Wer trainiert, darf auch träumen!

Es sind ab heute nur noch 200 Tage bis zum Ironman Hamburg. 67 Einheiten hat triathlon-Redakteur Daniel Eilers auf der Habenseite, und das Trainingstief blieb bisher aus – warum? Zeit für ein Zwischenbericht aus Hamburg.

Von > | 25. Januar 2017 | Aus: SZENE

Harte Heimarbeit: Knapp 40 Stunden Rollentraining sind bereits seit November zusammengekommen.

Harte Heimarbeit: Knapp 40 Stunden Rollentraining sind bereits seit November zusammengekommen.

Foto >Privat

Wer nach vorn gucken will, muss auch mal den Blick zurück wagen. Am 10. November des vergangenen Jahres, ein Tag vor meinem 28. Geburtstag, drehte ich die Sanduhr vor meinem geistigen Auge um. 76 Tage sind seitdem vergangen, nur noch 200 Tage liegen zwischen heute und dem Ironman Hamburg. Ich hatte erwartet, dass sich der Weg bis zum Saisonhighlight zieht wie ein durchgekautes Hubba-Bubba-Kaugummi, doch das Gegenteil ist der Fall. Die Zeit rast, ich renne und radle mit ihr. 200 Tage sind einfach zu lang für eine seriöse Prognose, aber 76 Tage reichen für eine erste Bilanz – und zum Träumen.

Als Nichtschwimmer in Eigenregie entstehen Fortschritte schon durchs regelmäßige Aufsuchen des Schwimmbads. Der Nachteil: Mit jedem Aufsuchen steigt die Gefahr der Demoralisierung. Schuld daran ist die mir unbekannte zierliche Schwimmerin, mit den zierlichen Armen und den noch zierlicheren Beinen, die mir während ihres Beinprogramms davon schwimmt. Sollte Gott irgendwann mal Schwimmfähigkeiten verteilt haben, war ich wohl grad joggen. Aber im Grunde geht’s sowieso nur darum, das Beste aus der Situation zu machen, und 22-mal ist mir das bis zu einer Streckenlänge von 3.100 Metern schon gelungen. Und der Gott, der mich damals beim Verteilen des Schwimmtalents übergangen hat, belohnt jetzt meinen Fleiß, indem er sich mit jeder von mir geschwommenen Bahn gnädiger zeigt.

"Hast du auch Bums, oder bist du nur leicht", war die berechtige Kritik, als ich nach der Anmeldung zum Ironman Hamburg eine Radzeit von unter 5 Stunden in Aussicht stellte. Ein bisschen ist seither passiert. Insgesamt sind 39,5 Stunden Radtraining zusammengekommen – alle auf der Rolle, keine Sekunde habe ich draußen in der Kälte verbracht. Warum auch? Warum bibbern, wenn man schwitzen kann? Warum vor Ampeln Trainingszeit vergeuden, wenn man Zuhause viel effizienter trainieren kann? Warum das Rennrad nehmen, wenn das nagelneue Zeitfahrrad lockt? Viermal saß ich sogar schon drei Stunden auf der Rolle und konnte laut meines Garmin-Wattmessers die Normalized Power bei nahezu identischer Herzfrequenz von 184 auf 195, 207 und 214 Watt steigern. Das Radtraining schlägt einfach super an, jede Einheit bringt mich gefühlt einen Schritt, pardon, eine Radumdrehung weiter nach vorn. Die letzten Einheiten absolvierte ich sogar ausschließlich auf dem Zeitfahrrad, um mich an die Sitzposition zu gewöhnen. 

Das Laufen stockt immer noch. Vor jeder Einheit sind die Beine schwer und die Lockerheit, die man so gern als "Fliegen" bezeichnet, ist schon lange passé. Nahezu jeder Lauf gestaltet sich als Krampf – zum Glück ohne Krämpfe. Frage: Ist das normal – geht es anderen auch so? Meinem Schweinehund und den müden Muskeln sage ich jedes Mal: Genau dieses Gefühl erwartet dich im Ironman. Andererseits: Warum sollte ich eine gute Laufform durch den ganzen Frühling schleppen, wenn ich doch erst im Sommer topfit werden muss? Ein Vabanquespiel, das funktionieren kann, solange ich Fortschritte im Schwimmen und Radfahren erziele. Triathlon ist eben ein Dreikampf, das muss man verinnerlichen, wenn man aus einer der drei Disziplinen kommt. Entscheidend ist am Ende die Summe aus allen drei Sportarten, ein Balance-Akt, der ein wenig taktisches Geschick erfordert. Deswegen ist Triathlon ein so verdammt spannender Sport!

In meinem Kopf schwirrt schon herum, wann das erste Trainingstief, die jähe Leistungsstagnation oder sonstige Wehwehchen auf mich zukommen. Ich bin mir sicher, dass mein Trainer Marc Sauer von STAPS schon bald das Training anziehen wird. Doch bisher geht sein Prinzip gerade auf dem Rad voll auf. Ich würde sogar sagen, dass ich noch Reserven habe – die ich aber wie einen Schatz hüte. Denn zu meinem Glück habe ich Kollegen mit viel mehr Triathlonerfahrung, die mich darauf aufmerksam machen, dass die heiße Trainingsphase erst noch bevorsteht. Trotzdem träume ich, wenn ich unter Sauerstoffarmut auf der Rolle Intervalle fahre, immer häufiger und ganz heimlich von einem Finish unter 10 Stunden. Träumen gehört einfach dazu! Aber auch hier gilt, wie schon beim Training, die richtige Balance zu finden.