel, aber noch nicht ganz im Soll: Frank Wechsel nach dem Finish beim Ironman 70.3 Switzerland in Rapperswil-Jona.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Der Ironman Hamburg am 13. August ist mein großes Saisonziel. Alle anderen Rennen vorher als Test zu bezeichnen, wäre nicht gerecht: weder den Rennen gegenüber noch dem persönlichen Erlebnis. Denn das war großartig an diesem Sonntag neun Wochen vor dem sicher wichtigsten Start in diesem Jahr. Doch der Reihe nach.

Samstag, 13 Uhr

Ich bin am Wettkampfgelände in Rapperswil-Jona angekommen. Vorgestern war ich auf der Durchreise von Zürich zu meinen Freunden in St. Gallen schon einmal kurz hier, heute ist die Stadt wie umgekrempelt: Rund 3.000 Triathleten aus aller Welt sind hier, beim Ironman 70.3 Switzerland, der morgen seine 11. Auflage erleben wird. Im Ortszentrum am See gibt es kaum Parkmöglichkeiten, wir parken außerhalb und legen die Wege zu Fuß zurück – und bekommen einen Vorgeschmack auf die Hitze des morgigen Tages.

Samstag, 16:30 Uhr

Vorbelastung für den Wettkampftag! 35 Minuten Radfahren stehen auf dem Programm, darin zwei 90-Sekunden-Belastungen mit 280 Watt. Vor dem Rennen in Flensburg und dem Einzelzeitfahren in Schwesing konnte ich das auf meiner Hausstrecke machen – easy, planbar und gut zu pacen. Nicht so hier: Der Verkehr ist trotz des Samstags dicht, irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Schweizer Autofahrer rücksichtloser unterwegs sind als die zu Hause. Warum kurz vor dem Kreisverkehr noch überholen, um dann in die Runde zu schleichen? Oder vor einer Ampel? Ich verkürze das Programm entnervt – und auch noch aus einem anderen Grund. Die linke Pedalplatte hat sich gelöst. Puh, wenn das morgen passiert wäre.

Samstag, 18:15 Uhr

Pasta, Pasta, Pasta. Die letzten 48 Stunden durfte ich wirklich rumsauen, hat Caroline Rauscher, die mit mir die Ernährungsstrategie für Training und Wettkampf in dieser Saison plant, mir erlaubt. Das heißt: Fanta, Gummibärchen, Milchreis, Kaffee ausnahmsweise mit Zucker. Und jetzt: helle Nudeln. Die Kohlenhydratspeicher sollen morgen früh voll, der Darm leer sein. Es gibt wahrlich schlimmere Herausforderungen im Alltag eines Triathleten.

Samstag, 21 Uhr

Im Strandhotel in Schmerikon, am Fuße des Witches' Hill, kommt die Küchenwaage zum Einsatz, um die es in meinem letzten Blogbeitrag ging. Drei Portionen "Pampe" in die Radflasche, eine in die Laufflasche – die Ernährungsstrategie für den Wettkampf wurde im Training ausgetestet. Der Rest ist: Wasser! Und davon werde ich morgen eine Menge brauchen. Die Sonne geht über dem Obersee unter. Jetzt ins Bett und schnell schlafen. Wenn es doch nur nicht so heiß im Zimmer wäre ...

Sonntagmorgen, 1 Uhr

Das Strandhotel ist eigentlich eine wunderbare Adresse, gestern haben mein Freund Mikael und ich es noch als überaus tauglich für ein Trainingslager befunden: der See zum Schwimmen und Dranlanglaufen vor der Tür, die Zimmer riesig, Berge in allen Richtungen und Formen. Doch auch für eine andere Klientel ist das Hotel ein Traumziel: Hochzeitspaare! Draußen wird gefeiert, die Bässe der Musik lassen das Bett gefühlt auf- und abspringen. Keine Chance, ein Auge zuzudrücken. Rausgehen und bitten, die Musik doch leiser zu machen? Ach was, für die zwei ist es hoffentlich die einzige Hochzeit, der schönste Tag des Lebens. Für mich morgen ein Triathlon, ich hatte schon viele und es kommen bestimmt noch einige. Und ehrlich: In der Nacht vor einem Wettkampf schlafe ich nie gut. Vielleicht in neun Wochen Hamburg im eigenen Bett? Ich erinnere mich noch, gegen 1:30 Uhr noch einmal auf die Uhr geschaut zu haben. Und dann wieder um 5:30 Uhr – zehn Minuten, bevor der Wecker klingelt. Knapp vier Stunden müssen ausreichen für knapp fünf Stunden Wettkampf.

Sonntagmorgen, 7:55 Uhr

Der Profistart. Es fühlt sich seltsam an, die Elite dort starten zu sehen und zuvor mit keinem von den Pros geplaudert zu haben. Ich bin in anderer Mission hier – und es ist auch für meinen Beruf als triathlon-Herausgeber großartig, das Rennen mal komplett aus der Sicht unserer Leser und User zu erleben.

Sonntagmorgen, 8:15 Uhr

Ich verabschiede mich von Mikael. Nicht wirklich physisch, wir verbringen natürlich die Zeit bis zu seinem ersten Start auf einer Mitteldistanz gemeinsam. Doch ich brauche ein paar Minuten Stöpsel im Ohr, muss mich musikalisch auf die bevorstehende Aufgabe einstellen. „Hinunter bis auf eins“ vom Grafen dröhnt, mehrfach hintereinander. Ich bin heiß, der Tag wird es auch so langsam.

Sonntagmorgen, 8:45 Uhr

Einschwimmen hinter der Landzunge, auf der gleich der Start stattfinden wird. Das Wasser hat 17,9 Grad, ich kühle mich auf Betriebstemperatur runter. Kalt ist es nur im Gesicht, der Neo wird durch die Sonne und vorstarttypische Rituale angewärmt. Und dann heißt es aufstellen zum Start. Ich nehme jetzt auch physisch von Mikael Abschied, wir werden uns in ein paar Stunden im Ziel wiedersehen.

Sonntagmorgen, 9 Uhr

Selbstbewusst gehe ich an den 360 wartenden M40-Männern vorbei an die Spitze des Feldes, das in zwölf Minuten im Rolling-Start-Modus zu Wasser gelassen wird – in die erste Reihe. Dort begrüßt mich Streckensprecher Paul Kaye als „Medien-Legende des Triathlons“. Fühlt sich komisch an. Und alt. Mein Puls ist bei 120, Vorstartmodus. Und dann heißt es: Noch eine Minute. Ich stehe in der ersten Reihe, motiviert bis in die Haarspitzen. Let's get ready ...

Sonntagmorgen, 9:12 Uhr

Piep, piep, piep, düüüt: Alle fünf Sekunden gehen vier Männer ins Wasser. Ich bin der erste M40er, der das Rennen in Angriff nimmt, und führe das Feld 200 Meter lang an. Dann überlasse ich anderen die Arbeit. Das Wasser ist frisch, die Aussicht grandios, die Strecke perfekt gesichert und abgesteckt – hier trifft Großveranstalter-Routine auf Schweizer Präzision (ein Insider-Check zum Rennen folgt). Das Schwimmen läuft problemlos, ich finishe die erste Disziplin nach garminvermessenen 1,967 Kilometern und 30:33 Minuten als Zehnter der M40. Läuft doch – zumal ich das Gefühl habe, die Strecke noch einmal im gleichen Tempo schwimmen zu können. Der erste Wechsel läuft ebenso problemlos.

Sonntagmorgen, 9:45 Uhr

Es geht auf’s Rad. Zehn Kilometer flach – das beherrsche ich als Hamburger, ich halte meine Leistung bei 220 Watt. Erst mal reinkommen ins Rennen. Was dann kommt, lässt sich bei uns im Norden nur schwer trainieren: Witches' Hill, 10, 12, 13 Prozent Steigung, einen Kilometer lang. Ja, ich habe mir ein Rennen in der Schweiz ausgesucht. Die SRM-Kurbel funkt 350 Watt auf das Display – und trotzdem ziehen andere Athleten an mir vorbei. Hier entscheidet das Verhältnis von Leistung zu Körpergewicht und ich fühle mich mit meinen 74 Kilogramm irgendwie zu schwer für diesen Kurs. Plätze gutmachen kann ich dagegen auf den Abfahrten, wo ich teilweise mit 75 km/h rolle und schwer strampelnde andere Athleten überhole. Auch auf den Flachstücken läuft es prima – es war gut, sich intensiv mit dem Thema Aerodynamik zu beschäftigen. Auch die zweite Runde läuft, ich nuckle alle 15 Minuten kurz an meiner Flasche mit der hochkonzentrierten Wettkampfverpflegung, nehme unterwegs nur Wasserflaschen an – und leere sie zur Hälfte ins Trinksystem und zur Hälfte über den Körper. Nur der Aerohelm lässt sich irgendwie nicht kühlen. Auf der zweiten Runde staut sich die Hitze unter der Glocke. Der Tacho zeigt am Ende Spitzentemperaturen von 32 Grad an – wie wahrscheinlich sind die am 13. August in Hamburg? Hier steht also noch etwas auf der To-do-Liste.

Sonntagmittag, 12:18 Uhr

Nach 2:33 Stunden ist die heiße Radfahrt beendet. Die zweite Runde bin ich schneller gefahren als die erste! Ich rolle in die Wechselzone ein und höre, wie nebenan Daniela Ryf als Siegerin im Ziel gefeiert wird. Sie hat den Halbmarathon schon hinter sich. Ich lege einen soliden Wechsel hin und gehe auf die Laufstrecke.

Sonntagmittag, 12:30 Uhr

Es läuft. In 4:30er-Abständen rollen die Kilometerschilder an mir vorbei, ohne das ich das Gefühl hätte, nicht noch schneller zu können. Nach dem Sprinttriathlon in Flensburg und dem Einzelzeitfahren von Schwesing hatte ich mir vorgenommen, alle drei Disziplinen sehr kontrolliert anzugehen und nicht zu überzocken. Und so fühlt sich auch der Lauf an, wobei dieses Tempo ja kein schlechtes ist. Doch ich merke: Es ist verdammt heiß. Ich habe nicht so wirklich Lust auf meinen süßen Energieschub vor jeder Verpflegungsstation, aber ich will auch nicht in ein Loch fallen. Also ein kurzer Spritzer aus der 200-ml-Flasche im Trikot, dann Wasser. Von innen und von außen. Kühlung ist heute verdammt wichtig.

Sonntagmittag, 12:40 Uhr

Ich habe mich eben noch so gut gefühlt – und jetzt das: Heftige Seitenstiche, eng lokalisiert unter der Spitze des Brustbeins. So stark, dass ich stehen bleiben muss. Dabei fühlen sich die Beine doch so gut an, auch der Puls ist längst nicht im Spitzenbereich. Das Problem begleitet mich sieben lange Kilometer: Seitenstiche, Gehpausen, Atemkontrolle – es geht wieder, ich kann im Starttempo weiterlaufen, bis es wieder sticht. Mist! Ist es die Hitze? Die Sitzposition? Die Ernährung? Das müssen ich hinterher mit denen, die mich durch die Saison begleiten, besprechen.

Sonntagmittag, 13:25 Uhr

Ich laufe durch das Zuschauerspalier in der Nähe des Zielstadions. Den ersten Zehner habe ich gerade in knapp unter 50 Minuten absolviert. Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Nach der ersten Runde gehe ich wieder ein paar Schritte – aber ich habe das Gefühl, dass es langsam wieder besser wird. Ich nehme die zweite Runde motiviert in Angriff, nehme nur zur Kühlung an den Wasserstellen etwas Tempo raus – und komme gut voran. Weiterhin habe ich das Gefühl, dass ich schneller laufen könnte, aber Sorgen, dass die Stiche wiederkommen. Erst auf den letzten vier Kilometern bin ich mutig, laufe wieder meinen 4:30er-Speed. Die Zeit, die ich vorher verloren hatte, bleibt aber verloren.

Sonntagnachmittag, 14:05 Uhr

Nach 4:53:19 Stunden laufe ich als 32. meiner Altersklasse in den Zielkanal ein – recht frisch für das, was hinter mir liegt. Energetisch und muskulär wäre weitaus mehr drin gewesen. Ich hätte jetzt noch eine Runde in diesem Tempo weiterlaufen können. Das stimmt mich zuversichtlich für Hamburg, zumal im Laufen noch einiges an Arbeit vor mir liegt. Nach dem Zieleinlauf fühle ich mich so frisch wie noch nie nach einer Mitteldistanz, wo ich mir bei meinen Starts in den letzten Jahren auf Mallorca, in Flensburg und Bahrain immer die Lichter ausgeschossen habe. Nun gibt es eine ganze Menge zu analysieren, bevor es in die letzten Trainingswochen für den Ironman Hamburg geht. Doch erst einmal genieße ich den Zieleinlauf von Mikael, der stolz seine Premiere auf der Mitteldistanz feiert. Sein Zieljubel ist das, worum es in diesem Sport doch eigentlich geht: Er hat geschafft, was vielen anderen für immer unmöglich erscheinen wird. Und, auch das ist Triathlon: Geteilte Freude ist wirklich doppelte Freude! Erst im Auto auf dem Weg zum Flughafen hören wir im Radio, wie das Rennen bei den Männern ausgegangen ist.

Mein Fazit

Der Ironman 70.3 Switzerland ist ein großartiges Rennen. Tolle Orga, tolle Strecken, tolles Flair. Ich selbst habe seit dem letzten Jahr eine ordentliche Steigerung hingelegt – jetzt weiß ich, was ich kann und woran ich noch arbeiten muss. Noch 62 Tage bis zum Ironman Hamburg ...