Über Hawaii nach Hamburg

Am Anfang ist das Schwimmen – diese Triathlon-Norm würde manchen Athleten gern zum Gesetzesbrecher werden lassen. Man kann aber auch die Konfrontation mit seiner schwächsten Disziplin suchen, zum Beispiel beim Hoala Swim auf Hawaii.

Von > | 3. Oktober 2016 | Aus: Szene

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Wer den Mund voll nimmt, muss auch liefern – das kann bedeuten, auf Hawaii den Maximalumfang zu verdoppeln. Ob's gut ging?

Foto > Nils Flieshardt / spomedis

Manche kennen dieses Gefühl bestimmt noch aus der Schule: Die Klausur steht an und man hat rein gar nichts gelernt. Nervenkitzel pur – mit der spannenden Frage verknüpft: Mit wie wenig Aufwand kann man die Klausur trotzdem bestehen. Meine Klausur vor ein paar Tagen war mindestens schon das Vordiplom – eine Generalprobe im Pazifik. Die Rede ist vom Hoala Swim, ein 3,8 Kilometer langer Testwettkampf auf der Originalstrecke eine Woche vor dem Ironman Hawaii, von dem ich formtechnisch in etwa so weit entfernt bin wie Big Island von der Hansestadt Hamburg. In der Elbmetropole werden ich am 13. August 2017 – so Gott und mein Knie wollen – meine erste Langdistanz absolvieren, in unter zehn Stunden, sollte denn aus einem Wunschtraum sportliche Realität werden. Aber zurück zum Hier und Jetzt, rein in die Fluten des Pazifik.

Mein erster Massenstart weckt eine Menge Unbehagen bei mir – und stellt die Rolling-Start-Diskussion in ein anderes Licht. Anfangs verwende ich meine ganze Energie darauf, in jede sich mir bietende Lücke zu schwimmen, um ja nicht Schläge oder Tritte zu kassieren. Das gelingt mir sehr gut. Mit zunehmender Sicherheit werde ich experimentierfreudiger: Im Wasserschatten schwimmen, sagten mir Kollegen im Vorfeld, soll ähnlich wie im Windschatten fahren, Energie sparen. Nach einer kurzen Liaison mit den Füßen einer Schwimmerin vor mir, werde ich wieder zum Solisten. Schnell finde ich meinen Rhythmus und vertreibe mir die Zeit, indem ich in diesem riesigen Unterwasser-Aquarium nach bunten Fischen Ausschau halte.

Auf diese Weise vergehen einige hundert Meter wie im Flug. Doch nach 1.500 Metern spüre ich erstmals das Bedürfnis nach einer Pause. Nach weiteren 500 Metern, die viel zäher sind und mit weniger Aquarium-Feeling behaftet, greife ich schon nach meinem "Spicker", der sich unter dem Beinkleid meines Speedsuits versteckt. Schwimmer werden jetzt Kopf schüttelnd die Hände über der Badekappe zusammenschlagen, aber ich habe das Gel zur Sicherheit mal mitgenommen. Schließlich „beschwamm“ ich ab diesem Zeitpunkt komplettes Neuland, nie war ich im Training weiter unterwegs. Und gern wäre ich daher nach der Prognose meiner Sportuhr (Kurs unter 1:10 Stunden) einfach aus dem Wasser gestiegen – mehr würde hier sowieso nicht mehr gehen, war ich mir sicher. Wahnsinn! Ich, der niemals länger als 2 Kilometer geschwommen war, im Becken in maximaler Unregelmäßigkeit seine Bahnen kraulte und immer noch glaubt, dass das Aha-Erlebnis zum Athleten kommt und nicht umgekehrt, kann unter 1:10 schwimmen – im Pazifik, auf der WM-Strecke, ohne Neo. 

Leider musste die Sache ja einen Haken haben: Die Meeresströmung war nur auf der ersten Hälfte kulant zu den Schwimmern und stellte uns auf dem Rückweg zum Pier von Kailua-Kona auf die Kraftprobe. Mein Ofen war da längst aus, Arme und Beine bleischwer und der Mund vom Salzwasser bis zur Taubheit ausgetrocknet. Doch irgendwie paddelte ich mit Gummi-Armen und schmerzendem Trizeps ins Ziel, machte (salzwassertrunken) laut meiner Uhr vier Kilometer über Umwege voll und blieb dabei immerhin knapp unter 1:15 Stunde. Ich weiß: Es gibt Athleten, die lachen über diese Zeit. Aber es gibt genauso Sportler, die wären mit so einer Zeit zufrieden. Da ich mir für die Ironman-Premiere eine Zeit von unter zehn Stunden vorgenommen habe, muss ich mich wohl an der ersten Gruppe messen – und war dennoch zufrieden.

Einmal richtig baden gehen, und dann das Training – eventuell sogar mit Betreuung – in Angriff nehmen, darin lag der tiefere Sinn dieses Abenteuers. Das Schwimmen werde ich bis dahin weiter vorsätzlich vernachlässigen, weil – so meine erste Trainingstheorie – ich ohnehin keine Zeit in der ersten Disziplin rausholen kann. Also investiere ich lieber ins Radfahren und Laufen, dem Löwenanteil einer Langdistanz. Andererseits: Vielleicht kann ich mit etwas mehr Aufwand doch noch ein passabler Schwimmer werden und muss mir auf dem Rad weniger Druck machen? Spannende Fragen, viele Theorien und noch mehr Ungewissheit bis zum Trainingsstart am 1. November.

Das Gel landete übrigens wieder in der Schublade, spätestens am 13. August brauche ich es wieder, doch diese Prüfung habe ich erstmal auch ohne "Spicker" bestanden. Von Hawaii nach Hamburg – das sind rund 12.000 Kilometer Luftlinie. Oder wie in meinem Fall: nur neun Monate Vorbereitung. Verdammt! Die Zeit läuft, radelt und schwimmt mir schon jetzt davon ...