Watt im Watt: Mein etwas anderes Trainingslager

Auf der Nordseeinsel Föhr holt sich unser Herausgeber Frank Wechsel den letzten Feinschliff für das Abenteuer Ironman Hamburg. Eine Zwischenbilanz.

Von > | 28. Juli 2017 | Aus: SZENE

Man fällt auf auf Föhr - wenn man keine Klingel am Rad hat.

Man fällt auf auf Föhr - wenn man keine Klingel am Rad hat.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Föhr ist seit langer Zeit die Insel der Radfahrer. Natürlich, die Zeiten ändern sich auch hier: War die Szenerie vor einigen Jahren noch von Tandems geprägt, wo man sich den Kampf gegen den Wind mit jemandem teilen konnte, dominieren heute die E-Bikes. Mit meinem Zeitfahrrad bin ich aber weitestgehend ein Unikat auf der Insel (allein wegen der fehlenden Klingel). Dabei funktioniert das Training hier perfekt – denn im Kampf gegen den Wind lässt sich die eigene Aerodynamik überprüfen.

Aerodynamik geschieht nicht von heute auf morgen

Was habe ich alles unternommen, um schlüpfrig durch den Wind zu kommen: ein erstes Bikefitting im November bei unserem Buchautor Kay Dobat. Die Position sah schnittig aus, auch wenn viele behaupteten: Die kannst du niemals über 180 Kilometer halten. Also habe ich sie schon im Winter regelmäßig eingenommen, bei umgerechnet über 3.000 Kilometern auf der Rolle. Die nächste Stufe: ein weiteres Bikefitting im Mai, nun bei geBiomized in Münster. Mit modernster Messtechnik habe ich mit Lotte Kraus dort die Grundlagen gelegt für den großen Praxistest auf einer Radrennbahn in Büttgen bei Düsseldorf. Dort haben wir mit Jonas Kraienhorst von STAPS weiter an feinsten Winkeln geschraubt, dazu gemessen, wie Rennanzüge und Helme bei mir passen und wirken. Und zuletzt vor wenigen Tagen: ein Feldtest in der Haseldorfer Marsch westlich von Hamburg, wieder mit Kay Dobat und Sebastian Schluricke von Aerotune – der die Ergebnisse der Radbahn noch einmal untermauert hat. 

Kreative Streckenführungen

Und so schlüpfe ich nun tagtäglich mit einem CdA-Wert von 0,225 unter dem immer wehenden Nordseewind hindurch – auf Föhr, meinen Trainingslagerdomizil. Das Motto: Mit so wenige Watt wie nötig so schnell wie möglich durchs Watt. Die Radstrecke des Red Bull Tri Islands (schwimmen von Amrum nach Föhr, hier Rad fahren und schließlich auf Sylt laufen) ist dabei nur in Teilen befahrbar, da durch einige Schafgatter abgesperrt (und zwischen den Schafgattern … nun ja, auch eher rutschig). Dafür gibt es auf den hiesigen 86 Quadratkilometern andere Möglichkeiten. Zum Beispiel das Spiel, in vier Stunden so viele verschiedene Straßen wie möglich zu fahren. Oder in fünf Stunden so oft drumrum wie möglich. Dabei ist mir aufgefallen, dass die bestfahrbare Außenrum-Strecke 30 Kilometer lang ist. Also exakt 30,0. Dreimal oder sechsmal ergäbe eine schöne zweite Disziplin für eine Mittel- oder Langdistanz … Allein die Höhenmeter fehlen fast völlig, im Schnitt steht am Ende weniger als ein Höhenmeter pro Kilometer auf dem Tacho (wo auch immer diese paar Zentimeter herkommen).

Laufen im Wettkampftempo

Die fehlenden Erhebungen kommen mir beim Laufen sehr entgegen. Hier lässt sich ein perfektes Pacing durchziehen, alle Strecken sind ebenso flach wie die des Ironman Hamburg und so kann ich hier die mit Coach Marc besprochene (und natürlich streng geheime) Pacing-Strategie und die mit Ernährungs-Guru Caroline besprochene (und natürlich streng geheime) Energieversorgung testen. Bei den langen Läufen, denn die kurzen sind natürlich schneller. 10 x 1 Minuten Tempo standen da in einer Einheit mal auf dem Programm, 5 x 3 Minuten in einer anderen. Morgen wartet noch einmal ein dickes Brett: 30 Kilometer am Stück, davon zweimal acht im Renntempo.

Im Gezeitenstrom

Allein das Schwimmen ist hier etwas besonders, denn der Schein der auf den ersten Blick oft so ruhigen Nordsee trügt. Völlig! Ich bin hier die GPS-vermessenen 100 Meter vor dem Strand von Utersum schon in 43 Sekunden geschwommen, aber auch in 4:49 Minuten – bei gefühlt gleicher Intensität. Der Strand ist am 9. September auch das Schwimmziel bei den 3. Red Bull Tri Islands, so dass jedes Training auch dem Feinschliff der Navigationsstrategie für den Saisonabschluss 2017 dient.

Ruhetag! 

Dem Schwimmen, Radfahren und Laufen widme ich mich morgen wieder. Heute ist Ruhetag. Nachdem die Wattwanderung nach Amrum wegen Gewitterwarnungen ausfallen musste, ging es mit der Familie ins Maislabyrinth. Damit es keine Missverständnisse gibt: Die folgende Karte ist nicht das Tracking meines Versuchs, lebend aus dem Kohlenhydrat-Urwald eines findigen Inselbauern zu entfliehen – sondern die oben beschriebene Radeinheit. Noch 16 Tage bis zum Ironman Hamburg – dann mit etwas soliderer Streckenführung, aber genauso viel Spaß!