Der Feuerwehrmann wird Triathlon-Profi

Dieses Jahr startet Agegroup-Weltmeister Lukas Krämer erstmals als Profi. Unser Autor Alexander Siegmund wird ihn auf seinem Weg durch die Saison begleiten und uns Einblicke in das Leben eines Triathlonprofis verschaffen.

Von > | 4. Mai 2017 | Aus: SZENE

So kennen ihn die meisten: Lukas Krämer in seinem Trachten-Outfit.

So kennen ihn die meisten: Lukas Krämer in seinem Trachten-Outfit.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Die Ironman-Weltmeisterschaft 2016 hat viele Geschichten geschrieben: der deutsche Dreifach-Triumph, Laufbestzeit bei den Männern, Streckenrekord bei den Frauen und ein starker vierter Platz von Anja Beranek. Eine weitere Geschichte ist die von Lukas Krämer, der sich im dritten Anlauf auf Big Island die WM-Krone der Amateure aufsetzen konnte. Dieser Sieg ist nicht nur sein bisher größten Erfolg, sondern auch der Anfang eines neuen Abschnitts seiner Triathlon-Karriere. Seit 2017 startet der 32-jährige Münchner als Profi.

Angefangen hat die Triathlon-Karriere von Krämer 2009. Er beginnt das Laufen und trainiert „planlos so viel bis nichts mehr ging.“ Die Folge: Schienbeinkantensyndrom. Es folgte als Ausgleichs-Sport das Rennradfahren und schließlich der Eintritt in den örtlichen Triathlonverein. Schnell feiert er erste Erfolge auf der Kurzdistanz. Das Ausleben seiner wahren Leidenschaft wird jedoch für drei Jahre von seinem Trainer Wolfgang Ahrens ausgebremst. Er solle sich erst einmal in dem neuen Sport zurechtfinden und vor allem an seinen Schwächen im Wasser arbeiten, bevor er auf die Langdistanz wechseln solle. „Das Schwimmen war zu der Zeit grauenvoll“, stellt Krämer Jahre später lachend fest und dankt seinem Trainer für die nachhaltige Karriereplanung.

2013 ist es dann soweit: bei der Challenge Roth feiert der Münchner seine Premiere auf der Langdistanz. Das Rennen, von dem er seit 2009 geträumt hat, wird zum vollen Erfolg. 8 Stunden, 30 Minuten und 32 Sekunden nach dem langersehnten Startschuss überquert er mit Feuerwehrhelm die Ziellinie im Rother Stadion. Spätestens da ist ihm und seinem Trainer klar, dass seine Bestimmung auf der Langdistanz liegt. Den Ironman auf Hawaii hat er bis dato nicht im Kopf. Auch „weil der finanzielle Aufwand ein Wahnsinn ist.“

Nach dem ersten großen Erfolg findet das Umdenken statt. Seine langjährigen Sponsoren bieten ihm für den Fall einer erfolgreichen Qualifikation finanzielle Unterstützung an. So macht sich Krämer im Herbst auf nach Cozumel, um in Mexiko das Ticket für die Weltmeisterschaften zu lösen. Passend zur bisherigen Erfolgsstory gelingt ihm das, wovon die meisten Amateure ein Leben lang träumen: Sieg in der Altersklasse, Slot angenommen und als Belohnung Urlaub in den USA mit der Freundin drangehängt.

Im Oktober 2014 startet Krämer „völlig ohne Erwartungen“ in das Abenteuer Hawaii. Sein Trainer, selbst zweimal als Athlet bei der Weltmeisterschaft dabei, gibt ihm genaue Anweisungen, was und auch wo er zu trainieren hat. Dass sein Schützling am 11. Oktober die AK 30-34 gewinnen würde, hat aber auch er zu dem Zeitpunkt nicht auf dem Zettel.

Neben der sportlichen Leistung überrascht der viertschnellste Amateur außerdem mit seinem Rennoutfit. „Die bayrische Flagge hat der Faris patentiert, da habe ich mir das Lederhosen-Design einfallen lassen.“ Bis heute ist das Outfit sein Markenzeichen: „Wahrscheinlich ist der Anzug berühmter als ich.“ Nationale und internationale Wertschätzung erfährt Krämer auch mit seiner Geste kurz vor der Ziellinie, als er Liz Blatchford den Vortritt lässt. Eine Aktion, für die sich die Australierin auf der After-Race-Party persönlich bedankt.

Nach einem „durchwachsenen Jahr“ 2015 läuft es in der vergangenen Saison wie am Schnürchen. Nach zahlreichen Siegen in seiner Altersklasse in den Vorbereitungsrennen, krönt Krämer das beste Jahr seiner Karriere mit dem Gesamtsieg auf Hawaii. Die Entscheidung zur Profilizenz fällt jedoch schon früher. Im Juni belegt Krämer den 8. Gesamtplatz beim Ironman Nizza, lässt eine Vielzahl von Profis hinter sich und beendet das Rennen nur knapp hinter dem früheren Weltmeister Frederik van Lierde. Bei der anschließenden Siegerehrung wird er dennoch übergangen. „Es tut schon weh zu sehen, wenn der Preis-Scheck an den Nächsten weitergereicht wird.“ In den folgenden Wochen reift der Entschluss für eine Profi-Lizenz. Zwar fühle er sich nicht als Profi, da er weiterhin normal arbeite, aber das verständliche Bedürfnis nach Anerkennung für seine Leistungen treibt ihn an, sich mit „den Großen“ im direkten Vergleich zu messen.

Dass das Abschneiden auf Hawaii im gleichen Jahr etwas an seinem Entschluss hätte ändern können, glaubt er nicht: „Da hätte es schon richtig schlecht laufen müssen.“ Der Sieg auf Big Island war für Krämer also nur der letzte Impuls des nächst logischen Karriere-Schritts. „Ich konnte für 2017 kein Ziel formulieren. Im besten Fall hätte ich die Saison wiederholen können.“ Das entscheidende Gespräch führt er mit seiner Freundin, denn „die muss die Veränderungen ja auch mittragen.“ Alleingänge gibt es bei Krämer im Triathlon nicht.

In Folge seiner Entscheidung reduziert der Feuerwehrmann sein Arbeitsvolumen um weitere fünf Prozent, um noch mehr Zeit für wichtige Trainingsstunden und Trainingslager zur Verfügung zu haben. Außerdem wechselt er nach seinem Weltmeistertitel den Trainer und wird seitdem von Christian Manunzio betreut. „Mein bisheriger Coach hat mir schon nach dem verkorksten Jahr 2015 nahegelegt, nach einer Alternative zu suchen, weil er sich nicht sicher war, ob er mich noch besser machen könnte.“ Krämer lehnt ab. „So wollte ich mich nicht von Wolfgang trennen. Stattdessen habe ich ihm gesagt, dass er sich etwas einfallen lassen soll, wie es 2016 wieder besser läuft.“ Das Ergebnis ist bekannt: der Agegroup-Weltmeister. Eine Geste, die den Charakter des Triathleten unterstreicht: ehrlich, bescheiden und mit hohem moralischem Anspruch.

Ende 2016 ist es dann trotz außergewöhnlicher Ergebnisse Zeit für eine Veränderung: Christian "Puni" Manunzio hat er Anfang des Jahres bei einem Vortrag zum Thema Leistungsdiagnostik kennengelernt und ist sofort von der Methodik und Akribie begeistert: „Die Trainingssteuerung ist eine völlig neue. Die Vorgaben und auch die Auswertung der Trainingseinheiten sind wesentlich genauer. Dadurch, dass bei Puni sowohl Leistungsdiagnostik, als auch die sportmedizinische Untersuchung zusammenlaufen, kennt er mich wesentlich besser als mein bisheriger Trainer. Damit sind auch Angaben zur Ernährung deutlich komplexer und teilweise in den Trainingsplan integriert.“ Im Mai wird er sein erstes Rennen als Triathlon-Profi bestreiten. Aufgeregt ist er trotz der neuen Herausforderung nicht. Eine weitere Charaktereigenschaft des Feuerwehrmanns, den nichts aus der Ruhe bringen kann.

Welche Rennen Lukas Krämer geplant hat, mit welchen Gefühlen er in Richtung Saison 2017 blickt und wie er Beruf und Training in Einklang bringt, werden Gegenstand der nächsten Teile dieser Serie. Dabei sollen spannende Einblicke hinter die Kulissen eines Profis gegeben werden, der sich nicht als solcher fühlt, und dennoch für Furore sorgen kann.