Grenzerfahrung bei den SWIM 100x100

Für Schwimmer ein Klacks, für Triathleten ein hartes Brot und für unseren Redakteur purer Nervenkitzel: die SWIM 100x100 in der Hamburger Alsterschwimmhalle. Hat es für den 100x100-Club gereicht?

Von > | 26. Februar 2017 | Aus: SZENE

(K)ein Zuckerschlecken: Flüssige Kohlenhydrate spenden Kraft für die zweiten, kräftezehrenden 5.000 Meter der SWIM 100x100.

(K)ein Zuckerschlecken: Flüssige Kohlenhydrate spenden Kraft für die zweiten, kräftezehrenden 5.000 Meter der SWIM 100x100.

Foto >Anne-Christin Schröter / spomedis

Mein Coach Marc Sauer hat während einer der letzten Besprechung deutlich gemacht, dass er sich mehr Action im Saisonverlauf wünscht. Denn Training ohne Wettkämpfe würde mürbe machen – und Rolle fahren, das macht dreifach mürbe. Tatsächlich liegen die ersten Wettkämpfe vor dem Ironman Hamburg noch in weiter Ferne. Deswegen kamen für Marc und mich die SWIM 100x100 gerade recht. Das Event in der Alsterschwimmhalle in Hamburg hat mich schon letztes Jahr fasziniert: 100 Schwimmer, die hundertmal einhundert Meter schwimmen (klingt genauso schwierig, wie es ist). Geile Sache, dachte ich sofort, das will ich auch machen! Doch wie das so ist mit geilen Sachen: Sie enden entweder im Gefängnis oder auf einer Parkbank – oder in meinem Fall im Becken der Alsterschwimmhalle mit zittrigen, aber endlich mal rasierten Beinen. Pünktlich um 19 Uhr gab unser Herausgeber Frank Wechsel den Startschuss für die Gruppe mit der Abgangszeit von 2:15 Minuten. Ich entschied mich für die konservative Variante, zumal ich keine Vorstellung davon besaß, wie sich das Schwimmen jenseits der 4.000 Meter anfühlt.

Die ersten 15 Intervalle kraulen sich wie von selbst – ich mutmaße leichtsinnig, dass das Tempo zu langsam für mich ist. Zwar hatte mich eine Woche vorher noch eine Grippe erwischt, aber die war so gut wie auskuriert. Und auch die Stimmung ist im Wasser und am Beckenrand phänomenal. Die Pausenzeiten werden für Smalltalk genutzt, am Beckenrand sorgen sich meine Freundin und ein Freund um mein Wohlergehen. Nach 2.700 Meter gibt es die erste 5-Minuten-Pause und damit die Möglichkeit zum Durchatmen. 3.800 Meter: Die Ironman-Distanz ist geschafft, jetzt schnell aufs Rad – aber nicht heute! 4.000 Meter: Die längste Distanz, die ich jemals geschwommen bin. Verdammt, die Arme werden langsam richtig schwer, die Schulter zuckt und von Durchziehen und Abdrücken kann schon gar keine Rede mehr sein. Dabei ist nicht mal die Hälfte erreicht. Zu diesem Zeitpunkt glaube ich nicht daran, dass ich alle 100 Runden schaffen werde. Doch die Kollegen von SWIM und mein Supporter-Duo am Rand machen mir zum Glück immer wieder Mut – während der immer kürzer werdenden Pausen.

Nach 4.500 Metern rutscht die Pace nochmals ab und ich habe – ehrlich gesagt – keine Lust mehr. 5.000 Meter sind doch eine tolle Distanz und bringen auf Strava schon genug Fame, oder? Das sollte reichen. Aber Aufgeben ist natürlich keinen Option. Außerdem sind es nur noch 100 Meter bis zur zweiten Pause, in die ich mich rette. Danach wird es richtig, richtig zäh. Ich entschließe mich, mir einen geeigneten Wasserschatten zu suchen und finde ihn. Doch jetzt rächt sich, dass ich keine Rollwende beherrsche: Auf den ersten 50 Metern hänge ich mich in den Sog meines Vordermanns, doch nach der Wende reißt er ein Loch von zehn Metern, das ich nicht mehr schließen kann. So geht es 100er um 100er: erste Bahn geschmeidig im Wasserschatten, zweite Bahn leidend zurück. Mein Learning für Hamburg: Beim Ironman muss ich von Beginn an gute Beine finden. Der Effekt ist bei fortschreitender Ermüdung um ein Vielfaches spürbar. Die Stimmung in der Alsterschwimmhalle ist weiterhin super: Unser Herausgeber Frank Wechsel heizt uns am Mikro immer noch unermüdlich ein und viele Zuschauer stehen direkt am Wasser und jubeln ihren Schwimmern zu. An dieser Stelle zeigt sich für mich, wie wichtig die Unterstützung vom Beckenrand ist: Denn ein vertrautes Gesicht spendet Hoffnung – wenn man den Glauben an sich verloren hat. Nach knapp 5.000 Metern bin ich so ziemlich am Ende.

So voll ist die Alsterschwimmhalle in Hamburg selten.

So voll ist die Alsterschwimmhalle in Hamburg selten.

Foto >Silke Insel / spomedis

Ehrlich, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich überhaupt bis zur 75. Runde gekommen bin. Keine Ahnung. Filmriss. Aber nach der dritten Pause denke ich im Kopf plötzlich um, zähle nicht mehr hoch und will aufgeben, sondern teile mir die Endphase der 100x100 ein. Fünf Intervalle gehen immer, dann plantsche ich zehn weitere vor mich hin und genieße danach jedes weitere mit einem Lächeln – lautet mein Plan für die Endphase. Schnell stopfe ich mir noch zwei Liquid-Gels rein, in der Hoffnung, dass mir der Zucker hilft. Und tatsächlich, die Zeiten werden wieder schneller. Jetzt ist mir klar: Das packe ich! „Mehr Gels, mehr Gels“, rufe ich meinem Supporter nach 85 Runden zu. Nach jedem Hunderter nippe ich daran. Dann sind es plötzlich nur noch zehn Runden, die ich wie in Trance schwimme. Auf der letzten Runde wird die Halle abgedunkelt. Gänsehaut. Ich muss unter Wasser lächeln. Die Zuschauer empfangen uns mit Wunderkerzen in der Hand. Die Musik dröhnt über und brummt unter Wasser. Ich spare mir einen Endspurt und genieße einfach nur die letzte Bahn – und wünsche mir insgeheim, dass sie niemals enden mag. Im Moment des Anschlags, nach vier Stunden im Wasser und 2:52 Stunden Schwimmzeit, spüre ich erstmals keinen Schmerz mehr, sondern empfinde nur noch Stolz, weil ich mich ab Runde 45 nicht aufgegeben habe. So geht es an diesem emotionalen Abend vielen Teilnehmern – und das ist das Schöne: Wirklich niemand wird allein gelassen! Der letzte Schwimmer auf meiner Bahn, der noch eine Runde nachholen muss, wird am Ende von einem Spalier aus klatschenden Schwimmern empfangen. Ein wahrlich würdiger Abschluss einer tollen Veranstaltung.

Für mich war das Event ein erster mentaler Härtetest für den 13. August 2017, wenn mich beim Ironman Hamburg mit Sicherheit ähnliche Gedanken und Schmerzen plagen werden. Und jetzt weiß ich auch, warum Marc mich nicht nur trainieren lassen will: Solche Erlebnisse geben Sicherheit und sind ein wichtiger Anker, wenn es auch mal bei anderen Wettkämpfen richtig hart wird. Apropos hart: Anfang April muss ich wieder zur Leistungsdiagnostik antreten. Marc wird dann eine erste Prognose geben können, hat er mir verraten. Aber davor haben wir uns noch eine echte Trainingsschweinerei ausgedacht. Dagegen sind die SWIM 100x100 ein Kinderspiel. Ich berichte.