Wie Siri Lindley 2001 Weltmeisterin wurde

Nach dem Kummer, die Olympia-Qualifikation für Sydney 2000 nicht geschafft zu haben, beschloss Siri Lindley, den Trainer zu wechseln. Ihre Freundin ­Loretta Harrop ermutigte sie, mit ihrem Trainer zu arbeiten: Brett Sutton.

Von > | 21. Juni 2017 | Aus: TRAINING

Siri Lindley wird im Jahr 2001 in Edmonton Triathlon-Weltmeisterin - nachdem sie zuvor zu Trainer Brett Sutton gewechselt war.

Siri Lindley wird im Jahr 2001 in Edmonton Triathlon-Weltmeisterin - nachdem sie zuvor zu Trainer Brett Sutton gewechselt war.

Foto >Brian Bahr / triathlon.org

Brett Sutton trainierte zu Beginn dieses Jahrtausends eine ausgewählte Gruppe von Athleten in einem Bergcamp im Schweizer Leysin. Alles, was Siri Lindley über ­Sutton wusste, war, dass er berüchtigt war für seine Härte und dass er sich aufgrund eines Skandals, in den eine minderjährige Schwimmerin verwickelt war, freiwillig aus seinem Heimatland Australien ins Exil begeben hatte. Aber sie wusste auch, dass er eine beeindruckende Bilanz hatte, was die Ausbildung von Weltklasseathleten anging. Sie beschloss, es mit ihm zu versuchen.

Siri lieferte 2013 in der Competitor Radio Show eine detaillierte Beschreibung ihrer unvergesslichen ersten Tage in Suttons Camp ab. Sie flog im Juli 2000 nach Genf. Sie wartete und wartete an der ­Gepäckausgabe, aber ihre Habseligkeiten kamen nicht an. Nur ihr Fahrrad tauchte auf. Nachdem sie die notwendigen Papiere aus­gefüllt hatte, fuhr sie zwei Stunden nach Leysin. Sobald sie dort angekommen war, forderte Sutton sie auf, ihr Rad auf einen Rollentrainer zu spannen und ein dreistündiges Training zu absolvieren.

„Aber ich habe keine Radklamotten!“, protestierte sie.

„Das ist okay, du kannst das anlassen, was du trägst“, sagte ­Sutton.

Siri schaute ungläubig auf ihre Jeans und ihren Pulli hinunter. Sutton nickte. Ohne weiteren Protest spannte Siri ihr Rad ein, stieg auf und begann zu kurbeln. Neben ihr, auf einem anderen Fahrrad, saß Loretta Harrop, die mit gesenktem Kopf vor sich hin pedalierte und kein Wort zu ihrer Freundin sagte, die sie dazu überredet hatte, den ganzen langen Weg hierherzukommen.

Am nächsten Morgen traf sich Siri (deren Gepäck über Nacht nachgeliefert worden war) mit Harrop und den anderen Athleten des Camps, und sie fuhren mit den Rädern 20 Kilometer an den Fuß des Berges, wo sich das nächstgelegene Schwimmbad befand und wo ­Sutton auf sie wartete. Er gab Siri ein Blatt Papier und erklärte ihr ihr Schwimmprogramm für den Tag. Sie zählte die einzelnen ­Abschnitte zusammen und stellte fest, dass sie insgesamt sechs Kilometer schwimmen sollte. Siri war innerhalb einer Trainingseinheit nie mehr als vier Kilometer geschwommen. Eineinhalb Stunden ­später kroch sie mit vor Erschöpfung schon gummiartigen Schultern aus dem Becken. Während sie sich abtrocknete, schaute sie sich nach ­Trainer Brett Sutton um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Er war verschwunden.

„Wo ist der Trainer?“, frage sie Harrop.

„Zurück im Camp.“

„Was? Sollte er uns nicht nach Hause fahren?“

Harrop sah Siri mitleidig an.

„Nein, wir fahren mit dem Rad.“

Siri hatte noch nicht einmal etwas gegessen. Lediglich ein Schluck Kaffee war seit dem Vortag durch ihre Lippen geflossen. Harrop schlug vor, dass Siri mit Jane Fardell den Berg hinauffahren sollte, die die vermutlich schwächste Radfahrerin der Gruppe war. Jane hängte Siri auf halbem Weg zum Gipfel ab und ließ die Neue sich ­allein zurück ins Camp kämpfen, wo sie 20 Minuten nach allen anderen ankam. Siri torkelte in ihr Apartment, fiel ins Bett und schlief ein. Vermeintliche Minuten später wurde sie von einem Klopfen an der Tür wieder geweckt. Es war Sutton.

„Es ist Zeit, laufen zu gehen“, sagte er. „Pack deine Sachen.“

Siri sammelte ihre Sachen zusammen und stieß draußen zu den anderen. Als sie merkte, dass sie etwas vergessen hatte, stellte sie ihre volle Wasserflasche auf Suttons Auto und flitzte zurück zu ­ihrem Apartment. Als sie zurückkam, war nur noch ein Schluck ­Wasser in der Flasche. Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Sutton schnitt ihr das Wort ab.

„Das ist genug“, sagte er. „Das wird dir reichen.“

Sie fuhren den Berg hinunter. Unten angekommen verkündete Sutton den Athleten, dass sie aussteigen und nach Hause zurücklaufen sollten. Siri klappte die Kinnlade herunter. Hatte sie richtig verstanden? Sollte sie wirklich denselben 20-Kilometer-Anstieg hinauflaufen, den sie gerade nach dem härtesten Schwimmtraining ihres Lebens hochgeradelt war? Wut trieb Siri hinauf, aber gerade so.

Am Abend rief Siri ihre Mutter an. Sie hatte keine drei Worte ­gesagt, bevor sie zusammenbrach.

„Ich habe solche Angst, Mama!“, heulte sie.

Am nächsten Tag bat Sutton Siri, ihre Ziele zu umreißen. Siri ­zählte sie auf. Sie wollte ein Weltcup-Rennen gewinnen und noch mal eine amerikanische Meisterschaft und eine Medaille bei der ­Weltmeisterschaft. Während sie sprach, spannte sich Siris Körper an, ihre Stimme wurde gepresst und ihr Atem flach. Das blieb nicht ­unbemerkt.

„Weißt du was, Siri?“, sagte Sutton. „Vergiss das alles. Ab heute bist du im Ruhestand. So, wie du diesen Sport siehst und wie viel Druck du dir machst, ist das ganz falsch. Du hast mit Triathlon angefangen, weil du diesen Sport geliebt hast. Lass uns wieder dahin zurückkommen. Lass uns einfach einmal schauen, wie fit, wie schnell und wie stark Siri Lindley sein kann – und Spaß dabei hat.“

Ein unsichtbares Gewicht wurde plötzlich von Siris Schultern ­genommen, und es blieb eine Leichtigkeit des Seins, die sie lange nicht gefühlt hatte. Suttons Einladung, loszulassen und es einfach zu genießen, eine Triathletin zu sein, fühlte sich so natürlich und richtig an. Seltsamerweise erschien ihr die Aussicht, genauso weiter­zutrainieren, wie sie am Vortag gezwungen worden war, es zu tun, viel weniger angsteinflößend, sobald Siri aufgehört hatte, darüber ­hinaus zu denken.

Das Training wurde allerdings nicht leichter, sondern noch härter. Es war tatsächlich so, dass Siri trotz des intensiven Verlangens, als Triathletin etwas Großes zu erreichen, bisher nicht sehr hart trainiert hatte – nicht im Vergleich zu einigen der Frauen, Suttons Athletinnen eingeschlossen, die ihren Zielen im Weg standen. Siri wusste es nicht, aber es gibt jede Menge psychologischer Untersuchungen, die belegen, dass Menschen sich weniger anstrengen, ihre Ziele umzusetzen, je mehr Zeit sie investieren, über gewünschte Ergebnisse zu fantasieren – egal ob es eine Schulprüfung zu bestehen oder Gewicht zu verlieren gilt. Sie werden deswegen weniger wahrscheinlich Realität. Anders als beim Mentaltraining oder wenn man einen Sport im Ruhezustand im Kopf durchgeht, was nachweislich die Leistung steigert, ist das Fantasieren von einem ersehnten Ergebnis eine mal­adaptive Bewältigungsstrategie. Eine Strategie, die man assoziieren könnte mit dem mangelnden Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, dieses Ergebnis durch eigene Anstrengung zu erzielen. Siris nächt­liche Visualisierung der Olympischen Spiele in Sydney waren als ­Mentaltraining gedacht, wirkten aber aufgrund der unrealistischen Perfektion der Leistung, die sie sich vorstellte, wie eine Fantasie.

Unter Brett Sutton war Siri gezwungen, ihre Energie ins Tun statt ins Träumen zu stecken. Jeden Tag präsentierte ihr der Trainer eine ­Herausforderung, von der sie nicht glaubte, dass sie sie bewältigen könne. Aber jedes Mal überraschte sie sich selbst und fand einen Weg. Aus Tagen wurden Wochen, und Siri spürte, wie ihr Selbstvertrauen wuchs. Ihr früheres Verlangen, etwas Großes zu erreichen, verwandelte sich langsam in einen ruhigen, auf Nachweisen begründeten Glauben.

...

Ein Jahr später wurde Siri Lindley im kanadischen Edmonton Triathlon-Weltmeisterin auf der Kurzdistanz. „Das ist der großartigste Moment in meinem Leben!“, verkün­dete Siri. Wie es dazu kam, wie sich die weitere Zusammenarbeit mit Brett Sutton gestaltete und welche psychologischen Gründe ihr "Versagen" bei der Olympia-Qualifikation hatte, lesen Sie im Buch Siegen ist Kopfsache - die mentalen Erfolgsstrategien der Ausnahme-Athleten, das bei spomedis erschienen ist.