Leichtgewicht vom Winde verweht

In Sachen Aerodynamik hat unser Redakteur seine Hausaufgaben für den Ironman Hamburg gemacht. Beim Einzelzeitfahren der „Tour de Flatz“ auf einem Militärflugplatz geriet die Jagd nach Sekunden zum stürmischen Kampf gegen den Wind.

Von > | 2. Juni 2017 | Aus: SZENE

Kein Rennfahrer, sondern Radfahrer: Beim Einzelzeitfahren in Schwesing kämpfte unser Redakteur Daniel Eilers mehr gegen den Wind als gegen die Zeit.

Kein Rennfahrer, sondern Radfahrer: Beim Einzelzeitfahren in Schwesing kämpfte unser Redakteur Daniel Eilers mehr gegen den Wind als gegen die Zeit.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Vielleicht 100 Leute stehen vor dem Tower des Fluplatzes Husum-Schwesing an der schleswig-holsteinischen Westküste. Wo sonst bis zu 14 Tonnen schwere Flugzeuge landen und abheben, rasen heute Carbon-Boliden über den Asphalt. Niemand der Anwesenden ist allein gekommen, sondern in Begleitung seines Zeitfahrrads. Ein Athlet hält sich gegenüber eines Militärfahrzeugs auf seinem Rollentrainer wegen der niedrigen Temperaturen von nur zehn Grad warm. Denn der kalte Wind bläst stark böig aus Nordwest, so stark, dass man sich sehnlichst einen heißen Kaffee wünscht. Doch wir sind hier nicht bei einem mittelgroßen Volkslauf mit Kuchen, Bratwurst und Hüpfburg. Zeitfahrer sind Puristen. Unter einem Sonnenschirm an einem Stehtisch wird der Transponder verteilt. „Die ganze Serie für 30?“ Ich verzichte vorerst auf die Flatrate. Zehn Euro muss man auf die blaue Plastiktischdecke des Stehtischs legen für das Auftaktzeitfahren über 28,5 Kilometer. Ein echtes Schnäppchen für eine Dreiviertelstunde kreiseln auf dem schnörkellosen Kurs, der mit einer Handvoll Kurven gespickt ist, die eigentlich keine sind. Ich sag doch: Puristen! Aber nicht beim Equipment: Überziehschuhe gehören so offensichtlich zum Dresscode wie das Scheibenrad zur Grundausstattung beim Zeitfahrrad. Was machen wir hier? Warum sind wir hier? Aerodynamik ist das Stichwort. Dazu muss ich etwas ausholen und den Ort wechseln.

Einen Tag lang auf die schiefe Bahn geraten

Sportforum Kaarst-Büttgen. Zugegeben, man kann Triathlon auf Schwimmen, Radfahren und Laufen reduzieren – und in der Ausübung der drei Sportarten seine Befriedigung finden. Es ist aber auch kein Geheimnis mehr, dass es dem Resultat am Renntag positiv zuträglich ist, wenn man beim Material und der Sitzposition seine Hausaufgaben macht. In meinem Fall hieß das, der Radbahn in Büttgen einen Besuch abzustatten. Von morgens bis abends drehten wir Runde für Runde, probierten und tauschten Helme, wurden vorn tiefer, wieder höher und doch wieder tiefer gesetzt. Die Pads rutschten nach vorn und nach hinten, der Kopf ging immer weiter runter, bis die Schulterblätter dahinter wie ein Bergmassiv herausragten. Millimeterarbeit. Jede Position wurde mittels des CdA-Werts in Echtzeit geprüft. Immer wieder rauschten wir mit über 40 Sachen durch die steile Kurve der Bahn – alles für die Suche nach ein paar Watt Ersparnis. Die Experten von STAPS konnten bei mir 13 Watt rauskitzeln – ein Zeitgewinn von fünf Minuten über 180 Kilometer. 200 Bahn-Runden in Büttgen für fünf Minuten? Hausaufgaben gemacht. Ein Praxis-Test sollte folgen.

Das Streben nach Perfektion: Beim  get-AERO!-Test von STAPS wird auf der Radrennbahn um jedes Watt gekämpft.

Das Streben nach Perfektion: Beim get-AERO!-Test von STAPS wird auf der Radrennbahn um jedes Watt gekämpft.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

"Der Wind trägt mich von der Fahrbahn"

Zurück zum Zeitfahren. Der Reihe nach werden die Radfahrer auf die Strecke gelassen. Die Schlange ist 69 Radlängen lang und der Wind so kalt, dass meine Lippen schon vor dem Start blau sind. Hätte ich Haare an den Beinen und Armen, würden sie sich aufstellen. Überziehschuhe wären jetzt eine gute Idee! „Noch 20 Sekunden“ hallt es aus einem Lautsprecher. Durchpusten. Einklicken. Das Ende von drei Piep-Tönen gibt das Startsignal – wie bei der Formel 1, aber ich habe Adrenalin statt Benzin im Blut. Der Garmin springt wenige Sekunden nach dem Start auf 40 km/h. Ich schalte die Gänge hoch, bis ich einen Widerstand spüre. Die erste lange Gerade lädt zum Drücken ein. Kopf runter. Schultern hoch. So wie auf der Bahn gelernt. Dann rumst es plötzlich. Das Rad hüpft über den Asphalt. Meine Unterarme verlassen kurzzeitig die Auflagen. Doch die Finger krallen sich am Ende der Extensions fest – so unglücklich, dass ich aus Versehen in einen höheren Gang schalte. „Was soll’s!“ Je dicker der Gang, desto schneller – denke ich. Kopf runter. Schultern hoch. Von rechts peitscht der Wind und trägt mich bis an den Fahrbahnrand. Dann weht es gleichermaßen stark von links. Das Rad-Wackeln kann man sich in etwa so vorstellen, als würde man einen Tischtennisball mit einem pustenden Fön in der Luft halten wollen. Der Sicherheit halber greife ich an den Oberlenker und mache mit einer Bewegung alles kaputt, was wir uns zwölf Stunden lang in Büttgen erarbeitet haben. Aber Sicherheit geht vor – und die erste Kurve naht. Auf der folgenden Gerade fasse ich mir wieder ein Herz und will in die Aeroposition gehen. Doch hier peitscht der Wind nochmal stärker. Ich fahre erstmal mit Hand an der Bremse weiter, bis zu einem geschützten Stück, wo der Wind wieder nachlässt.

Mit einem Schrecken davongekommen

Aus dem Seitenwind wird nach einer weiteren Kurve Rückenwind. Kopf runter. Schultern hoch. Der Tacho zeigt 45 und mehr Kilometer pro Stunde an. Peu à peu hole ich verlorene Sekunden im Oberlenker wieder rein. Nach 5,7 Kilometern passiere ich den Start und stelle fest: alle Starter sind auf der Strecke. Dieses Mal bin ich auf die Asphalt-Erhebung vorbereitet und verschalte mich nicht. Auch die Böen kenne ich nun und lehne mich gegen den Wind. Ein Aha-Effekt setzt ein: So machen die anderen das wohl auch. Vor der nächsten Kurve gehe ich wieder vom Gas und betätige die Bremsen. Bremsen? Ein Reflex. Ich beschleunige wieder und werde immer sicherer. Doch dann ein unkonzentrierter Moment: Ein Windstoß von rechts, einer von links – ich wackle, rutsche mit den Händen leicht ab und begehe den Kardinalfehler, das Treten zu unterbrechen. Dadurch werde ich noch instabiler. Ich überlege schon, wie ich sanft auf den Rasen falle. Doch in einem windarmen Moment fange ich mich wieder und fahre den leichten Teil der Runde mit einem großen Schrecken und noch mehr Adrenalin zu Ende.

Kette rechts, Fahrbahn links: Beim Einzelzeitfahren in Schwesing ist das Feld überschaubar und der Kurs gibt ausreichend Möglichkeiten zum entspannten Überholen.

Kette rechts, Fahrbahn links: Beim Einzelzeitfahren in Schwesing ist das Feld überschaubar und der Kurs gibt ausreichend Möglichkeiten zum entspannten Überholen.

Foto >Marzi Mar

In der dritten Runde gewinne ich nochmal an Sicherheit und steigere die Durchschnittsgeschwindigkeit auf 42 km/h. Ich weiß nun, wo die kritischen Stellen sind. Endlich kann ich mich richtig reinfallen lassen und den Kopf absenken. Das hat Auswirkungen auf die Geschwindigkeit: Der Durchschnitt steigt bei gleicher Leistung rapide auf 43 km/h an. Auf der folgenden Runde ist es plötzlich windstill. Euphorie macht sich bei mir breit, die augenblicklich in Vortrieb umgesetzt wird. Die Geschwindigkeit steigt weiter und ich überhole immer mehr Fahrer. Ein vertrautes Bild: Ich nähere mich meinem Weggefährten Frank Wechsel, der deutlich später als ich auf den Rennkurs gelassen wurde. Der 44er-Schnitt ist nun zum Greifen nahe und ich trete weiter kräftig in die Pedale. Auf der letzten, ebenfalls windstillen Runde, lege ich nochmal einen Zahn zu und sichere den 44er-Schnitt ab. Jeden 5-Kilometer-Abschnitt, zeigt die Auswertung später, konnte ich die Geschwindigkeit erhöhen. Die Zieldurchfahrt ist wieder puristisch – Finisher-Bier oder Cheerleader sucht man vergebens. Ein Zeitfahrer feiert, mutmaße ich, die Zieldurchfahrt in folgender Reihenfolge: Mund abwischen, ausfahren, Wattwerte vergleichen, Heimfahrt.

1. Einzelzeitfahren der 16. Tour de Flatz

  1. Mai 2017 | Schwesing

Platz

Name

Zeit für 28,5 km

Geschwindigkeit

1

Benjamin Winkler

36:25 min

46,96 km/h

2

Niels-Asbjörn Schuldt

38:00 min

45,00 km/h

3

Aljoscha Gonschior

38:03 min

44,94 km/h

4

Finn Johannsen

38:40 min

44,22 km/h

5

Daniel Eilers (tri-mag.de)

39:02 min

43,81 km/h

17

Frank Wechsel (tri-mag.de)

41:54 min

40,81 km/h

33

Lennart Klocke (tri-mag.de)

44:35 min

38,36 km/h

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Eine Rechnung geht auf, eine andere ist noch offen

Warum diese Asphalt-Hatz? Hinterher muss ich gestehen: Weil es unendlich Spaß macht! Fühlt sich ein bisschen an wie damals, als man mit den Sandkastenkumpels im Bobbycar um die Wette gefahren ist. Aber wie eingangs erwähnt stand der Start unter dem Motto Aerodynamik. Ich wollte in der Praxis mein auf der Bahn ermitteltes Watt-Geschwindigkeit-Verhältnis überprüfen. Achtung, jetzt wird es technisch: Laut STAPS-Hochrechungen soll ich bei 320 Watt 45 km/h erzielen können. Solche Hochrechnung sind fürs Pacing auf der Langdistanz relevant: Wer weiß, wie viel er theoretisch treten kann, hat einen Geschwindigkeitskorridor, in dem er sich bewegen kann. Radfahren ist zu einem gewissen Teil eben auch einfache Mathematik. Bei dem Einzelzeitfahren konnte ich nun auf einem flachen Kurs und bei starkem Wind bei etwa 300 Watt knapp 44 km/h erzielen. Damit kann man arbeiten – auch bei einem weiteren Zeitfahren in Schwesing. Denn ich habe Blut geleckt und würde mein Glück gern nochmal an einem windstilleren Tag versuchen.