Die Wiederentdeckung des Körpergefühls

Der erste Wettkampf der Saison war ein gelungener Einstieg. Und zwei Trainingslager haben den Läuferbeinchen Kraft spendiert. Weniger als 100 Tage vor dem Ironman Hamburg ist unser Redakteur weiter auf Kurs.

Von > | 22. Mai 2017 | Aus: SZENE

Im Tal Zähne zusammenbeißen, oben wieder lächeln: Höhenmeter bringen Kraft und Abwechslung in lange Radausfahrten.

Im Tal Zähne zusammenbeißen, oben wieder lächeln: Höhenmeter bringen Kraft und Abwechslung in lange Radausfahrten.

Foto >Privat

Ich habe mir mit meinem Trainingslager im Frühjahr Zeit gelassen. Das war kein Zufall. Fuerte im Februar? Malle im März? In meiner ersten Triathlon-Saison wollte ich meinem Körper im Winter und Frühling ausreichend Zeit geben, um sich an das üppige Trainingsaufkommen zu gewöhnen. Daher entschied ich mich für einen Aufenthalt im Mohrenwirt-Hotel am Fuschlsee Anfang Mai und einer Folgewoche im warmen Südeuropa. Nicht für alle Triathleten ist die Destination in Österreich ein Begriff. Für mich war dort der Einstieg in die heiße Vorbereitungsphase ein voller Erfolg! Die geführte Trainingswoche war ein bunter Mix aus Schwimmen, Radfahren, Laufen, Koppeltraining, gutem Essen, Trainingstheorie und vielen netten Gesprächen (nicht nur über Triathlon). Rund 16 Trainingsstunden standen nach einer Woche im Tagebuch. Fast doppelt so viel, wie ich im Alltag zustande bringe.

Kein Trainingslager ohne Mutprobe: Bei einer Ausfahrt wagte ich mich in die „Expert“-Gruppe, die von Triathlonprofi Michi Göhner und Roman Deisenhofer vom Skinfit Racing Team auf ihren Zeitfahrrädern geleitet wurde. Ein beeindruckendes Natur- und Kraftschauspiel zeigte sich mir, als wir mit deutlich über 30 Sachen die Schönheit des Wolfgangsees, Attersees und Mondsees bestaunen konnten. Nach 120 Kilometer und einem 32,5er Schnitt hatte der Spaß ein Ende. Meine Energiereserven übrigens auch. Dabei habe ich nur am Hinterrad geklebt. Die Zahlenrecherche hat danach ergeben: Das war erst meine neunte Tour auf Asphalt, denn den Rest aller Einheiten bin ich tatsächlich auf der Rolle gefahren (ohne bleibende psychische Schäden davongetragen zu haben). Spätestens zu diesem Zeitpunkt drang die Erkenntnis durch: Es gibt doch einen Unterschied zwischen Rolle und Asphalt. Die Radwelt draußen funktioniert anders: Wind, Topografie und Verkehr lassen kein gleichmäßiges Fahren wie auf der Rolle zu. Jeder Anstieg kostet Kraft und muss verdaut werden. Sowas gibt’s auf der Rolle eben nicht. Meine Schlussfolgerung: Die Rolle verschwindet wieder in den Abstellraum.

Hinten ist die Ente fett: Im Windschatten von Michael Göhner (vorn rechts) rollt\'s sich hervorragend für unsere Redakteur (zweite Reihe rechts).

Hinten ist die Ente fett: Im Windschatten von Michael Göhner (vorn rechts) rollt's sich hervorragend für unsere Redakteur (zweite Reihe rechts).

Foto >Roman Deisenhofer

Die Wiederentdeckung des Körpergefühls

Einen Tag nach dem Aufenthalt im Mohrenwirt-Hotel stand der erste Wettkampf an: eine familiäre, aber sehr gut besetzte Sprintdistanz in Flensburg. Der Tag begann mit viel Drama: Als ich das Rad aus dem Kofferraum holte, sprang die Kette ab und damit auch der Magnet des Wattmessers. Toll! Ich wollte vor allem in Flensburg starten, um meine Aerodynamik auf den Prüfstand zu stellen. Nach dem Frust dann die Akzeptanz: Tja, dann halt einfach racen! In letzter Zeit habe ich mich sowieso etwas zu sehr auf Werte versteift. Jede Radeinheit musste sitzen – egal, ob an schlechten oder guten Tagen. Ein Leben ohne Wattmesser konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Aus Spielfreude am Sport wurde ein Zahlenfetisch. Das ist im Training sicherlich ungeheuer effektiv, und auf der Langdistanz ein probates Mittel für eine kluge Pacing-Strategie, aber auf der Sprintdistanz überflüssig.

Beim Check-in ging die Pannenserie weiter: Mein Reifen verlor sukzessive Luft. Das Übel war allerdings schnell gefunden: Die Ventilverlängerung der Hochprofilfelge saß nicht richtig. Eine bekannte Triathletin bot mir ihr Hinterrad an und mein Platznachbar gab mir seinen Schlauch – ich war von der Kameradschaft in der Wechselzone ehrlich begeistert. Doch etwas Feingefühl beim Drehen und eine Mischung aus Gebet und Fluchen genügten, damit der Reifen seine acht Bar im Wettkampf behielt.

Das Radfahren entwickelt sich gerade zur Paradedisziplin.

Das Radfahren entwickelt sich gerade zur Paradedisziplin.

Foto >Silke Insel / spomedis

Vor dem Start beschloss ich spontan, meiner Freundin die Sportuhr zu geben. Heute keine 100-Meter-Zeiten beim Schwimmen – der beste Bewegungssensor ist das eigene Körpergefühl. Irgendwie muss man sich die Wattpanne ja schön reden – im Kontext geht das leichter. Und so schwamm ich auch los: hart, aber nicht ohne Verstand. Vollgas ist sowieso nicht meins. Zu meiner Überraschung stieg ich beinahe zeitgleich mit unserem Herausgeber Frank Wechsel aus dem Wasser. Wir bereiten uns beide auf den Ironman Hamburg vor, doch ich erwischte einen glücklicheren Tag als Frank (zu seinem Rennbericht geht's hier), der mit Sicherheit nicht nur beim Schwimmen unter seinen Möglichkeiten blieb.

Ich brauche immer etwas, bis ich warm werde und in den Rennmodus komme. Je länger ich rolle, desto schneller werde ich – Typ Lawine. Auf dem Rad erwartete mich dann ein Gefühls-Chaos: Das erste Mal ohne Wattmesser seit Monaten. Später sehe ich in der Auswertung an der Geschwindigkeit, dass ich jeden Fünf-Kilometer-Abschnitt schneller geworden bin. Am Ende reichte es für die drittschnellste Radzeit – und endlich die Bestätigung meiner Laborwerte in der freien Wildbahn. Beim Laufen dann die eigentliche Überraschung: Seit Monaten laufe ich maximal einen Vierer-Schnitt, kaum schneller, und die Umfänge sind auch noch mäßig. Doch in Flensburg lief es richtig gut. Die Kilometersplits purzelten dennoch alle in 3:40 und schneller. Spricht für eine gute Pacing-Strategie auf dem Rad. Ein Hoch auf das Körpergefühl!

Fazit: Das erste Rennen seit fünf Monaten gewissenhaftem Triathlontraining birgt immer viele Unsicherheiten. Die Form in allen drei Disziplinen scheint zu passen. In jeder Disziplin konnte ich etwas mehr zeigen, als ich mir selbst zugetraut hatte. Das STAPS-Konzept scheint komplett aufzugehen. Mal sehen, wie ich mich auf der Mitteldistanz Ende Juni schlage. Der Wettkampf wird dann schon wesentlich aussagekräftiger sein, als der Sprint-Spaß in Flensburg. Doch noch wichtiger war für mich – mag es auch nach einer Plattitüde klingen – der Spaß am Renntag. Auch weniger als 100 Tage vor dem Startschuss des Ironman Hamburg ist die Motivation das A und O.

Zwei Athleten, eine Mission: Zusammen bereiten sich triathlon-Herausgeber Frank Wechsel und Redakteur Daniel Eilers auf den Ironman Hamburg vor.

Zwei Athleten, eine Mission: Zusammen bereiten sich triathlon-Herausgeber Frank Wechsel und Redakteur Daniel Eilers auf den Ironman Hamburg vor.

Foto >Lisa Kähler

„Antritte bis das Laktat aus der Nase läuft“

Einen Tag später. Die Zielsetzung fürs Trainingslager in südlichen Gefilden war klar: Spitzen, Spitzen, Spitzen – bis das Laktat aus der Nase läuft. Jeden Anstieg mit 300 Watt und mehr, bis die hohen Wattzahlen nicht mehr mürbe machen. Und: Lang, länger, Königsetappen. Immer wieder höre ich: „Der Ironman beginnt ab Kilometer 120.“ Tja, wenn das so ist, muss ich halt mehr als 120 Kilometer fahren. Deswegen plante ich entspannte Kaffee-Fahrten mit 90 bis 100 Kilometer und konzentrierte mich auf drei qualitative längere Touren zwischen 150 und 180 Kilometer. Der erste 180er war mit wenigen Kohlenhydraten noch human. Der 150er Mitte der Woche fing locker an und endete die letzten 15 Kilometer im Renntempo, gefolgt von einem 8-km-Koppellauf, ebenfalls im Ironman-Tempo (vielleicht auch schneller?). Und den finalen 180er mit 2.000 Höhenmetern am letzten Tag fuhr ich gesteigert. Dafür suchte ich mir eine nette und verkehrsarme Runde mit einigen Höhenmetern, die ich viermal fuhr. Die erste Runde moderat, die zweite etwas zügiger, die dritte mit Druck und die letzten 1,5 Stunden fegte ich sogar über Ironman-Leistung über den sonnengefluteten Asphalt. Die Angst vor der Länge des Radfahrens ist seitdem passé.

Nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei Königsetappen krönten meine bisher anstrengendste Trainingswoche. Für die letzte Einheit wird Coach Marc mir sicherlich noch Straf-Ruhetage verschreiben. Im Trainingsalltag werde ich allerdings wieder auf meinen Wattmesser und Coach hören – sonst bin ich bis Hamburg kaputt.