Zehn Tage nach dem Ironman-Finish: Was bleibt?

Ein Jahr hat unser Herausgeber Frank Wechsel auf den Ironman Hamburg trainiert, sich von Null auf 9:40:21 Stunden gesteigert. Was bleibt nach diesem Projekt?

Von > | 23. August 2017 | Aus: SZENE

Papa ist wieder da: Sekunden nach dem Zieleinlauf beim Ironman Hamburg.

Papa ist wieder da: Sekunden nach dem Zieleinlauf beim Ironman Hamburg.

Foto >Nils Flieshardt / spomedis

Vor etwa einem Jahr habe ich beschlossen, den ersten Ironman Hamburg zu finishen. Meine erste Langdistanz nach 19 Jahren. Und zwar so schnell, wie man es innerhalb eines Trainingsjahres schaffen kann. Das Projekt endete vor zehn Tagen, am 13. August 2017, auf dem Hamburger Rathausmarkt mit einer Zeit von 9:40:21 Stunden und Gesamtplatz 90 von 2.500 Teilnehmern.

Ich bin nicht der erste Mann über 40, der sich ein solches Projekt vorgenommen hat. Es muss ja nicht immer Ironman sein. Andere arbeiten genauso hart daran, durch den Ärmelkanal zu schwimmen, die Goldberg-Variationen zu spielen, ihren ersten Roman zu beenden oder Japanisch zu lernen. Was wäre das Leben ohne Herausforderungen? Geistige und körperliche Rente mit 40? Nicht mit mir!

Triathlon nimmt. Triathlon gibt.

Ich habe in dieses Jahr viel investiert, aber noch viel mehr zurückbekommen. Und ich habe enorm dazu gelernt – vieles davon wird ganz bestimmt in die Programm- und Inhaltsplanung meines Verlags Einzug nehmen und damit allen Triathleten und Noch-nicht-Triathleten zugute kommen. Die Learnings dieses unglaublich erfüllenden Jahres nur auf die sachlichen Inhalte zu beschränken, greift aber viel zu kurz. Ironman ist nicht nur das Hintereinanderabsolvieren von 3,8 Kilometern Schwimmen, 182 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern laufen. Ironman prägt. Und vieles, was ich lernen und erfahren durfte, funktioniert im Alltag genauso wie im Sport.

Meine Learnings aus dem Ironman-Jahr

Das Zieltor auf dem Hamburger Rathausmarkt war am Anfang noch so verdammt weit weg. 328 Tage vor dem Start habe ich meinen ersten Beitrag in dieser Serie geschrieben. Trotzdem war es immer da. Die Bedeutung von Zielen und Etappenzielen ist mir wieder klar geworden – und die braucht man nicht nur im Sport.

Ich habe in dem Jahr neu gelernt, Dinge zu gewichten und mit vielen gelassener umzugehen. Das bedeutet nicht, dass sie mir egal wären – aber ein so starker Fokus auf eine Sache lässt nicht zu, sich über zu viele andere aufzuregen. Diese Eigenschaft möchte ich mir bewahren.

Auch habe ich in diesem Projekt den Teamgedanken neu erlebt. Das klingt seltsam, da sich viele der Beteiligten nie gesehen haben. Vielleicht ist Team auch gar nicht der richtige Ausdruck – ich habe es geschafft, ein Netzwerk aufzubauen, das schließlich zum Erfolg geführt hat. Für diese Erfahrung bin ich allen Beteiligten unendlich dankbar.

In dem Moment, wo ich mich als bis dato langjähriger Gelegenheitssportler entschieden hatte, den Ironman Hamburg zu finishen, war mir klar, dass ich das schaffen würde. Die Angst vor der eigentlich unglaublichen Distanz war im Moment der Entscheidung verschwunden. Jetzt ging es nur noch um das Tempo. Die Optimierung aller Puzzleteile und das Zusammenfügen dieser zu einem großen Ganzen ist eine tolle Herausforderung. Zum Beispiel: Am Anfang gibt es das Rad und dich. Eckig, kantig, ungewohnt. Dann kommen Rollentraining, FTP-Tests, Leistungsdiagnostiken, Bikefittings, Ernährungsstrategien, Tuning- und Schrauberstunden, Materialentscheidungen, Diskussionen und Selbstgespräche – und diese unglaubliche Erfahrung, wie sich das alles in Geschwindigkeit umsetzen lässt. Flow nennt man das dann wohl.

Je näher der Wettkampf rückt, umso klarer wird die Erwartung, dass er weh tun wird. Verdammt doll sogar. Dass ich selbst es sein werde, der mir diese Schmerzen zufügt. Und dass ich ganz allein damit umgehen muss – und zwar ganz klar und aus voller Überzeugung: ohne Schmerzmittel, wie sie laut vielen Studien im Ausdauersport durchaus gebräuchlich sind! Statt Ibuprofen braucht man am Tag X Bewältigungsstrategien, um nicht zu scheitern. Die Beschäftigung mit diesen Gedanken ist eine fast philosophische. Ich glaube, dass ich das für den Wettkampf sehr gut hinbekommen habe. Was ich aber (wieder einmal) nicht geschafft habe ist, in der Rennwoche die innere Ruhe zu haben, um gut schlafen zu können. Obwohl ich wusste, dass ich alles getan hatte, um ein tolles Rennen abzuliefern, war da diese innere Unruhe, die ich schon von meinen fünf Langstrecken 1995 bis 1998 kannte.

Die Liste der Dinge, die ich aus diesem Jahr mitgenommen habe, ließe sich nahezu unendlich weiterspinnen. Und hey, ganz nebenbei: Wir Triathleten sind doch verdammt eitel. So ein Knackpo fühlt sich toll an. Selbst wenn es der eigene ist.

Mit gutem Beispiel voran

Das Projekt Ironman Hamburg ist abgeschlossen. Meinen Kindern möchte ich weiterhin ein Vorbild sein. Ich habe ihnen und mir selbst gezeigt, was man mit Wille, Beharrlichkeit und Fleiß bewegen kann. Ich habe vorgelebt, was es heißt, mit Leidenschaft für ein Ziel zu brennen. Tagtäglich haben sie Einblick darin erhalten, wie man mit einem aufgeklärten Geist und mit der Anwendung der Erkenntnisse der Naturwissenschaften vorankommen kann. Respekt und Fairness lernen Kinder nicht nur, aber auch, durch Sport.

Wie gesagt: Ich möchte meinen Kindern ein Vorbild sein. Aber kein abschreckendes. Nicht der Papa, der aus Egoismus wegen seines Hobbys nie zu Hause ist. Und vielleicht nie mehr nach Hause kommt: Ein glücklicherweise glimpflicher Crash und drei Beinahe-Unfälle haben mir sehr zu denken gegeben.

Wenn ich in meinem Verlag eine Bewerbung lese, die mit der Plattitüde beginnt, dass jemand sein Hobby zum Beruf machen möchte, dann habe ich Bedenken. Denn es handelt sich immer noch um einen Beruf, eine Berufung, eine Profession, für die Interesse an der Sache wichtig, aber nur eine der vielen Voraussetzungen ist. Viele Bewerber bringen die anderen Voraussetzungen nicht mit. Ich durfte in diesem Jahr meinen Beruf zum Hobby machen und hoffe, dass auch meine Kinder eines Tages eine solche Erfüllung finden – ob mit oder ohne Sport, bleibt allein ihnen überlassen.

Viele Leser meines Blogs haben mir geschrieben, dass ich sie inspiriert habe. Das freut mich sehr! Als ich als Medizinstudent spomedis vor gut 18 Jahren gegründet habe, stand die Verlagsphilosophie schon fest. Sie ist im Wesentlichen bis heute unverändert: „Richtig betriebener Ausdauersport ist gesund. Diese Tatsache hat nicht nur Bedeutung für den einzelnen Athleten, sondern auch für unsere gesamte Bevölkerung: Auf der einen Seite werden die Menschen immer älter, auf der anderen die Mittel für ihre Gesunderhaltung immer knapper. Wussten Sie, dass jeder Deutsche statistisch gesehen fast 20 Arzneimittelpackungen pro Jahr aufbraucht? Nur eine wesentlich stärkere Betonung des Präventionsgedankens kann hier langfristig und nahezu kostenneutral Abhilfe schaffen. Das Team des spomedis-Verlags möchte seinen eigenen kleinen Beitrag zum Ausweg aus diesem Dilemma leisten: Die Menschen zum Sport motivieren und Ihnen Tipps für das gesunde Sporttreiben mit auf den Weg geben – das ist unsere Auffassung einer modernen, aber anderen Medizin. Diesen Gedanken, der gleichermaßen im Gesundheits-, Breiten-, Leistungs- und Spitzensport gilt, verfolgen wir in unseren zahlreichen Buch- und Zeitschriftenprojekten.“ Ich habe rund um den Ironman Hamburg so unglaublich viel Zuspruch erhalten, dass ich gar nicht mehr allen persönlich danken konnte, die sich mit mir auf dieses Projekt und über den erfolgreichen Abschluss gefreut haben. Wenn mich heute Leute ansprechen, dass sie nur wegen mir und uns die Zigarettenpackung gegen das Zeitfahrrad getauscht haben, macht mich das sehr glücklich. Die vielen Rückmeldungen aus dieser Richtung motivieren mich, weiter zu motivieren, wenn auch nicht in einem Blog zum Thema Ironman Hamburg 2.0. Wie klein haben sich aber die wenigen gemacht, die in meinem Blog immer wieder den Kristallisationspunkt ihrer vorbekannten Negativaura gesucht und gefunden haben?

Zwölf Minuten zur Hawaii-Quali: Was nun?

Wer sich so zielgerichtet und ambitioniert auf einen Ironman vorbereitet, wie ich es in den vergangenen Monaten tun durfte, der denkt natürlich auch mal an Hawaii. Auch ich habe über das Was-wäre-wenn nachgedacht, das gestehe ich gern ein – auch wenn die Qualifikation wegen ihrer Unkalkulierbarkeit nie das oberste oder alleinige Ziel war. Nach den 9:40:21 Stunden des Ironman Hamburg haben mir zwölf Minuten und drei Sekunden für einen Kona-Slot 2017 gefehlt. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass ich im vergangenen September von der Ausgangsbasis Null (ich konnte sechs Minuten pro Kilometer laufen, meine FTP lag bei knapp 180 Watt) aus mein Training begonnen habe. Aber es ist genug, um nicht mit mir zu hadern, ob ich es am Wettkampftag hätte erreichen können. Ich bin auf Hawaii-Quali-Niveau geschwommen und Rad gefahren, im Laufen aber fehlen mir ein paar Grundlagenjahre.

Werde ich also im nächsten Jahr einen neuen, ernsthaften Anlauf auf die Quali nehmen? Darauf gibt es für mich nur eine Antwort, die nun vielleicht den einen oder anderen enttäuschen wird: Nein, einen so zielorientierten kompletten Neuaufbau auf eine Langdistanz wie in diesem Jahr wird es mit mir im nächsten Jahr ganz bestimmt nicht geben! Dafür sind mir die endlosen Radstunden im Regen in der Haseldorfer Marsch, die um 5 Uhr morgens beginnenden Rolleneinheiten, die regelmäßigen 30er-Läufe am Wochenende noch zu präsent. Meine Kinder sind nur einmal 7 und 10 Jahre alt. Ich möchte diese Phase nicht verpassen wegen Dingen, die warten können.

Werde ich stattdessen durch den Ärmelkanal schwimmen, die Goldberg-Variationen spielen, meinen ersten Roman beenden oder Japanisch lernen? Auch das halte ich für ausgeschlossen. Ich möchte einfach leben, für mich, meine Familie und meinen Verlag. In diesem Leben wird der Sport sicher eine größere Rolle spielen als zwischen 1998 und 2016, aber nicht die zentrale wie im Jahr 2017.

Aber werde ich auch weiterhin bei Triathlons finishen? Ich habe meine Pläne …