Licht und Schatten

So langsam erschöpft sich das Kontingent an Trainingshindernissen für unseren Redakteur. Aber das gehört zur Langdistanz einfach dazu – es läuft eben nicht immer nach Plan. Für ihn ist das kein Grund, nicht auch darüber zu schreiben!

Von > | 12. April 2017 | Aus: SZENE

Die erste Fahrt auf dem Zeitfahrrad ist etwas gewöhnungsbedürftig, belohnt den Fahrer aber mit hohen Geschwindigkeiten und jeder Menge Spaß.

Die erste Fahrt auf dem Zeitfahrrad ist etwas gewöhnungsbedürftig, belohnt den Fahrer aber mit hohen Geschwindigkeiten und jeder Menge Spaß.

Foto >Lisa Kähler

Es sah vor wenigen Wochen alles so märchenhaft aus: Die Leistungsdiagnostik auf dem Rad bescheinigte sensationelle Werte (Schwelle 339 Watt) und der FTP-Test über 20 Minuten wenige Tage später konnte ein Teil dieser Leistungsfähigkeit bestätigen (332 Watt). Aber das Beste war, dass ich pünktlich zum Frühlingsanfang auch läuferisch in Schwung kam. In dieser Geschwindigkeit hätte es weitergehen können, doch ein Unfall stoppte mich auf meiner persönlichen Erfolgswelle. Ich hatte keine Schuld, bin langsam auf dem Radweg nach Hause gefahren nach einer tollen 130 Kilometer langen „Mohnkuchen-Tour“. Ein Kind kreuzte völlig unvermittelt den Radweg und fuhr mir mit seinem City-Roller ins Rennrad. Ich stürzte unglücklich und prellte mir die Rippe und das rechte Knie. Auch Schulter, Arm und Carbon-Laufrad (tut doppelt weh) wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Bevor der Schmerz einsetzte, wusste ich augenblicklich: Mit einer Woche Aussetzen ist es dieses Mal nicht getan. Im Januar war es eine hartnäckige Grippe, wodurch ich nur eingeschränkt und allenfalls locker trainieren konnte, dann im Februar die Wade (Merke: Ein seriöser Laufschuhtest geht an die Substanz! Das Ergebnis zum Nachlesen.). Ja, und jetzt eben der Unfall – so langsam müsste ich alles durchhaben, was ein Langdistanzjahr zu bieten hat. Coach Marc Sauer sagt zwar, dass wir noch einen Puffer haben fürs Sub-10-Ziel. Aber diesen Refrain will ich einfach nicht mehr mitsingen.

Ein Lichtblick zeigte sich letzten Sonntag: Mit nur noch leichten Knieschmerzen bin ich nach der Zwangspause aufs Zeitfahrrad. Das erste Mal dieses Jahr und das zweite Mal überhaupt in meinem Leben. Ich bin so weit weg von Stadt, Mensch und Auto, wie es nur ging. In Norddeutschland landet man dann naturgemäß am Deich. Die Sonne erwartete mich schon und der Küstenwind stellte sich schnellen Zeiten heute nicht in den Weg. Meine Motivation hatte meine Frustration endlich wieder im Schwitzkasten.

Neun Kilometer führt das verkehrsarme Kleinod für geprellte Radfahrer entlang der Süderelbe und Norderelbe in die eine Richtung  – die man einfach wieder zurückfährt. Meinem Knie ging es wie mir: Wir wollten einfach nur noch weiterfahren – hin und her, hin und her. Berauscht von Luft und Geschwindigkeit beschloss ich nach 40 Kilometern, nochmal 40 Kilometer in Bestzeit zu fahren. Die Sonne schien unentwegt bei frühsommerlichen Temperaturen. Doch mein Tank reichte nur noch für 20 schnelle Kilometer, danach ging nicht mehr viel. Aber den Hungerast feierte ich wie das Ende der Pannenserie und machte 90 Kilometer trotzdem im recht ansehnlichen Schnitt voll.

Schalen enger zusammen? Sattel weiter nach vorn? Die Suche nach der optimalen Position ist Zentimeter-Arbeit.

Schalen enger zusammen? Sattel weiter nach vorn? Die Suche nach der optimalen Position ist Zentimeter-Arbeit.

Foto >Lisa Kähler

Unglaublich, wie groß der Unterschied auf dem Tacho im Vergleich zum Rennrad ist – ich würde schätzen, dass in meinem Fall mit dem Zeitfahrrad drei bis vier Kilometer pro Stunde draufkommen. Aber ganz zufrieden bin ich mit der Position noch nicht. Ich glaube, dass ich mit dem Oberkörper noch tiefer kann und lieber etwas weiter vorn sitzen würde, um mehr Druck aufs Pedal zu bringen. Am besten lasse ich nochmal einen Experten darüber schauen ...

Man wird mich nun öfter am Deich antreffen. Ich bin selbst gespannt, wie es mit der Vorbereitung weiter geht. Eigentlich müsste ich jetzt über alle Stolpersteine gefallen sein. Ab 28. April geht es für eine Woche ins Trainingslager an den Fuschlsee und danach für eine Woche in den warmen Süden. Das Ziel: Mal wieder zwei Wochen durchzutrainieren. Zwischen beiden Auslandsaufenthalten steht eine Sprintdistanz aus dem vollen Training auf dem Programm. Soweit die Planung. Aber wenn ich bisher eines gelernt habe: Ein Langdistanz-Jahr lässt sich leider nicht planen. Es bleibt eine Wundertüte mit Momenten des Frustes und des Rausches. Also, weitermachen!