Zu schön, um wahr zu sein?

Obwohl die letzten drei Wochen von Schnupfen geprägt waren, fiel die zweite Rad-Leistungsdiagnostik für unseren Redakteur sensationell gut aus. Frühform? Messfehler? Diagnostik-Talent? In seinem Blog geht er auf Spurensuche.

Von > | 23. März 2017 | Aus: SZENE

Warum hat der eine Maske auf? Weil während des Rampentests die Atemgase gemessen werden.

Warum hat der eine Maske auf? Weil während des Rampentests die Atemgase gemessen werden.

Foto >Lennart Klocke / spomedis

Während ich diese Zeilen schreibe, stelle ich mir vor, wie ich auf einem Beichtstuhl sitze. Ich bin auf der einen Seite des Gitters und Sie, die Leser dieses Blogs, auf der anderen. Ich rutsche nervös hin und her, blinzle durchs Gitter und schäme mich meiner Tiefstapelei der Vergangenheit. Verbrochen habe ich nichts, im Gegenteil. Ich habe brav, intensiv und häufig unter Kohlenhydratmangel trainiert. Ich habe die Snackbox auf der Arbeit mit meinen Spenden nur in Maßen unterstützt und mich vor zwei Wochen durch die SWIM 100x100 gequält (und bin danach prompt wieder krank geworden). Außerdem bin ich bei meiner einzigen Outdoor-Fahrt in diesem Jahr die Südschleife des Ironman Hamburg abgefahren. Ja ja, ich bin ein Trainingsstreber!

Aber Fleiß, Struktur und Biss werden im Triathlon belohnt: Das Ergebnis meiner zweiten Leistungsdiagnostik auf dem Rad liegt vor und ist derart gut ausgefallen, dass ich eine Sektflasche öffnen könnte. Zur Erinnerung: Die Schwelle lag vor vier Monaten bei 293 Watt und nach 450 Watt war beim Rampentest Schluss. Und dieses Mal? Ich wusste, dass sich auf dem Rad ordentlich was getan hat – zumindest passe ich nicht mehr in meine Slimfit-Jeans, was übrigens ziemlich nervt, weil ich fast ausschließlich Slimfit-Jeans besitze. Daher hat mich nicht wirklich überrascht, dass ich die 475-Watt-Stufe 30 Sekunden lang durchfahren konnte. Doch die eigentliche Überraschung kam bei der anschließenden Auswertung: Die neue Schwelle soll bei 339 Watt liegen. Puh! Einen höheren zweistelligen Zuwachs hatte ich mir erträumt und eine „3“ vorn erwartet, aber dieser Sprung hat sogar Coach Marc verblüfft. Auch die VO2max hat sich nochmals erhöht auf 75 ml/min/kg (vorher 69). Beim Sprinttest war wieder bei rund 760 Watt Schluss – Sprinter werde ich keiner mehr in diesem Leben. Zudem habe ich zwei Kilogramm (jetzt 65,7) abgenommen und ein Prozent Körperfett verloren (jetzt 8 Prozent). Punktlandung auf ganzer Linie.

Rund 78 Stunden Radtraining stehen seit November im Trainingstagebuch. Mit Ausnahme einer Tour bin ich ausschließlich auf der Rolle gefahren – und habe meine Jungfernfahrt 2017 mit einem Hungerast bezahlen müssen. Ich profitiere enorm davon, wenn ich gleichmäßig fahren kann (was auf der Rolle sehr einfach ist), aber draußen extrem schwierig. Daher vertrage ich Leistungsspitzen auch nicht sehr gut. Ich würde behaupten, dass mir die Strecke des Ironman Hamburg auch weniger liegt, weil sich An- und Abstiege ständig abwechseln. Die Kraft reichte bei der Testfahrt nicht aus, um über die Kuppen treten zu können. Heißt für mich, dass ich im Wettkampf stur nach Watt fahren werde.

Zurück zur Diagnostik: Ich habe Marc gebeten, mir den Leistungszuwachs zu erklären. Seine Antwort: „Die höhere Schwellenleistung lässt sich mit zwei Hauptanpassungen erklären: Zum einen haben wir durch den gezielten Einsatz der Einheiten mit vorentleerten Kohlenhydratspeichern deine maximale Laktatbildungsrate (VLamax) nochmals deutlich gesenkt. Dies hat einen geringeren Kohlenhydratverbrauch zur Folge, was dir natürlich auf der Langdistanz in die Karten spielt. Und zweitens hast du deine bereits gut ausgebildete maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) um mehr als 200 ml erhöht. Die durchgeführten Intervalle im hochintensiven Bereich haben maßgeblich zu dieser Steigerung beigetragen. Und natürlich muss man auch sagen, dass du das erste Mal in deinem Leben regelmäßig und vor allem systematisch auf dem Rad trainiert hast.“ 

Zudem vermute ich, dass ich durchs regelmäßige Lauftraining eine gute Herzkreislauf-Basis mitbringe und sich nun die radspezifische Muskulatur ausbildet. Daneben bin ich ein Fan davon, ermüdet und unter Kohlenhydratmangel zu trainieren, um so dem Fettstoffwechsel Beine zu machen. Und zu guter Letzt: Ich trainiere penetrant nach Watt in meinen bei der ersten Diagnostik ermittelten Trainingsbereichen.

Soviel zur Theorie: Die Wahrheit liegt bei Triathleten bekanntlich auf dem Asphalt. Momentan bin ich wahrscheinlich eher sowas wie eine hochgezüchtete Labormaus. Deswegen steht Samstag zur Kontrolle ein FTP-Test in der freien Wildbahn an: 20 Minuten Vollgas bei 350 Watt. Halte ich für völlig illusorisch, Marc aber offenbar nicht: „Schalte einfach den Kopf aus und fahre.“ Tja, wenn es doch nur so einfach wäre! Denn je höher die Messlatte liegt, desto größer ist auch die Fallhöhe. Das Ergebnis gibt's auf Strava (www.strava.com/athletes/8751586). Mal sehen, ob ich dann nochmal zur Beichte muss – weil zu dick aufgetragen.

PS: STAPS ist übrigens grad „on Tour“. Wer Lust hat, seine Trainingswerte ermitteln zu lassen, findet hier mehr Informationen: staps-online.com/tour