Chronologie einer Katastrophe

Es ist eine Katastrophe für die Außendarstellung des Sports und natürlich für die Athleten selbst: Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat lediglich Anne Haug für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro nominiert. Jeweils zwei sportlich erkämpfte Startplätze deutscher Männer und Frauen bleiben ungenutzt. Grund dafür ist vor allem ein Rechtsstreit in den Tagen vor der DOSB-Entscheidung. Eine Chronologie.

Von > | 13. Juli 2016 | Aus: SZENE

Anne Haug | Anne Haug beim Testevent in Rio

Anne Haug beim Testevent in Rio

Foto >triathlon.org / Delly Carr

2012: Olympische Spiele

Die ganze Problematik beginnt mit dem Olympia-Rennen der Frauen am 4. August im Londoner Hyde Park: Deutsche Triathlon Union (DTU) und DOSB hatten sich auf Nominierungskriterien geeinigt, über die sich die drei in ausgewählten Rennen besten deutschen Frauen für das Londoner Rennen qualifizierten: Anne Haug, Anja Dittmer und Svenja Bazlen. Eine Teamtaktik wurde nicht festgeschrieben - und im Rennen selbst geschah es dann, dass die Deutschen direkt gegeneinander arbeiteten und Svenja Bazlen an der Spitze das Tempo hochhielt, während die stärkere Läuferin Anne Haug nach einem schwächeren Schwimmen dahinter vergeblich versuchte, Anschluss zur Spitze herzustellen. Das missglückte Haug somit, und statt um eine Medaille zu kämpfen wurde Haug mit einer Laufzeit, die zum Olympiasieg hätte reichen können, nur Elfte.

2013: Zielvereinbarung für Olympia 2016

Daraus zogen DTU und DOSB Konsequenzen. Am 21. Februar 2013 setzten der Olympische und der Triathlon-Verband eine gemeinsame Zielvereinbarung zu den Olympischen Spielen 2016 auf, die von der DTU am 7. Juni und vom DOSB am 18. Mai unterschrieben wurde. In denen heißt es, dass eine Medaille und zusätzlich eine Top-8-Platzierung bei sechs deutschen Startern eingefahren werden soll. Zu diesem Zweck wird ausdrücklich auch das Ziel zur "Entwicklung & Implementierung des Teamgedanken und von Teamtaktiken" vereinbart.

Mai 2014: Eröffnung der Punktejagd

Am 15. Mai 2014 beginnt die heiße Phase der Olympiaqualifikation. Von jetzt an bis zum 15. Mai 2016 sammeln die Athleten in ITU-Rennen automatisch Punkte, über die sie in einer Olympia-Qualifikationsliste platziert werden. Darüber werden am Ende die Mehrzahl der Startplätze an Nationen vergeben. Das heißt: Je mehr Athleten einer Nation sich in diesem Ranking weit vorn platzieren, desto mehr Startplätze bekommt eine Nation bei Olympia - maximal aber drei pro Geschlecht. An wen die jeweilige Nation diese Startplätze vergibt, entscheiden der nationale Triathlon-Fachverband und das Nationale Olympische Komitee gemeinsam. Die deutschen Frauen sichern sich über das Ranking das Maximum an drei Startplätzen, die Männer müssen sich mit zweien begnügen.

Mai 2015: Erste Qualifikationskriterien

Im Mai 2015 einigen sich DTU und DOSB auf erste Kriterien darüber, wie die Startplätze in Deutschland an die Athleten vergeben werden. Zunächst wird aber nur jeweils ein Platz pro Geschlecht ausgeschrieben, damit aufrückende Nachwuchsathleten auch 2016 noch Qualifikationschancen haben: Wer beim Olympia-Testevent in Rio im August 2015 unter den Top 8 finisht und bester Deutscher ist, hat sein Ticket (vorbehaltlich einer milderen Leistungsbestätigung 2016) sicher. Diese Platzierung glückt in Rio aber nur Anne Haug, die ihre Qualifikation im Frühjahr 2016 dann sportlich bestätigt. Eine Top-Fünf-Platzierung in der WM-Serie, ein alternativer Qualifikationsweg, erreicht ebenfalls kein Deutscher.

Januar 2016: Zweite Qualifikationskriterien

Am 26. Januar verabschieden DTU und DOSB die Qualfikationskriterien für die restlichen vier Startplätze: Top-8-Platzierungen bei WM-Serienrennen in Abu Dhabi und Yokohama bei den Frauen und für die Männer auch zusätzlich noch in Australien schreiben die Verbände vor - erreicht wird eine solche Platzierung aber von keinem Athleten. In den Kriterien erwähnen DOSB und DTU außerdem gemäß ihrer Vereinbarung aus dem Jahr 2013 ausdrücklich, "dass das DTU Präsidium jeweils einen Sportler und eine Sportlerin aus teamtaktischen Gründen zur Nominierung vorschlagen kann." Außerdem heißt es: "Falls lediglich zwei, eine oder keine Top 8 Platzierung von einem Athleten bis zum 15.05.2016 in einem WTS-Rennen in 2016 erzielt wird, erfolgt ein Nominierungsvorschlag an den DOSB durch das DTU-Präsidium, unter Einbeziehung der sportfachlichen Beratung durch den DTU-Leistungssportausschuss und unter Berücksichtigung der Saisonergebnisse bis zum 16.06.2016".

5. Juni 2016: Rückmeldung an die ITU

Bis zum 5. Juni 2016 muss das Nationale Olympische Komitee der ITU mitteilen, wie viele Startplätze die Nation im Triathlonrennen nutzen will. Die Entscheidung bleibt aber geheim.

19. Juni 2016: DTU benennt vier Athleten

An einem Sonntagnachmittag Mitte Juni informiert die DTU die Sportler und die Medien über ihre Entscheidung: Auf Männerseite will der Verband Steffen Justus und Gregor Buchholz zur Nominierung vorschlagen, da die die Startplätze für Deutschland gewonnen hatten. Auf Frauenseite werden Anja Knapp und Laura Lindemann benannt, da die die stärksten Schwimmerinnen, somit taktisch am variabelsten seien und Anne Haug im Kampf um eine Medaille am besten unterstützen könnten. Zudem hatte Laura Lindemann mit Rang zehn in Yokohama das beste Ergebnis einer Deutschen in einem der Qualifikationsrennen vorzuweisen. Die Nominierung durch den DOSB soll in der Sitzung am 12. Juli erfolgen.

24. Juni 2016: Michael Lehner wendet sich an die DTU

Wenige Tage später, an einem Freitag, wendet sich Rechtsanwalt Dr. Michael Lehner an die DTU, den die vom Verband nicht vorgeschlagene Rebecca Robisch engagiert hatte. Er fordert vom Verband bis zum 28. Juni, einem Dienstag, eine Erklärung, warum Rebecca Robisch nicht berücksichtigt wurde. DTU-Geschäftsführer Matthias Zöll, der bei den Deutschen Meisterschaften in Düsseldorf war, kann dieses Schreiben erst am Montag bearbeiten und eine Beantwortung innerhalb der eng gesetzten Frist in die Wege leiten.

30. Juni 2016: DTU hinterlegt über Sebastian Longrée Schutzschrift

Die DTU und ihr Rechtsanwalt Dr. Sebastian Longrée hinterlegen bei dem Deutschen Sportschiedsgericht und vorsorglich auch bei den staatlichen Gerichten eine sogenannte Schutzschrift. Diese soll vermeiden, dass eine Entscheidung ohne eine Anhörung der DTU gefällt wird.

5. Juli 2016: Lehner ruft das DIS an

Am 5. Juli ruft Robischs Anwalt entsprechend der Schiedsvereinbarung zwischen den Athleten und der DTU das Deutsche Sportschiedsgericht (angesiedelt bei der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit e.V.; DIS) an und stellt für Rebecca Robisch einen Antrag auf ein Eilverfahren gegen die Deutsche Triathlon Union. Er beantragt, dass die DTU Robisch, die in den ITU-Rankings in den vergangenen Jahren beste Deutsche, dem DOSB zur Nominierung für die Olympischen Spiele vorschlagen muss. Zudem argumentiert Lehner, dass eine Teamtaktik im Triathlon nicht mit den ITU-Wettkampfregeln und der Olympischen Charta vereinbar seien. Lehner weiß, dass an diesem Tag Einzelschiedsrichterin Claudia Wisser Dienst hat - eine für dieses Verfahren skandalöse Besetzung des Richterpostens. Denn die Juristin, die einst DTU-Präsidentin war, hatte den Verband vor wenigen Jahren im Unfrieden verlassen und im Anschluss noch mehrere Mandanten in Rechtsverfahren gegen die DTU vertreten. Die DTU macht deshalb gegenüber der DIS "erhebliche Zweifel an der Unparteilichkeit" von Frau Wisser geltend und lehnt diese als Schiedsrichterin ab. Wisser hält diese Ablehnung aber für unbegründet und lehnt eine Niederlegung ihres Postens ab. Über eine erneute Ablehnung durch die DTU hätte Wisser zunächst selbst entscheiden können.

Zwar könnte die DTU vor dem zuständigen staatlichen Gericht gegen die Besetzung des Richterpostens mit Wisser protestieren, allerdings würde dieses in der Kürze der Zeit nicht zu einer Entscheidung gelangen. So lange würde Wisser das Verfahren trotzdem leiten und eine Entscheidung im Schiedsverfahren fällen. Die DTU und ihre Rechtsanwalt Dr. Sebastian Longrée verzichten daher aufgrund der faktischen Aussichtslosigkeit auf weitere Rechtsmittel.

5.-7. Juli 2016: Stellungnahme der DTU

Von Dienstagabend vergangener Woche an hat die DTU rund 48 Stunden Zeit, gegen den Antrag Lehners zu argumentieren und darzulegen, warum Rebecca Robisch nicht zur Nominierung vorgeschlagen wurde. Die DTU begründet das unter anderem mit den Schwimmleistung Robischs, die in den vergangenen Jahren schwächer geworden seien, und verweist in diesem Zuge auch auf ein WM-Serienrennen im englischen Leeds im Juni, bei dem Robisch eine Boje unfair untertaucht habe. Das sei in Videoaufzeichnungen einer zufällig parallel durchgeführten Schwimmanaylse ersichtlich. Aufgrund ihrer Schwimmleistungen sei Rebecca Robisch deshalb nicht für eine Olympia-Nominierung im Sinne der mit dem DOSB vereinbarten Teamtaktik vorzuschlagen.

10. Juli 2016: Wissers streitbare Entscheidung

Am Sonntagabend entscheidet Claudia Wisser, dass Teamtaktiken im Triathlon nicht rechtens seien. Grundlage für dieses Urteil (welches dieser Redaktion vorliegt) bilden unter anderem die "Competition Rules" der Weltverbandes International Triathlon Union (ITU), in denen es heißt, dass Rennen nur ohne Annahme der Hilfe anderer Personen als dem Event-Personal und Offiziellen durchgeführt werden dürften. Außerdem sei es nicht mit dem Fair Play in Einklang zu bringen, dass Nationen unterschiedlich viele Teilnehmer stellen, weshalb Triathlon auch im Draftingformat ein Individual- und kein Teamsport sei. Was eine hohe Brisanz brigt: Ist diese Regelauslegung korrekt, könnten auch Nominierungen beispielsweise in Großbritannien, wo ebenfalls offen ein Helfer für die Brownlee-Brüder gesucht wurde, angefochten werden. In Deutschland jedenfalls, entscheidet Wisser deshalb, müsse die DTU auch Rebecca Robisch zur Nominierung vorschlagen, da die in den Rennen im Qualifikationszeitraum sportlich besser abgeschnitten hatte als die vorgeschlagene Anja Knapp.

11. Juli 2016: Reaktion der DTU

Die DTU setzt den Schiedsspruch Wissers mit Fristsetzung durch Lehner bis 16 Uhr um und schlägt zusätzlich zu den vorherigen Nominierungen nicht nur Robisch zur Nominierung vor, sondern auch Hanna Philippin, weil die sportlich in den Qualifikationsrennen ebenfalls besser abgeschnitten hatte als Anja Knapp - auch, weil der DTU in der Kürze der Zeit keine Beratung und ordentliche Beschlussfassung zur Abänderung des Nominierungsvorschlags mehr gelingt.

12. Juli 2016: Entscheidung des DOSB

Zwei Plätze, vier Frauen und ein juristisch vermintes Gebiet: Der DOSB entscheidet, dass außer Anne Haug gar keine andere Triathletin bei Olympia starten darf. Offiziell begründen sie das damit, dass es nur eine Normerfüllung gab - zu hören ist aber, dass einige Verantwortlichen im Gremium des DOSB keine Auswahl treffen und damit keine weitere Klagen provozieren wollten. Deshalb entschied man sich in letzter Minute wohl gegen eine Nominierung Lindemann und Robischs, wie sie wohl favorisiert wurde. Auch Männer werden im Zuge der Gleichbehandlung deshalb keine nominiert. Dr. Michael Lehner erklärt gegenüber tri-mag.de, dass rechtliche Schritte Robischs gegen den DOSB nicht ausgeschlossen sind, aber nicht ohne Zustimmung seiner Mandantin getroffen werden dürfen. Eine Entscheidung müsse wohl noch diese Woche fallen.

13. Juli: Startplätze werden weiterverteilt

Mittlerweile hat die ITU begonnen, die freigewordenen deutschen Startplätze an andere Nationen zu verteilen. So hat beispielsweise die Französin Cassandre Beaugrand, eine Dauerrivalin Laura Lindemanns, unverhofft einen Startplatz bei Olympia bekommen.

Zukunft: Deadline am 18. Juli 2016

Am kommenden Montag müssen laut offiziellem internationalen Qualifikationszeitplan alle Triathleten bei den Olympischen Spielen feststehen. Ob deutsche Athleten versuchen, sich einzuklagen, und wie die ITU die freigewordenen Plätze verteilen wird, ist noch unklar.