Meine Woche der Wahrheit

Eine Leistungsdiagnostik ist so etwas wie der Blick in die Glaskugel. Denn die Werte verraten schonungslos, in welcher Verfassung man ist, und ob die gesteckten Ziele realistisch sind. Unser Redakteur zeigte sich nach der Bestandsaufnahme zufrieden.

Von > | 17. Dezember 2016 | Aus: SZENE

Leistungsdiagnostik bei STAPS in Hamburg: Beim Rampentest erhöht sich die Leistung alle 30 Sekunden um 25 Watt.

Leistungsdiagnostik bei STAPS in Hamburg: Beim Rampentest erhöht sich die Leistung alle 30 Sekunden um 25 Watt.

Foto >Frank Wechsel / spomedis

Der letzte Blog-Eintrag liegt schon etwas zurück. Aber nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe, sondern weil ich tatsächlich gut und mit viel Spaß trainieren konnte. Die erste Erkenntnis nach vier Wochen strukturiertem Training: Die Vorbereitung auf eine Langdistanz ist ziemlich besitzergreifend. Viel Zeit für anderes bleibt nicht, nach dem Training ist vor dem Training – nicht selten auch am selben Tag. Insgesamt 35 Trainingsstunden sind in den letzten vier Wochen zusammengekommen. Damit bin ich als Läufer beinahe zweieinhalb Monate hingekommen.

Fast die Hälfte der Zeit entfiel aufs Rollentraining. Ja, man erklärt mich Zuhause, auf der Arbeit und jetzt sicherlich auch im Internet für irre, aber ich bin vom Indoortraining überzeugt, weil es zeitsparend und hoch effektiv ist. Außerdem ist man nicht an Tageszeiten und Wetterverhältnisse gebunden. So konnte ich bei den „langen Ausfahrten“ die Fernsehübertragung des Ironman Hawaii schauen und endlich mal die letzte Staffel von House of Cards finishen, oder um 6 Uhr morgens während der eineinhalbstündigen Fahrt wach werden. Stabi-Training ist mittlerweile kein Synonym mehr für Ruhetag, sondern zur abendlichen „Mannequin Challenge“ geworden. Es hätte meinetwegen so weitergehen können, doch letzte Woche wollte mein Trainer Marc Sauer meiner Wohlfühloase ein Ende setzen: Er ordnete eine Leistungsdiagnostik zur Standortbestimmung an.

Die gute oder die schlechte Nachricht zuerst? Die schlechte: Laufen hätte etwas besser sein dürfen. Ich wusste, dass ich aufgrund einer zähen Verletzungen und nur wenigen Laufkilometern nicht die Form habe, von der ich so gern träume. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Werte nun auch nicht so schlecht waren. Es ist eher das leidige Thema: Wenn man schon mal besser war, will man nicht wahrhaben, dass man auch mal schlechter ist. Das Ergebnis: Die Schwelle liegt bei 3:42 min/km und die prognostizierte Solo-Marathonzeit bei 2:51 Stunden. Tja, wer nicht läuft, tritt auf der Stelle. Trotzdem zehre ich offenbar immer noch von schnellen Laufzeiten aus der Vergangenheit – eine Ausgangsposition, die sich mit regelmäßigem Training hoffentlich noch verbessern lässt.

Umso überraschender war das Ergebnis auf dem Rad. Zwar war beim Maximaltest nach traurigen 700 Watt Schluss, aber die Langdistanz ist ja auch kein Sprint und die Radstrecke des Ironman Hamburg wellig, aber nicht bergig. Der Rampentest startete bei 150 Watt und steigerte sich alle 30 Sekunden um 25 Watt bis zur völligen Erschöpfung. Wohin sollte die Reise mit ein paar Tausend Lebenskilometern gehen? Erst bei der Hälfte der 475-Watt-Stufe war Schluss, 450 Watt konnte ich unter Keuchen noch durchfahren. Ergebnis: Schwelle bei 293 Watt. Das Resultat hat mich völlig verblüfft, aber stellte sich als Pyrrhussieg heraus: Das Training wird jetzt härter, weil sich die Trainingsbereiche um 30 Watt verschieben. Merke: Je mehr man sich bei der Leistungsdiagnostik anstrengt, desto mehr muss man sich im Training anstrengen – fairer wäre es umgekehrt.

Ach, und Schwimmen? Gehe ich natürlich auch noch — mein Glück, dass es für die erste Disziplin keine Diagnostik gibt, sonst würde der doch ganz gute Gesamteindruck leiden. Ich denke, die Wettquoten des „Sub-10-Stunden-Projekts“ haben sich nach der ersten Bestandsaufnahme zu meinen Gunsten verschoben. Der Blick in die Glaskugel verrät mir aber auch: Am Tag X sind Zeiten- und Zahlenspiele Schall und Rauch. Deswegen bleibe ich meiner Trainingseinstellung treu: Jede Einheit so nehmen, als wäre es die einzige – Einheit für Einheit, Tag für Tag.