"You are an Ironman!"

2.500 Triathletinnen und Triathleten waren bei der Premiere des Ironman Hamburg am Start. 2.500 Geschichten wurden am vergangenen Sonntag geschrieben - das ist die von Frank Wechsel.

Von > | 18. August 2017 | Aus: SZENE

228 Kilometer für vier magische Worte: Meine Story.

228 Kilometer für vier magische Worte: Meine Story.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

4 Uhr morgens. Der Wecker klingelt und ich bin sofort hellwach. Zwei Stunden habe ich geschlafen. Geschlafen? Nun ja ... Drei T-Shirts habe ich durchgeschwitzt. Egal. Ich bin hellwach. Es ist Renntag. Vor 20 Jahren hatte ich an einem solchen Morgen Angst. Jetzt habe ich Lust. Denn ich weiß: Ich bin gut vorbereitet, vielleicht besser als je zuvor. Schneller als damals bin ich sicher nicht, aber mein Hauptziel für dieses Projekt war ja: Ich möchte an diesem 13. August 2017 zu den fittesten 40-Jährigen im Lande gehören. Wenn man sich die Reste einer flüchtigen Erkältung wegdenkt, kann ich feststellen: Ziel erreicht. Schon vor dem Start.

Lasset die Spiele beginnen!

Schnell drei Scheiben Toast. Mit Marmelade. Danach nur noch flüssig. Der Countdown läuft: Heute werde ich ein Ironman, zum ersten Mal im echten Erwachsenenalter. Ich weiß, was ich trainiert habe. Die Zeit bis hierher möchte ich nicht missen. Heute kommt das i-Tüpfelchen. Um 5 Uhr steigen wir ins Auto. Meine Frau fährt, ich sitze auf dem Beifahrersitz, Kapuze über den Ohren, etwas Musik, etwas dösen. Meine Jungs und mein Bruder auf der Rückbank sind ebenso in diesem Schwebezustand zwischen Restmüdigkeit und Vorfreude. Lasset die Spiele beginnen!

Um 5:30 Uhr kommen wir in der City an. Wir parken keine 100 Meter von meinem Rad entfernt. Wie gut, wenn man sich auskennt! Schnell in die Wechselzone, Abdeckfolie weg, Luft aufpumpen. Eine Strategieänderung noch: Es wird nicht zu warm werden heute und der Teppich in der Wechselzone ist klitschenass. Ich werde mit Socken fahren - und die sollen trocken bleiben. Also noch schnell die Radschuhe in den Wechselbeutel und nachher die 500 Meter auf Cleats. Besser als auf nassen Socken.

Noch eine Stunde bis zum Start: Früher hatte ich Angst. Heute Lust.

Noch eine Stunde bis zum Start: Früher hatte ich Angst. Heute Lust.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

6 Uhr. Ich stehe in der Schlange vor den Dixis. Warum dauert das bei all den anderen so lange? Ich bin endlich dran. Die Ernährungsstrategie der letzten beiden Tage hat funktioniert: Mein Darm ist leer. Und die Energiespeicher fühlen sich voll an. Was habe ich für einen digitalen Shitstorm ernten müssen nach den Fotos der Softdrinkflaschen und Gummibärchentüten vom Freitag. Ich würde ein ganzes Jahr hartes Training kaputtmachen, behaupteten einige. Den echten Shitstorm höre ich nun aber aus den Dixiks links und rechts - und in diesem Moment weiß ich: Ich habe alles richtig gemacht. 

6:30 Uhr. Auf zum Start. Der Rennanzug sitzt, die Haut ist dort geölt, wo es nötig ist. Ich ziehe meinen Trainingsanzug aus - und meine Familie ihre Jacken. Sie haben sich heimlich T-Shirts bedrucken lassen, schwarz mit goldenen Lettern: FRANK steht dort drauf und meine Startnummer 398. Ich freue mich über so viel Support, den ich schon das ganze Jahr über auf meiner Seite wissen durfte. So kann nichts schiefgehen.

6:40 Uhr. Auf dem Jungfernsteg sind Blöcke abgegittert, über dem ersten steht "< 1:05". Der Startbereich für alle, die sich eine Zeit von unter 65 Minuten für die 3,8 Kilometer im Alsterwasser vorgenommen haben. Da gehöre ich hin. Schwupps, plötzlich bin ich im Vorstartbereich. Das ging ja schnell, unspektakulär und hanseatisch, ich hatte es aus vielen Jahren Triathlon-Berichterstattung epischer erwartet. Trotzdem spüre ich meinen Puls, in Zahlen möchte ich gar nicht wissen, was momentan schon in mir abgeht. Ich stehe weit vorn am Ufer, und plötzlich wird der Block am oberen Ende nahe der Straße geöffnet. Ein Teilnehmer neben mir öffnet das Gitter vor uns, ich schlüpfe durch - und stehe plötzlich in der allerersten Reihe vor der Zeitmessmatte. Wow, jetzt ist das volle Rennfeeling da. Streckensprecher Till Schenk sieht mich und spricht durch alle Lautsprecher rund um die Alster: "triathlon-Herausgeber Frank Wechsel ist am Start und hat sich richtig was vorgenommen: Er schwimmt sogar mit Badelatschen." Stimmt, da war noch was. Und Ironman-Deutschland-Chef Björn Steinmetz kommentiert meine Startposition: "Frank, Respekt! Wenn man so ein Projekt vorhat, muss man auch mal Eier in der Hose haben."

Pole Position: In der ersten Startreihe stehe ich mit Luis Alvarez aus Mexiko. Ich habe seit 19 Jahren keine Langstrecke mehr bestritten. Luis inzwischen 147.

Pole Position: In der ersten Startreihe stehe ich mit Luis Alvarez aus Mexiko. Ich habe seit 19 Jahren keine Langstrecke mehr bestritten. Luis inzwischen 147.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Die Profis sind inzwischen unterwegs, der Countdown für uns Agegrouper läuft. Auf Facebook hatte ich zwei Tage zuvor eine kleine Umfrage gestartet: Welches ist der Powersong, der bei euch zuletzt aus dem Kopfhörer kommt, bevor ihr ihn am Rennmorgen absetzt?" Meiner ist "Hinunter bis auf Eins" von Unheilig - und genau den spielen sie jetzt. Für mich und die 2.499 anderen. Es geht los!

Der Start: Auf in die letzten 228 von zehntausend Kilometern einer spannenden Reise!

Der Start: Auf in die letzten 228 von zehntausend Kilometern einer spannenden Reise!

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

3,8 Kilometer durch die Alster: Das Schwimmen

6:50 Uhr: Der Startschuss. Ich laufe über die Zeitmessmatte, die Rampe in die Alster hinab und springe hinein - der erste Agegrouper, der den Ironman Hamburg in Angriff nimmt. Im 2,2-Sekunden-Rhythmus werden hinter mir fünf Ironmen in spe auf die Strecke gelassen. Meine Führung währt nicht lange, aber das Schwimmen fühlt sich gut an. Durch die Kennedy- und Lombardsbrücke müssen wir hinaus auf die Außenalster. Dort zeigt sich erstmals die Sonne über den Wolken - jetzt ist es dann doch episch. Am Ufer erkenne ich den älteren meiner Söhne an Shirt und Jacke: Ich winke, einen Zug, zwei Züge, dann konzentriere ich mich wieder auf den Vortrieb.

Um den Titel \"First out of the water\" zu erringen, braucht es Talent und viele Trainingskilometer. Für \"First into the water\" reichen Eier in der Hose.

Um den Titel "First out of the water" zu erringen, braucht es Talent und viele Trainingskilometer. Für "First into the water" reichen Eier in der Hose.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Ich kraule vor mich hin, das Tempo wirkt flott, aber nicht zu schnell. Eine Stunde wollte ich schwimmen, beim Landgang nach zwei Dritteln der Strecke habe ich 40 Minuten auf der Uhr: Passt! Und einen leichten Krampf. Hoffentlich geht das wieder weg!

Die zweite Schwimmrunde führt durch die Binnenalster, man kann die Zuschauermassen erahnen. Durch die Reesendammbrücke, 40 Meter Dunkelheit, geht es in die Kleine Alster und zum Schwimmausstieg am Rathausmarkt. Ich lasse mich auf der Rampe von starken Armen in die Senkrechte verhelfen, die Uhr zeigt 57 Minuten und 54 Sekunden, als ich zum ersten Mal draufschaue: Jawoll, das läuft!

Auch ich laufe nun, durch das enge Zuschauerspalier Richtung Wechselzone. Mein Beutel ist am Ständer der dritte von rechts in der unteren Reihe, ich greife zu, kontrolliere die Nummer, sitze kurz darauf im Wechselzelt - und alles dreht sich. Das Schwimmen hat seine Spuren hinterlassen, der Kreislauf rast, die Handgriffe sitzen trotzdem. Neo aus, den Pulsgurt, der sich unterwegs geöffnet hatte, wieder schließen. Trikot zuziehen. Helm auf, Socken an, Schuhe darüber, Startnummer auf den Rücken - und auf geht's, auf Cleats bis zum Rad. Das wird nur schnell gegriffen und weiter geht es bis zum Ausgang der Wechselzone: Aufspringen und ab in den Tunnel.

182 Kilometer Hafen und Hügel: Das Radfahren

Den Tunnel gibt es wirklich, er versaut von Beginn an den Schnitt, da die Zeit schon läuft, aber ohne GPS-Signal keine Distanz gemessen wird. Also zeigt der Tacho immer weniger Durchschnittsgeschwindigkeit an, als ich wirklich habe. Und auch sonst fühlt es sich komisch an: Es geht erst mal lange gegen den Wind, bei nur 11 Grad über dem noch nassen Körper. Nicht gut, um den Rhythmus zu finden. Selbst auf den langen Geraden fällt es mir schwer, den angepeilten Wattbereich zu treffen. Und wenn ich drin bin, fühlt sich das Tempo auch noch langsamer an als im Training. Dann die Köhlbrandbrücke, der Schnitt geht weiter runter. Gegenwind, Harburg, lange Steigungen ... Das Rennen läuft schon eine ganze Weile und der angezeigte Schnitt liegt bei 33. Nicht das, wofür ich so hart trainiert habe.

Windspiele: Die Radstrecke ist unrhythmisch - aber das gilt ja für alle.

Windspiele: Die Radstrecke ist unrhythmisch - aber das gilt ja für alle.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Aber dann: Die Höhenmeter, die man erklommen hat, geht es irgendwann auch wieder runter. Am höchsten Punkt der Strecke warten die Kollegen von STAPS, die mich durch das Jahr gecoacht haben. Wenn ich den Kopf mal hochnehme, sehe ich das eine oder andere bekannte Gesicht - auch das des Kollegen Marcus Baranski, der mir mit eindrucksvollen Gesten bedeutet, ich solle den Kopf doch wieder runter nehmen. Er muss es wissen, gestern hat er sich für die WM der Zeitfahrer qualifiziert.

Es geht zurück nach Hamburg, ich hatte gedacht, dass es sich bis hierhin besser anfühlen würde. Habe ich überzockt? Die zweite Runde wird es zeigen. Als ich am Ende der ersten aus dem Tunnel komme, bin ich überwältigt: So viele Zuschauer. Der Ironman ist in meiner Heimat Hamburg angekommen, ich freue mich auf später. Aber ich freue mich auch, als ich auf meinen Tacho blicke: 2:26 Stunden für die erste 91-Kilometer-Schleife. Yes, zurück in den Tunnel für die zweite Schleife.

Die Einsamkeit der Nordheide.

Die Einsamkeit der Nordheide.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Allerdings habe ich die Befürchtung, dass diese zweite Runde länger dauern wird. Der Wind wird böser, der Himmel grauer, mir immer noch nicht richtig warm. Erneut der Hafen mit all seinen Gerüchen (um es mal positiv auszudrücken), die Köhlbrandbrücke, der Weg nach Harburg und die lang gezogenen Steigungen in das, was wir Hanseaten Berge nennen. Immer wieder kommt es zu gegenseitigen Überholvorgängen mit den immergleichen Athleten: Das Pacing scheint also irgendwie zu stimmen. Und: Rund um mich zu wird sehr fair gefahren - danke, liebe Mitstreiter! Ich kann weiter in den geplanten Wattbereichen fahren, meine Bordverpflegung funktioniert, nur selten nehme ich Wasser von außen dazu. Von oben kommt auch zwischenzeitlich Wasser, aber das stört nun auch nicht mehr. Die zweite Runde wird langsamer als die erste, hier und da zwickt es, der Rücken und Po werden fest und ich freue mich auf das Laufen. Ich nehme am Ende etwas Druck raus, es wartet ja noch ein Marathon. Bei 4:57 Stunden passiere ich die 180-Kilometer-Marke, drei Minuten später bin ich nach 182 Kilometern wieder aus dem Tunnel und vor der Wechselzone. Ich springe vom Rad, laufe auf den Teppich und merke: Die Beine sind gut, von Krämpfen keine Spur. Doch jeder, der einmal ein Rennen über eine solche Distanz absolviert hat, weiß: Jetzt geht es richtig los!

Radsplit nach 182 Kilometern: Fast genau fünf Stunden, ein Schnitt von 36,3 km/h.

Radsplit nach 182 Kilometern: Fast genau fünf Stunden, ein Schnitt von 36,3 km/h.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Den zweiten Beutel finde ich wieder leicht. Schneller Sockenwechsel, das Regenpaar hat ausgedient. Ich entscheide mich für die Laufbrille, aber gegen die Sonnenmütze. Das Trinkfläschchen ins Trikot, die Schuhe an - und auf geht es.

42,195 Kilometer durchs Zuschauerspalier: Der Marathonlauf

Für mich ist das jetzt eine entscheidende Phase des Rennens. Bei meinem Test in Rapperswil über die halbe Distanz vor zwei Monaten habe ich auf den ersten Laufkilometern Seitenstiche bekommen, die ich kaum wieder losgeworden bin. Alles sprach dafür, dass das mit der Ernährung zu tun hatte - also war die Strategie für heute, etwas ins Risiko zu gehen: In den letzten 15 Minuten auf dem Rad keine Energie mehr aufnehmen und beim Laufen erst dann, wenn ich mich gefestigt habe. Also laufe ich los, durch die ersten Verpflegungsstationen durch. Die Temperaturen lassen das heute zu, zum ersten Mal freue ich mich, dass es nicht so heiß ist. Und das Energieloch tut sich auch nicht auf. Ich laufe drei Kilometer im 4:30er-Tempo, was sich heute gar nicht so schnell anfühlt. Dann fange ich mich im angepeilten Bereich zwischen 4:40 und 4:50 Minuten. Nach fünf Kilometern wage ich kurz vor der Verpflegungsstation einen ersten Schluck aus meiner Flasche mit meiner Spezialmischung, dann mit Wasser nachspülen - es scheint zu funktionieren. Der erste Wendepunkt nach fünfeinhalb Kilometern ist bald erreicht - und die Stimmung großartig! 

Denn dieser Marathon wird mir als eines der emotionalsten Sporterlebnisse in Erinnerung bleiben: So viele bekannte Gesichter, so viele Menschen, die meinen Namen rufen! Meine Familie steht an der Strecke, enge und fernere Freunde, Kollegen aus dem Verlag, viele Menschen, die wie ich das Privileg genießen, ihren Beruf im Umfeld dieses tollen Sports ausüben zu dürfen. Die Hamburger Vereine, aus denen ich auch viele Triathleten kenne, haben ihre Stimmungsnester aufgebaut. Schon vor dem Rennen haben mir viele, die mein Blog gelesen haben, Glück gewünscht - und auch die feuern mich heute ebenso an wie diejenigen, die einfach meinen Namen auf der Startnummer ablesen. So etwas habe ich tatsächlich noch nie erlebt.

Auf der Marathonstrecke: Bei so vielen bekannten Gesichtern kommt Freude auf!

Auf der Marathonstrecke: Bei so vielen bekannten Gesichtern kommt Freude auf!

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Und während ich mich so darüber freue, habe ich auch schon die erste der vier Runden hinter mir. Rund um die Binnenalster geht es durch ein dichtes Zuschauerspalier, an der Außenalster gleicht es eher einem Picknickfestival. Auf dem Hinweg der zweiten Runde überholt mich mein Kollege Daniel Eilers. Jemand ruft noch: "Jetzt dranbleiben!" Aber zwischen seinem fliegenden Schritt und meinem Trott liegen Welten, auch wenn ich weiterhin mit deutlich unter fünf Minuten pro Kilometer unterwegs bin. Das Tempo halte ich bis Kilometer 17 - ich habe mich zu einem kurzen Boxenstopp entschieden. Die Blase drückt zunehmend und ich habe Sorge, im Unterleib zu verkrampfen. Irgendwann fällt die Entscheidung, dass sich die verlorene Zeit durch die Pipipause bald rechnen würde - es soll die einzige zwischen Start und Ziel bleiben.

Die zweite Runde geht zu Ende: Halbmarathon! Ich weiß, wo ich so ungefähr im Feld liege. Vielleicht brechen die anderen ja ein und ich nicht? Es soll anders herum kommen. Schon auf den ersten Metern der dritten Runde merke ich, dass jetzt der Kampf beginnt. Und nur, wer einmal ein solches Rennen absolviert hat, weiß, wovon ich nun rede. Es ist das Jonglieren mit den Empfindungen eines hässlichen Schmerzes, des bis hierhin unbezwungenen Willens, der dahinerodierenden Motivation und Euphorie und dem stärker werdenden Wunsch, einfach mal sitzen und weinen zu dürfen. Dieses Maß an Leidensfähigkeit lässt sich im Training nicht sinnvoll simulieren - es würde nur die Angst vor dem Wettkampf schüren. Jetzt ist der Kopf gefragt. All die Zuschauer, die dich eben noch getragen haben, sind nun so verdammt weit weg und du stehst ganz allein vor der Frage: "Wie sehr will ich das jetzt wirklich? Wie sehr bin ich bereit, diese Schmerzen auszuhalten und weiterhin bewusst und aktiv Vortrieb in jeden Schritt zu stecken?" 

Es gibt keinen frühen K.-O.-Sieg im Kampf zwischen Schmerz und Wille. Mal liegt der eine in Führung, mal der andere. Meine Tempokurve verläuft wellenhaft. Und ich habe das Gefühl, mir fehlt Energie. Die Ration im Fläschchen, mit der ich über den Marathon kommen wollte, habe ich nach drei von vier Runden aufgebraucht - wie gut, dass ich Eigenverpflegung deponiert habe. "Nur noch eine Runde", sage ich mir, "du hast doch schon drei davon gepackt!" Ja, ich breche ein. Aber ich platze nicht. Ganz kurze Gehpausen gibt es nur an der einen oder anderen Verpflegungsstation, dazwischen laufe ich. Mal mit einem Tempo jenseits der 5:30 Minuten pro Kilometer, dann auch mal wieder darunter. Ich rechne aus, wie lange diese Qual bei einem Resttempo von sechs Minuten pro Kilometer wohl noch dauern würde, beschließe, dass mir das zu lang ist - und habe bei all diesen Überlegungen schon wieder 500 Meter geschafft. Ich bekomme Höhenflüge, bei denen ich wieder unter fünf Minuten pro Kilometer laufen kann, und renne kurz darauf gegen Mauern. Ich denke an den großen Andreas Niedrig, der wegen einer Verletzung nicht dabei sein kann und mir gestern auf die Mailbox gesprochen hat: "Jeder verfickte Kilometer, der so weh tut - denk daran: Jeder von uns, der nicht starten kann, hätte den gerne!" Es ist wirklich ein verdammtes Privileg, jetzt und hier so leiden zu dürfen!

Das Ziel in Sicht

Dann ist der letzte Wendepunkt erreicht, es geht nach Hause - und ich kann noch einmal etwas aufdrehen. Ja, ich werde diesen ersten Ironman in Hamburg und meinen ersten nach 19 Jahren finishen - und zwar sehr bald! Und dann bin ich auch schon an der Binnenalster. Vor dem Hotel Vier Jahreszeiten. Am Jungfernstieg. Neuer Wall, Poststraße: Die Zielgerade, nicht nur dieser 228 Kilometer, sondern der rund zehntausend, die ich seit der Bekanntgabe des Rennens trainiert habe. 

Die letzten Meter. Und Till Schenks Worte: \"You are an Ironman!\"

Die letzten Meter. Und Till Schenks Worte: "You are an Ironman!"

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Von Weitem sehe ich den Südafrikaner Paul Kaye auf dem Sprecherturm, den ich von vielen Ironman-Reportagen kenne. Und er sieht mich, moderiert mich an. Die Zuschauer freuen sich mit mir. In der engen Zielgasse dann Moderator Till Schenk, der kurz meine Geschichte erzählt, als ich an ihm vorbeilaufe - und mir noch hinterherruft: "Frank, ich muss dir noch was sagen!" Ich drehe mich um und Till ruft durch das Mikrofon: "You are an Ironman!" Es sind diese magischen Worte im Zielkanal eines Rennens, die Hunderttausende in aller Welt motivieren, jeden Tag da rauszugehen und hart zu trainieren. Und ich habe sie gerade gehört. Wahnsinn, Gänsehaut! 

Die Zuschauer klatschen, ich klatsche zurück - und sehe nach einer Marathonzeit von 3:32 Stunden endlich den Zielbogen, darunter meine Kinder mit den Shirts, auf denen FRANK und 398 steht. Ihr Tag war genauso lang wie meiner, die Wiedersehensfreude ist gigantisch. Die Tränen, die ich nun kullern lasse, sind hart erkämpft. 

Papa ist wieder da: Die große Wiedersehensfreude!

Papa ist wieder da: Die große Wiedersehensfreude!

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Von Null auf Ironman - dass das möglich sein würde, war mir schon klar. Wenn mir aber vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass dieser Weg mit einer Zeit von 9:40:21 Stunden enden würde, hätte ich ihm nicht geglaubt. Fünf Tage sind zwischen dem Ironman Hamburg und dem Verfassen dieser Zeilen vergangen. Einen Rennbericht zu schreiben fiel mir nun einfach, auch wenn er sehr lang geworden ist. Die vielen Erlebnisse und Ergebnisse einzuordnen ist dagegen nicht so einfach - dafür brauche ich noch ein paar Tage. Ich werde mein Blog zum Ironman Hamburg zu gegebener Zeit damit abschließen. Mit den Gedanken darüber, was bleibt - versprochen!

In einem Jahr von 0 auf 9:40:21 Stunden - vielen Dank an alle, die dazu beigetragen haben!

In einem Jahr von 0 auf 9:40:21 Stunden - vielen Dank an alle, die dazu beigetragen haben!

Foto >FinisherPix