Erst verschwommen, dann nach vorn gerannt

Es war ein harter Kampf zum ersten Sieg: Unser Autor Alexander Siegmund erzählt die Geschichte von Lukas Krämers erstem Langdistanz-Erfolg als Profi.

Von > | 16. Juni 2017 | Aus: SZENE

Hände hoch: Mit der Challenge Venice gewinnt Lukas Krämer sein erstes Rennen als Profi.

Hände hoch: Mit der Challenge Venice gewinnt Lukas Krämer sein erstes Rennen als Profi.

Foto >José Luis Hourcade

Erster Sieg als Profi

Eigentlich war dieser Teil der Serie dazu gedacht, einen Einblick in das Berufsleben von Lukas Krämer zu geben. Immerhin sieht sich der Neuprofi immer noch mehr als Feuerwehrmann denn als hauptberuflicher Triathlet. Doch der 11. Juni 2017 sollte die gesamte Chronologie dieser Reihe auf den Kopf stellen. Was war geschehen?

Zwei Wochen vor dem 11. Juni, dem Tag der Challenge Venice, beschließt Krämer spontan, für einige Tage nach Fuschl zu fahren, um sich dort konzentriert auf seine erste Langdistanz als Profi vorbereiten zu können. Er kennt die Gegend, die Radstrecken und hat sowohl einen 25-Meter-Pool als auch den idyllischen Fuschlsee direkt vor der Tür. In seiner Heimatstadt München hätte er in diesen Tagen improvisieren müssen. Denn das Olympiabecken ist einen Monat lang wegen der jährlichen Revisionsarbeiten geschlossen, ein geregeltes Training kann nur im Freibad stattfinden. Dazu lauern Zuhause jede Menge Ablenkungen. In Fuschl, so erzählt er im Vorfeld, könne er sich voll und ganz dem Training widmen und zwischen den letzten qualitativen Einheiten auch mal die Augen schließen.

Der Plan geht auf

Der Plan geht auf, Krämer kann alle Einheiten durchziehen, Tempo- und Intensitätsvorgaben erfüllen und macht sich in der Rennwoche mit einem guten Gefühl auf in Richtung Venedig. Die ersten Tage verbringt er alleine in der angemieteten Wohnung, ehe am Freitag seine Freundin Christine sowie Kumpel Matthias samt Freundin hinzustoßen. Passend zur ersten Langdistanz als Profi sind sogar Christines Eltern nach Venedig gekommen und komplettieren das große Betreuer-Team. Dass sein Trainer dieses Mal nicht dabei sein kann, stört den 32-Jährigen nicht weiter. „Eingespielt“ sei er mit seiner Freundin und Matthias, und überhaupt könne der Coach während des Rennens keinen großen Einfluss mehr auf seinen Schützling nehmen. Positiv kommt hinzu, erzählt er im Vorfeld scherzend, dass seine Freundin die unüberlegten Sachen, die er in der Hitze des Gefechts manchmal von sich gibt, wohlwollend überhört. Am liebsten würde er diese Äußerungen direkt zurücknehmen, „aber da bin ich ja schon weg gelaufen.“ Die Langdistanz hat ihre Tücken und seine Freundin ist sich den extremen Situationen während einer Langdistanz bewusst.

Lukas Krämer beim Schwimmausstieg.

Lukas Krämer beim Schwimmausstieg.

Foto >José Luis Hourcade

Die Tage vor dem Rennen stehen im Zeichen der Streckenbesichtigung und letzten wettkampfspezifischen Intensitäten. Der Radkurs ist flach, windanfällig und erfordert ständigen Druck auf dem Pedal. Der abschließende Marathon findet auf einem verwinkelten Kurs statt, auf dem man im Rennen seine direkte Konkurrenz mehrfach sieht. Nur die Schwimmvorbereitung erweist sich als schwierig, weil im Vorfeld des Rennens nicht auf der Wettkampfstrecke trainiert werden kann. Einmal fährt Krämer einige Kilometer weiter, um im Freiwasser trainieren zu können. Ansonsten spult er die letzten Kilometer im örtlichen Freibad ab. Trotz guter Wochen der Vorbereitung und dem gewohnten Umfeld steigt die Nervosität nach dem Check-in am Vorabend ins Unermessliche. Die Erfahrung ist neu für Krämer, der sogar vor den Rennen auf Hawaii nicht aus der Ruhe zu bringen war. Nun aber, eine Nacht entfernt von seinem bisher größten Rennen als Profi, bringt ihn die Nervosität um den Schlaf.

Der Auftakt macht ihm im Wettkampf dann auch ordentlich zu schaffen. Man könne sich auf diesem Kurs nicht verschwimmen, heißt es im Vorfeld. Dass es Krämer kurz vor Ende dennoch gelingt und er kurzerhand knietief im Morast steht, statt eine Boje weiter in Richtung Ausstieg zu schwimmen, passt in das Bild, das er bei der Auftakt-Disziplin abgibt. Als „eher scheiße“ beschreibt er im Nachhinein seine Leistung und besteht direkt im Anschluss an diese Äußerung darauf, dass die Zeit von knapp über einer Stunde keinesfalls der unplanmäßigen Vorbereitung oder dem Verschwimmen geschuldet sei. Stattdessen geht er hart mit seiner eigenen Leistung ins Gericht. Unzufrieden ist er zu diesem Zeitpunkt im Rennen dennoch nicht, weil er statt einer Gesamtzeit nur den Rückstand zu den Athleten vor ihm erfährt und dieser den Erwartungen entspricht. Mehr Sorgen macht Krämer sein Oberschenkel, der wie schon beim Rennen in Rimini auf dem Weg in die Wechselzone zumacht. Zwar macht der Muskel keine Probleme auf dem Rad, die Angst vor dem Lauf, Krämers vermeintlich stärksten Disziplin, ist jedoch allgegenwärtig und fährt die gesamten 180 Kilometer mit.