So fühlt sich die Radstrecke des Ironman Hamburg an

Heute sind es noch exakt zehn Wochen bis zum Ironman Hamburg. Für unseren Herausgeber Frank Wechsel der ideale Zeitpunkt, sich mit der Strecke anzufreunden.

Von > | 4. Juni 2017 | Aus: SZENE

Begegnungen: Auf der Hafenfähre werde ich zur Touristenattraktion.

Begegnungen: Auf der Hafenfähre werde ich zur Touristenattraktion.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Es sind noch exakt zehn Wochen bis zum Ironman Hamburg. Es wird also langsam Zeit, sich nicht nur mit der eigenen Form, sondern auch mit der Strecke anzufreunden. Ich habe am 13. August Heimvorteil (und dass der Ironman nach Hamburg kommt, war ja überhaupt der Anlass dafür, dass ich nach 19 Jahren wieder für ein Rennen über die magischen 226 Kilometer gemeldet bin). Die Schwimm- und Laufstrecke kenne ich aus vielen Jahren Hamburg Wasser World Triathlon, wie die Sprint- und Kurzdistanz im Herzen der Stadt inzwischen heißt. Hier bin ich gelegentlich auf der Sprint- und Kurzdistanz oder in einer Staffel gestartet, mitgezählt habe ich nicht. Der letzte Start ist nun einige Jahre her, aber an den Strecken hat sich nicht viel geändert. Außerdem habe ich am 16. Juli ja noch einmal die Chance, den Kurs ausgiebig zu testen: Die olympische Distanz wird, vier Wochen vor dem Ironman, mein dritter und letzter Testwettkampf.

Begegnungen auf der Elbe

Heute gilt mein Augenmerk also der Radstrecke (erstmals mit dem Wettkampfrad, bisher bin ich sie nur einmal mit dem Straßenrenner im strömenden Regen gefahren). Oder besser gesagt: Dem größten Teil dieser, denn die ersten Kilometer führen ja bekanntlich über die Köhlbrandbrücke und die ist für Radfahrer gesperrt. Man muss als Radfahrer also einen anderen Weg über die Elbe finden – oder drunter durch. Und der hat an Tagen wie einem Pfingstsonntag zwangsläufig mit dem Aufeinandertreffen von Sportlern und Touristen zu tun.

Also am Anleger Teufelsbrück (dem bisherigen Wendepunkt der Radstrecke des Hamburg Wasser World Triathlon) hinten anstellen an die Ausflügler und als Letzter auf die Fähre. Das Schiff ist übervoll – und ich werde schnell zur Touristenattraktion. „Wie schnell kann das Rad fahren?“ „Wie viel wiegt es?“ „Wie viele Kilometer fährst du heute?“ Gut, da muss man wohl durch … Dafür hat man auf den ersten Kilometern der Radstrecke (also denen nach der Köhlbrandbrücke) erst mal seine Ruhe. Touristen verirren sich hierher, nach Waltershof, Altenwerder oder Moorburg, ganz sicher nicht. Und der Hafenschwerverkehr hat heute Feiertag.

Jetzt bloß keine Reifenpanne ...

Die Kulisse kann man mögen, muss man aber nicht: Logistik, Energie und Industrie treffen hier aufeinander, Beton, Wellblech und dauernd wechselnde Gerüche bestimmen die Szenerie. Auch am Straßenbelag hat die Konjunktur ihre Spuren hinterlassen, es rumpelt ständig ein wenig. Die quer kreuzenden Bahnschienen sollen zum Renntag mit Kaltbeton verschlossen werden, aber auch heute lassen sie sich einfach überfahren. In Harburg wird es sichtbar multikulturell. Sind das schon die ersten Zuschauer? Viele Menschen säumen die Straße, relaxen am Feiertag auf Möbeln aus Plastik und Bier aus Dosen. Jetzt bloß keine Reifenpanne …

Ich bin bei Radstreckenkilometer 25, am Renntag heißt das: Jetzt geht es aufwärts. Und zwar durch das Herz von Harburg. Die Steigung überschreitet selten und dann auch nur kurz die 4-Prozent-Marke, aber es fühlt sich ungefähr so an wie: Hier kann man sich mit ungeschicktem Pacing den Tag versauen. Auf der zweiten Runde hat man hier immerhin schon 115 Kilometer in den Beinen.

Der Süddeutsche wird lachen, wenn er hört, dass der Gannaberg bei Kilometer 40 der höchste der Strecke ist – 150 Meter über dem Meer (und auch dem in der Alster). Ich bin in Niedersachsen, meinem Heimatland – ist es nicht wunderschön? Aber wie gesagt, wer bis hierher, beim Aufstieg in die Harburger Berge, nicht auf sich geachtet hat, könnte das später bitter bereuen. Die Abfahrt nach Buchholz in der Nordheide, zum südlichsten Punkt der Strecke, verläuft rasant, die Qualität des Belags wechselt weiter ständig. Kollege Daniel Eilers hatte mir schon seinen Eindruck vermittelt, dass die Strecke sich nicht schnell anfühle – hier kann ich das (noch) nicht bestätigen. Und die Waldpassagen haben was!

Es wird unrhythmisch

Heute steht der Wind gut für die rasante Fahrt über Klecken und Helmstorf – doch dann wird es irgendwie unrhythmisch. Irgendwie rollt es nicht rund um Seevetal. Das kann an den vielen Richtungs- und Rhythmuswechseln liegen, an dem wechselnden Straßenbelag und den Windböen. Oder an meinem Training dieser Woche? Das Ganze muss ich mir noch mal ausgeruht und an einem frühen Sonntagmorgen anschauen, wenn die Autos und der Wind noch schlafen. 

Mein Fazit

Bei Kilometer 70 bin ich wieder ganz oben, in den Harburger Bergen. Für den Renntag bedeutet das: Jetzt kommt die Abfahrt nach Harburg, dann 30 flache Kilometer. So richtig genießen kann man die Abfahrt heute mit Autos und Ampeln kaum, aber am 13. August wird es hier rasant. Ich verlasse den Kurs bei Kilometer 75 in Richtung Heimat, nehme wieder die Fähre anstatt der Elbbrücken, die am Renntag zurück in die City führen werden. Und werde wieder zur Touristenattraktion: Eine Rad-Rakete, die ein Eis isst – passt das zusammen? Es ist mir egal, was die Leute denken, denn ich mache mir meine eigenen Gedanken über diesen Kurs.

Und fasse zusammen: Die Radstrecke des Ironman Hamburg ist sicher abwechslungsreich, in vielerlei Hinsicht. Sie hat City, Industrie und viel Natur zu bieten. Lange Stücke zum Durchbügeln, aber auch ungemütliche mit vielen Rhythmuswechseln. Sie hat Steigungen, die an der Spitze nicht rennentscheidend werden, aber die wohl überlegt angegangen werden müssen. Und sie ist an Tagen wie diesen verdammt windanfällig. Allen Mitstreitern, die sie testen wollen, empfehle ich einen frühen Sonntagmorgen. Und nein: Ich werde mir für den Renntag kein Scheibenrad ausleihen.

Jetzt wird getapert

Nach dem Test der Strecke widme ich mich in den kommenden Tagen wieder meiner eigenen Form: Heute in einer Woche steht mein längstes und wichtigstes Testrennen auf dem Programm. Wen sehe ich am kommenden Sonntag beim Ironman 70.3 Rapperswil. Ich freue mich auf das Rennen und auch auf die Tage bis dahin – denn die heißen Taperphase. Morgen habe ich mal trainingsfrei, danach gibt es nur noch kurze, knackige Einheiten. Gipfelsturm, erster Teil. Noch eine Woche bis zum ersten Saisonhöhepunkt, noch zehn bis zum zweiten. Es wird langsam spannend – und ich werde weiter berichten.